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Die 3-Sekunden-Pause: Ruhig bleiben in Erziehung und Alltag

21/09/2015 17:29 CEST | Aktualisiert 21/09/2016 11:12 CEST
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Ich wünschte, ich hatte die Kaffeetasse meines Mannes nicht in der Spüle zerschmettert. Ich wusste es schon in dem Moment, als ich meine zitternden Hände gegen das mit Scherben gefüllte Metallbecken presste.

Reue schmerzt.

Ich wünschte, ich wäre auf dem Parkplatz nicht mit quietschenden Reifen losgefahren, nur weil alles nicht nach Plan lief. Ich wusste es schon in dem Moment, als mein Baby auf dem Rücksitz anfing zu weinen..

Reue brennt.

Ich wünschte, ich wäre nicht fluchend durch den Regen gerannt, weil ich mein Auto unter tausenden nicht finden konnte. Ich wusste es schon in dem Moment, als meine Tochter mit angsterfüllten Augen zu mir hochsah und mich fragte, ob alles in Ordnung sei.

Reue tut weh.

Ich könnte so weitermachen. Meine Liste der Überreaktionen ist lang und voller Schande. Ich hätte gerne, dass immer alles einfach glatt läuft. Aber in meinen extrem abgelenkten, überverpflichteten Jahren, wurde "Überreaktion" mein zweiter Vorname. Und Reue kam gleich danach. Reue folgt Überreaktion auf dem Absatz - jedes einzelne Mal

Keine Einzelfälle

Diese unschönen Zwischenfälle - die Kaffeetasse, die quietschenden Reifen, die Suche auf dem Parkplatz - sind mir unlängst wieder ins Gedächtnis gerufen worden. Obwohl sie schon vor Jahren passiert sind, kann ich mich noch genau daran erinnern. Genauer als je zuvor.

Ich erinnere mich daran, dass ich so wütend war, dass ich keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ich erinnere mich daran, so sehr die Kontrolle verloren zu haben, dass ich mich nicht mehr zusammenreißen konnte.

Ich erinnere mich daran, wie sehr ich mich in diesen Momenten selbst hasste. Ich erinnere mich daran, dass ich am liebsten wegrennen wollte. Aber vor allem erinnere ich mich daran, dass ich nicht mehr diese unbeständige Person sein wollte. Reue kann ein starker Motivator sein.

Wie ich mich gebessert habe

Wie habe ich angefangen, gelassen statt durchgeknallt, vernünftig statt unsinnig, beherrscht statt wütend zu reagieren? Eine meiner Strategien war es, mich bewusst zu bemühen, die guten statt der schlechten Seiten an einer Sache und an Menschen zu sehen.

Eine weitere Taktik war ein Mantra, mit dem ich meinen inneren Krawallmacher ausschalten wollte. Immer wenn mir ein kritischer Gedanke durch meinen Kopf wanderte, unterbrach ich ihn mit dem Gedanken: "Heute nur Liebe."

Eine weitere Taktik war, mir meine wütenden Worte bildlich als Autounfall vorzustellen, bei dem ich sehen konnte, wie mein Gegenüber verletzt wurde.

Die beste Lösung: Die Drei-Sekunden-Regel

Aber erst vor einer Woche, als ich über einige meiner peinlichen Ausbrüche in der Vergangenheit nachdachte, wurde mir klar, dass ich noch etwas anderes mache. Ich gebe mir selbst eine drei Sekunden lange Vorschau darauf, wie sich eine Situation entwickeln könnte, wenn ich meiner Wut freien Lauf lasse.

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Es war der erste Schultag nach zwei Wochen Ferien für meine Kinder. Der Schulbus sollte in vier Minuten da sein. Meine Töchter machten sich fertig, zogen sich Schuhe und Jacken an, suchten nach Wasserflaschen und Pausenbroten.

„Denk dran, dass heute Dienstag ist", rief ich meiner achtjährigen Tochter hinterher, die sich gerade ihre Stiefel anzog. „Tennisschuhe", fügte ich hinzu.

Meine Tochter blieb wie versteinert stehen. Sie drehte sich zu mir um, griff sich an den rechten Arm und sagte: "Mama, mein Arm tut mir heute weh. Kannst du mir bitte eine Entschuldigung schreiben?"

Ich soll dir jetzt eine Entschuldigung schreiben? Daran hättest du vorher denken sollen. Schmerzen im Arm? Lass mich raten: Zu viel Wii? Dafür schreibe ich dir keine Entschuldigung. Dir geht es gut. Los, wir müssen gehen. Der Bus kommt gleich.

Ich dachte diese Antworten. Ich dachte sie alle.

Aber ich sagte sie nicht.

Ein Beispiel

Denn während ich darüber nachdachte, was ich sagen wollte, gab ich mir selbst eine dreisekündige Vorschau auf das, was diese Antworten bewirken könnten. Aus der Vergangenheit wusste ich, dass diese Worte die Situation nicht verbessern würden. Sie würden alles nur verschlechtern.

Und dann geschah das:

Während ich mir meine drei Sekunden Pause gönnte, bemerkte ich etwas. Ich stellte fest, dass da echte Tränen in den Augen meiner Tochter waren... echte Tränen, die sie nicht weinen wollte... Echte Tränen, die sie herunterzuschlucken versuchte.

Die drei Sekunden Pause waren gerade lang genug, um diese Traurigkeit, diesen Schmerz, diese Sorge meiner Tochter zu erkennen. Es war ihr wirklich wichtig, dass ich ihr eine Entschuldigung schreiben würde.

Ich holte einen Schmierzettel aus einer Schublade, kritzelte eine kurze Entschuldigung an ihre Lehrerin darauf und gab sie meinem Kind.

