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Anthropozän und Technium: Eine Frage der Zukunft

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Anthropozän und Technium: Zwei Begriffe, die die gleiche Zeit beschreiben, ab dem Punkt, an dem sich der Mensch mittels Technik die Natur und seine Umwelt zu Diensten macht. Nein, eigentlich mehr noch, als der Mensch begann, sich in nennenswertem Umfang von den Launen der Natur zu befreien, etwa ab der industriellen Revolution.

Der erste Begriff, Anthropozän, wurde von Paul Crutzen geprägt und wird vor allem dann verwendet, wenn der schädliche Einfluss des Menschen auf die Natur und die Geosysteme beschrieben wird.⁽¹⁾ Der zweite Begriff, Technium, geht auf Kevin Kelly zurück, der damit die Entwicklung und Weiterentwicklung von Technik als einen evolutionären Prozess beschreibt, welcher vom Menschen nur bedingt geplant und gelenkt werden kann.⁽²⁾⁽³⁾

In Novo-Argumente geht Thilo Spahl auf die Vorstellungen Kellys ein und beschreibt ein überaus positives Bild der Zukunft:

"Wenn wir aufhören, uns die Zukunft als Energiesparvariante der Gegenwart zu denken, uns über die Expansion des Technium als Expansion des Menschenmöglichen zu freuen, dann können wir eine große Zukunft schaffen"

Beide Begriffe erlauben einen Blick in die Zukunft, was vorstellbar ist, wie sich die Menschheit weiter entwickeln wird. Das Anthropozän als warnende und apokalyptische Vision, mit der Mahnung auf Verzicht und Einhalt; und das genaue Gegenteil, das Technium als evolutionärer Prozess in eine Zukunft mit mehr Möglichkeiten für die Menschheit.

Heute, so scheint es, haben die Vorstellungen Crutzens eine breite Anhängerschaft gefunden und müssen als gesellschaftliche Hauptströmung betrachtet werden. Zumindest wenn man die Zeitung aufschlägt, oder Fernsehen schaut. Lediglich im Internet finden sich in nennenswertem Umfang Meinungen, die dem widersprechen. So wundert es auch nicht sonderlich, dass gerade die Netzgemeinde den Begriff Technium sehr offen angenommen hat, Vorstellungen über eine technische Evolution, als Wesen der Technik, die vom Menschen eben nicht kontrolliert werden kann, finden hier breiten Zuspruch.⁽⁴⁾

Das führt uns zu der Frage, wie diese beiden gegensätzlichen Vorstellungen vereinigt werden können, ob es so etwas wie einen goldenen Mittelweg gibt, der beiden Seiten gerecht wird? Wohl kaum! Hier ist nun die Versuchung groß, in fatalistischer Manier diesen dualistischen Zustand als etwas zu akzeptieren, welches seit jeher die Menschheit begleitet. Mal setzt sich das eine durch, mal das andere.

Wenn man sich mit dieser Antwort nicht zufriedengibt, dann ist es hilfreich zu betrachten, wie denn diese sich gegenseitig ausschließenden Zukunftsvorstellungen auf Menschen, auf die Gesellschaften wirken. Wo werden welche Erklärungen und Ideen aufgenommen und wo werden sie abgelehnt?

Auch hier wirken verschiedene Kräfte, und die Oberhand wird die Vision bekommen, welche sich am breitesten in der Gesellschaft verankert. Diese ist nämlich keine homogene Masse, sondern in eine Vielzahl von Teilbereichen gegliedert, die mal mehr, mal weniger miteinander in Abhängigkeit stehen. Dieses miteinander Wirken ist auch so etwas wie ein evolutionärer Prozess. Neue Möglichkeiten werden ausgelotet, Technik eingegliedert, aus philosophischen Betrachtungen Handlungsweisen entwickelt und vieles mehr. Dieser stetige Wandel kennzeichnet jede Gesellschaft. Werden neue Entwicklungen schnell aufgenommen, so befinden sich diese Gesellschaften im Vorteil gegenüber denjenigen, in welchen eher Bewahrungskräfte wirken.

Zum Wesen der Evolution, so wie wir sie von der Natur kennen, gehört auch der Tod. Fehlentwicklungen sind nicht überlebensfähig, genauso wenig wie Organismen, die eine mangelnde Anpassungsfähigkeit auf eine sich verändernde Umwelt oder neue Konkurrenten kennzeichnen. Das trifft natürlich auch auf Gesellschaften zu, und es gibt eine Vielzahl von Theorien, welche Ursachen der soziale oder gesellschaftliche Wandel hat; beziehungsweise, warum Wandel oder Anpassungen nicht geschehen. Auf alle einzugehen, würde den Rahmen hier sprengen. Deshalb möchte ich wieder zur Anfangsfrage kommen, welches Zukunftsszenario ist wahrscheinlicher - das des Anthropozäns des Herrn Crutzen oder das Technium nach Kelly?

Um Zukunftsszenarien besser nach ihrer Wahrscheinlichkeit einordnen zu können, ist es notwendig zu erkennen, welche Kräfte in der Vergangenheit wirksam waren, und ob dies mit der Theorie der Evolution von Gesellschaften vereinbar ist.

