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Mandelas Traum von der Regenbogen-Gesellschaft

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Nun ist Nelson Mandela tot, die Beerdigungsfeierlichkeiten sind beendet, und vielleicht wurde diesmal in den Trauerreden nicht so viel gelogen, wie sonst üblich. Er wird sicher seinen Platz in der Geschichte haben, völlig zurecht. Doch sein Traum ging nicht in Erfüllung, denn der war nicht nur die Apartheid in der Republik Südafrika zu überwinden, sondern die Schaffung einer Regenbogengesellschaft, einer multikulturellen Gemeinschaft. Dies hat er nicht erreicht, nicht einmal ansatzweise, was aber nicht an einem eventuellen Unvermögen derjenigen liegt, die diese Regenbogengesellschaft schaffen wollen, sondern an der prinzipiellen Unmöglichkeit das derartige Konstrukte dauerhaft stabil sein könnten.

Wir sollten erst einmal einen Blick darauf werfen, was Multikulturalität eigentlich ist, nämlich genau das Gegenteil von Integration in eine Gesellschaft, es ist Separation. Verschiedene Gruppen (kulturell, religiös, ethnisch, sprachlich) vermischen sich nicht miteinander, sondern grenzen sich voneinander ab.

Gelegentlich wird dies auch »Pluriethnizität« genannt, was von den einzelnen Gruppen Toleranz, Respekt und Rücksichtnahme gegenüber den anderen verlangt, will man in einem gemeinsamen Staat leben. Ob der dann noch Nationalstaat genannt werden kann ist fraglich, vor allem dann, wenn sich die einzelnen Ethnien auch als Nationalitäten definieren.

In Deutschland geht man gewissermaßen beide Wege, den der Integration, als auch den der Multikulturalität. Klar ist, wenn die eigene Identifikation mit einer bestimmten Gruppe abgeschlossen ist, was eigentlich schon mit dem Erlernen der Muttersprache beginnt, ist ein vollständige Integration nicht mehr möglich. Es wird also keinen Königsweg geben, und über Integration soll es hier auch nicht gehen, sondern um Multikulti, der Regenbogengesellschaft.

Das was Nelson Mandela träumte, träumen ja auch viele Befürworter einer europäischen Einigung. Weniger kontrastvoll wie in der Republik Südafrika zwar, doch prinzipiell nicht anders. Ein Nebeneinander von verschiedenen Kulturen, Sprachen, Identitäten unter einem gemeinsamen Dach. Manchmal allerdings wird von europäischer Integration gesprochen, was aber eine europäische Identität voraussetzt, die als eher schwach angesehen werden kann und lediglich wenn es um Abgrenzungen zu Nichteuropa geht, ansatzweise zu erkennen ist.

Andere Bindungen, andere Indentifikationen sind dominanter, weshalb der Begriff europäische Integration eigentlich nichts aussagt. Genau genommen, gibt es diese gar nicht, sondern einen Versuch eine Pluriethnizität herzustellen, wobei wir hier die Bezeichnung Ethnie als Beschreibung für kollektive Identität betrachten sollten, was eine sehr weite Auslegung des Begriffs zulässt. Vielleicht trifft es Plurinationalität besser.

Beispiele wie so etwas versucht wurde, innerhalb der Grenzen eines Staates, gibt es. Kanada erhob bereits Anfang der siebziger Jahre den Multikulturalismus zur offiziellen Politik, andere Länder folgten, doch wurde daraus nicht viel mehr als ein praktizierter Minderheitenschutz. Erfolgreich war dies nirgends, im Gegenteil, Parallelgesellschaften entstanden und verfestigten sich, da Integration bei derartiger Herangehensweise eine untergeordnete Bedeutung zukommt, ja Integration nur in eine andere, dominierende, Kultur erfolgen kann.

Der vielgeschmähte Ausdruck »Leitkultur« trifft es haargenau. Ohne eine solche kann es keine Integration geben. Um es noch mal hervorzuheben: Integration ist etwas grundsätzlich anderes als Multikulti, es schießt sich geradezu gegenseitig aus.

Was in geografisch kleinen Räumen beobachtet werden kann, lässt sich auch auf größere, teils politische, Rahmen übertragen. Und hier muss festgestellt werden, dass Multikulti nirgends richtig funktionierte, eine Leitkultur löste die andere ab, oder verdrängte diese, gerade in Ballungsräumen mit großem Zuwandereranteil gut zu beobachten, weltweit.