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Ich hätte nie gedacht, dass ich die Kraft hätte, jemandem ein kleines Stückchen Frieden so zu reichen. Aber ich hatte sie. Meine empathische Reaktion auf die Situation meines Kindes hatte die Kraft, einen ganzen Morgen zu retten - ein Herz von Sorge zu befreien.

Was dann passierte

„Danke, Mama", sagte sie ruhig. Ich sah wie ihr Gesicht wieder Farbe bekam.

Ich dachte den ganzen Tag an den schmerzenden Arm meiner Tochter. Ich wusste, dass unsere Unterhaltung auch ganz einfach ganz anders hätte ausgehen können. Und obwohl ich mit meinen Worten nicht immer die richtige Entscheidung treffe, wusste ich, dass ich es dieses Mal geschafft hatte. Reue war nicht mein Begleiter an diesem Tag.

„Wie war der Sportunterricht?", fragte ich meine Tochter als sie aus der Schule nach Hause kam.

„Nunja, als ich zum Sport kam, habe ich gesehen, dass sie etwas machten, dass ich auch mit den Schmerzen im Arm tun konnte. Also habe ich die Entschuldigung gar nicht abgegeben und mitgemacht," sagte sie.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich meiner Tochter die Entschuldigung nicht geschrieben hätte. Meine Antwort auf ihre Bitte um 6.55 Uhr wäre von Wut, Ärger, Macht und Erschöpfung geprägt gewesen.

Wir hätten es wahrscheinlich nicht pünktlich zum Bus geschafft und hätten uns höchstwahrscheinlich im Streit getrennt. Sie hätte wahrscheinlich nicht die Möglichkeit gehabt, ihre eigene kluge Entscheidung zu treffen. Bei diesem Streit hätte es keinen Gewinner gegeben.

Das habe ich gelernt

Aber Gott sei Dank, sind die Dinge nun anders. Ich weiß jetzt, dass nicht jede Herausforderung ein Wettbewerb ist, bei dem es ums "Gewinnen" geht. Dass nicht alles so laufen muss, wie ich es mir vorgestellt habe.

Das Ziel jeder Unterhaltung ist, mich so auszudrücken, dass ich verstanden werde... so zuzuhören, dass auch mein Gegenüber verstanden werden kan ... und so aus der Situation herauszugehen, dass ich mit der Art und Weise, wie sie gehandhabt wurde, zufrieden bin. Reue, es ist schön, dich verschwinden zu sehen.

Meine Liste der Überreaktionen ist lang und hässlich, aber heute zählt mehr als gestern. Ich habe eine neue Liste angefangen. Eine Liste meiner empathischen Reaktionen. Diese Liste hat mich dazu inspiriert, eine kleine Erinnerung zu schreiben.

Eine Erinnerung daran, dass eine dreisekündige Pause reicht, um einen Morgen zu retten, Ärger zu ersparen und Reue als ewigen Begleiter in unserem Leben zu verhindern. Ich hoffe, diese Erinnerung bringt jemand anderem Hoffnung.

Ich denke mir: Ich bin meine Reaktion

Ich bin meine Reaktion auf das nicht zusammenpassende Outfit meines Kindes und die zerknitterte Lehrernotiz auf dem Boden ihres Schulranzens.

Ich bin meine Reaktion darauf, dass mein Mann vergessen hat, Klopapier zu kaufen, nicht aber die Süßigkeiten.

Ich bin meine Reaktion auf meine besorgten Eltern, die wieder und wieder ihren Ängsten Ausdruck verleihen und darauf bestehen, mir Ratschläge zu geben, die ich nicht brauche.

Ich bin meine Reaktion auf meinen Kollegen mit den traurigen Augen, der häufig nicht da ist.

Ich bin meine Reaktion auf meine Verspätung beim Frisör mit einem kranken Kind im Schlepptau.

Ich bin meine Reaktion auf meinen Nachbarn mit Herzproblemen, dessen Familie sich nicht kümmert.

Ich bin meine Reaktion auf den unverschämten Fahrer, der mich geschnitten hat und vor den Augen meiner Kinder eine obszöne Geste gezeigt hat.

Ich bin meine Reaktion auf die Bedienung, die meine Bestellung versiebt hat.

Ich bin meine Reaktion auf mich selbst, wenn ich die eine Sache vergesse, die ich heute unbedingt erledigen sollte.

Ich bin meine Reaktion auf den verschütteten Kaffee, lange Schlangen und mitten in der Nacht aufwachen.

Meine Reaktionen sind nicht perfekt ... sie sind nicht immer ideal ... ich bin auch nur ein Mensch.

Aber wenn ich mich bemühe, meine Reaktionen zu unterstreichen mit

Würde,

Verständnis,

Freundlichkeit,

Empathie

und Interesse,

dann ist das etwas.

Das ist etwas.

Denn meine Reaktionen sind mehr als Worte.

Sie stellen dar,

wer ich bin,

wer ich sein möchte,

und wie ich eines Tages erinnert werden möchte.

Heute werde ich nicht perfekt reagieren. Das weiß ich.

Aber ich gebe mir Mühe, mit Freundlichkeit und Liebe zu kommunizieren.

Das wird etwas sein,

dass mehr als Worte bedeuten könnte.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf www.handsfreemama.com.

Rachels neues Buch HANDS FREE LIFE, beschreibt, wie sie den Druck, den sie auf sich selbst und auf ihre Familie ausübte, löste und lernte, sich und ihre Familie so zu lieben, wie sie ist. HANDS FREE LIFE erschien auf Englisch am 8. September.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.

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