Enklaven entstehen, die wiederum mehr in kulturellen Kontakt zu andern Enklaven in anderen Gebieten stehen, als zum direkten Umfeld. Zur Umgebung gibt es wirtschaftliche Verflechtungen, man nutzt die gleiche Infrastruktur und dergleichen, lebt aber ansonst mehr nebeneinander als miteinander. Von den Verfechtern einer Mittelmeerunion wird gerne der mutlikulturelle Raum dieses Gebietes hervorgehoben, doch als einheitliches kulturelles Gebiet galt es nicht mal zu Zeiten des Römischen Reiches. Wirtschaftlich sah es da ein wenig besser aus, weil hier eben kulturelle lokale Unterschiede keine so große Rolle spielen. Dennoch, auch im Römischen Reich entstand keine Regenbogengesellschaft, sondern immer war eine Kultur dominierend, die allerdings so weit tolerant war, dass, wenn nicht das Machtgefüge Roms in Frage gestellt wurde, man den verschiedenen Ethnien weitestgehend freie Hand ließ.

Gab es überhaupt jemals so etwas wie eine Regenbogen- oder Multikultigesellschaft die funktionierte, sich dann als ein gemeinsames, eben buntes, Gebilde verstand? Von sich selbst heraus wahrscheinlich nicht, äußerer Druck kann das wohl erzeugen, wie die durchaus demokratischen Verhältnisse diesbezüglich in den Piratenenklaven der Karibik zeigten, dies aber sehr speziell ist, und nicht auf alle Piratengemeinschaften zutrifft die anderswo ethnisch und kulturell sehr homogen sein können.

Immer sind die besonderen Umstände zu betrachten, wenn so etwas wie Multikulti scheinbar funktioniert. Ausnahmen betätigen eben auch hier die Regel. Doch selbst diese Ausnahmen entsprechen selten nur annäherungsweise dem Multikultiidealbild. Besonders eindringlich schilderte dies am Beispiel Sarajevo, diese Stadt die über die Jahrhunderte als multikulturelle Stadt galt, Prof. Dr. Holm Sundhaussen in einem Vortrag vor der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Er beginnt mir einem Zitat von Ivo Andrić:

Wer in Sarajevo die Nacht durchwacht, kann die Stimmen der Nacht von Sarajevo hören. Schwer und sicher schlägt die Uhr an der katholischen Kathedrale zwei nach Mitternacht, es vergeht mehr als eine Minute, ich habe genau fünfundsiebzig Sekunden gezählt, und erst dann meldet sich schwächer, aber mit einem durchdringendem Laut, die Stimme der orthodoxen Kirche, die nun auch ihre zwei Stunden schlägt. Etwas später schlägt mit einer heiseren und ferneren Stimme die Uhr am Turm der Beg-Moschee, sie schlägt elf Uhr, und zeigt elf gespenstische Stunden an, nach einer seltsamen Zeitrechnung ferner fremder Gegenden. Die Juden haben keine Uhr, Gott allein weiß wie spät es bei ihnen ist, wie spät nach Zeitrechnung der Sepharden und derjenigen der Aschkenasen. So lebt auch noch Nachts, wenn alle schlafen, der Unterschied fort im zählen der verlorenen Stunden dieser späten Zeit. Und dieser Unterschied, der manchmal sichtbar und offen ist, manchmal unsichtbar und heimtückisch, ist immer dem Hass ähnlich, sehr oft aber mit ihm identisch.

Sollen wir wirklich auf Hass eingehen, ein Gefühl, das im Verhältnis der Völker und Ethnien wir überwunden haben glauben? Sicher, wir müssen das, weil Hass, auch das betont Sundhaussen, eine Ressource ist, die aktiviert und deaktiviert werden kann. In Sarajevo genau so wie anderswo auf der Welt. Ausgerechnet die Stadt Sarajevo war voll davon, und Bosnien als Multikultistaat sowieso. Ändern sich die Umstände, die ein friedliches Neben- und Miteinander, was ja der Kern von Multikulturalität ist, dann wird um Vorherrschaft gerungen und in diesem Kampf tritt der Hass aus einer vergessen geglaubten Ecke wieder in den Vordergrund.

Imperien, wie das Osmanische oder das Römische Reich, können, so lange sie stark genug sind, diesen Ausbruch des Hasses verhindern, sie üben einen Druck auf die Ethnien, oder Kulturen, oder Religionen aus, damit diese sich friedlich arrangieren, wobei die Kultur des Imperiums die Leitkultur ist, allerdings verbunden mit weitreichenden Minderheitenschutz.

Schwächelt das Imperium, brechen die Konflikte aus, wobei oft die Fratze des Hasses alle anderen Gründe überdeckt. So wenig wie Imperien Regenbogengesellschaften waren, so wenig sind es auch kleine geographische Einheiten wie Länder, Städte oder Stadtteile. Nur durch äußeren Druck bleiben Multikultigesellschaften am Leben, und der hauptsächliche Grund ist, dass ein Minderheitenschutz der per Gesetz konsequent durchgesetzt wird.

Nun, was hat das alles mit der europäischen Einigung zu tun? Sehr viel glaube ich, denn zu meinen, heute wären die Menschen prinzipiell anders als früher, sie nicht mehr das Bedürfnis hätten sich zu assoziieren und dissozieren, ist illusorisch. Und ein Imperium will Europa ja auch nicht sein, also kann es auch keinen Druck auf die einzelnen Länder ausüben, die man dann wohl Provinzen nennen müsste.

Europa will ein Multikultigebilde werden, ein Neben- und Miteinander zum gegenseitigen Nutzen, was aber nicht funktionieren kann, weil es eben nicht den Druck ausüben kann wie es ein Imperium im Stande ist, von dem wiederum eine Leitkultur erwartet werden muss, ohne diese es gar nicht erst entstehen kann. „Die multikulti Idee wurde von Intellektuellen entwickelt, die mehr noble humanistische Gedanken als Erfahrung hatten", schrieb Frankz in der ZEIT, gleiches könnte man über diejenigen sagen, die eine Vereinigung Europas hin zu einem einheitlichen Staatsgebilde anstreben, auch europäische Einigung genannt. Integration ist unmöglich, es sei denn man akzeptiert ein europäisches Imperium mit einer Leitkultur, und Regenbogen- oder Multikultigemeinschaft geht genauso wenig, aus den gleichen Gründen.

Warum aber, so mag man sich hier nun fragen, ist es denn zu diesen unbestreitbaren Fortschritten für die Menschen in Europa gekommen, dass der Hass nach dem großen Krieg in die hinterste Ecke verbannt werden konnte und es den Anschein hatte, als ob quasi aus einer Idee heraus ein gemeinsames europäisches Haus entstehen könnte. Die Menschen kamen sich näher, weil sie Handel miteinander trieben, Netzwerke entstanden die nicht einer politischen Idee folgten, sondern ökonomischen Gesichtspunkten, was letztlich nichts anderes war, als das was wir heute Globalisierung nennen.

Die Politik hat nur Hindernisse aus dem Weg geräumt, damit diese Netzwerke sich entfalten konnten und man mag in dieser Hinsicht an Bruno Latour und seine Akteur-Netzwerktheorie denken, die hier auch einen Erklärungsansatz geben könnte, bei der nicht nur die Mensch zu Mensch Beziehung in die Betrachtung einbezogen werden, sondern auch Objekte, Orte, Infrastruktur und dergleichen. Und in diesen Netzwerken spielen Religion, Nationalität, eigene Identifizierungen eine untergeordnete Rolle. Es wird höchste Zeit, die Entwicklung Europas auch unter diesen Gesichtspunkten zu betrachten. Die Annäherung der Nationen sozusagen ein selbst organisierender Prozess war, zu dem die Politik nur etwas beitragen konnte, in dem sie Hindernisse abbaute, Grenzen durchlässiger machte, freien Handel zuließ.

Auch in dieser Hinsicht lohnt ein Blick nach Sarajevo, diesem Mircokosmos der Identitäten. Dass man sich trotz scheinbar unüberbrückbarer Gegensätzlichkeiten trotzdem partiell zusammen fand, schildert Sundhaussen so:

Wie in anderen osmanischen Städten, bestand auch in Sarajevo eine klare Trennung zwischen Geschäftsviertel, wo Religion und ethische Zugehörigkeit keine Rolle spielten, und dem Wohnviertel, die sich entsprechend dem Glaubensbekenntnis seiner Bewohner zusammensetzt.

Vielleicht ist dies ein neuer Ansatz Europa zu begreifen, als ein Geschäftsviertel in dem sich die Menschen näher kommen, die entsprechenden Netzwerke führen sie zusammen. Damit sich diese entfalten können müssen nur Hindernisse aus dem Weg geräumt werden, die Wohnviertel aber, dort wo und wie sich die Menschen nach ihrer Nationalität und Kultur zusammenfinden, darum sollte sich Europa nicht kümmern.

Multikulti- oder Regenbogengesellschaften sind demnach schlicht nicht notwendig, deren Stabilität nur durch äußeren Druck aufrecht erhalten werden kann. Träume sind Schäume, ganz besonders die von den Regenbogengesellschaften.

 
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