Schon lange vor Kelly wurde erkannt, dass Innovationen und wie diese angenommen werden. eine wesentliche Ursache für Veränderungen waren. Die wohl verständlichste Erklärung stammt von William F. Ogburn und wird als Cultural Lag, oder kulturelle Phasenverschiebung bezeichnet.⁽⁵⁾ Kernaussage ist, das neue Innovationen innerhalb einer Kultur in die Gesellschaft integriert werden müssen und dass dies zu Spannungen führen kann, weil alte Strukturen aufbrechen, wobei gleichzeitig neue Möglichkeiten entstehen. Diese Innovationen können sowohl technologisch, als auch ideologisch sein. Ogburn ist allerdings der Meinung, dass in unserer modernen westlichen Kultur die Technik das vorauseilende Kulturgebiet ist, während die übrigen Gebiete der Kultur nachhinken. Das hat selbst Aurelio Peccei, einer der Gründer des "Club of Rome" erkannt, betont aber, in typisch alarmistischer und zukunftspessimistischer Weise, die Gefahren, die daraus erwachsen.⁽⁶⁾ Und damit steht er nicht allein, fast die gesamte Gilde der Soziologen und nicht wenige Historiker entdecken in der determinierenden Kraft von Innovation und Technik mehr Gefahren als Vorteile. Auch in der Bevölkerung gibt es von jeher Vorbehalte gegenüber Technik und Innovation. So wurde schon 1819 in der "Kölnischen Zeitung" dargelegt, warum Gasstraßenbeleuchtung abzulehnen ist.⁽⁷⁾

In einer Seminararbeit von Martin Wettstein werden die Teilbereiche der menschlichen Gesellschaft oder Kultur in zwei Dimensionen dargestellt: Technologie und Zeremonialismus.⁽⁸⁾ Als bremsende Faktoren werden Ritual, Gewohnheit, Idealisierung des Status Quo oder der Vergangenheit und die Nähe zu rituellen Teilbereichen genannt. Hier wird klar, wo das wirkliche Problem liegt: in der Trägheit der Gesellschaft. Nochmal Wettstein: "Je stärker ein Teilbereich auf die Technologie fixiert ist, desto eher werden Innovationen gemacht oder integriert. Je mehr ein Teilbereich auf Zeremonialismus fixiert ist, desto langsamer werden Innovationen angenommen (vgl. Glade 1952: 433). Die Extrempositionen werden dabei durch Ingenieurberufe und Forschung auf der einen und religiöse Institutionen auf der anderen Seite gebildet." Dies ist natürlich durch die Kürze der Darstellung sehr vereinfacht, aber wenn wir uns die Anhänger und Freunde von quasi-religiösen Nachhaltigkeitsvorstellungen ansehen, so bekommen wir ein vollständigeres Bild.

Nun werden die Liebhaber der Nachhaltigkeit hier einwenden, dass sie ja auch für Innovationen eintreten, aber eben nur für solche, die ethisch in ihrem Sinne vertretbar sind. Damit wäre aber der ganze Denkansatz, wonach sich Gesellschaften, und auch die Technik, durch evolutionäres Wirken weiterentwickeln, abzulehnen, und durch kreationistische Vorstellungen zu ersetzen. Innovation nach Plan, sozusagen.

Für Kelly, und viele andere auch, ist dies nicht darstellbar und ein Wunschbild. Evolution wirkt eben nicht so, wie sich die Anhänger eines intelligent Design es sich vorstellen. Technik hat eine Eigendynamik. Werner Heisenberg hat dies schon 1957 in Bezug auf die Technik mit den Worten formuliert: "erscheint ... die Technik fast nicht mehr als das Produkt bewusster menschlicher Bemühungen und die Ausbreitung der materiellen Macht, sondern eher als ein biologischer Vorgang im Großen, bei dem die im menschlichen Organismus angelegten Strukturen in immer weiterem Maße auf die Umwelt des Menschen übertragen werden; ein biologischer Vorgang also, der eben als solcher der Kontrolle durch den Menschen entzogen ist."⁽⁹⁾

Hier könnten noch viele verschiedene Stellungnahmen und Überlegungen aufgezählt werden, die meisten gehen davon aus, dass die Technik ein evolutionärer Prozess ist, nur die Schlüsse die daraus gezogen werden, sind unterschiedlich.

Die einen möchten diesen Prozess nutzen, und die Komponenten für sich heraussuchen, die sie möchten, oder die die Gesellschaft mehrheitlich möchte. Wobei das Individuum ebenfalls noch die Wahl hat und nicht an Mehrheitsmeinungen gebunden ist. Andere wollen in diesen evolutionären Prozess eingreifen und schon das Entstehen neuer Technik verhindern, und wenn das nicht geht, dann wenigstens die Anwendung verhindern. Wie dies gehen soll, beschreibt Arnold Gehlen: "Der Zusammenhang von Wissenschaft, technischer Anwendung und industrieller Auswertung bildet längst auch eine Superstruktur, die selbst automatisiert und ethisch völlig indifferent ist. Eine durchgreifende Änderung ist fast nur so vorstellbar, dass sie an den extremsten Enden angreift: beim Wissenwollen, dem Anfangspunkt, oder beim Konsumierenwollen, dem Endpunkt des Prozesses. In beiden Fällen wäre die Askese, wenn sie irgendwo aufträte, das Signal einer neuen Epoche."⁽¹⁰⁾ Das schrieb er 1957, und diese neue Epoche der Askese ist bereits angebrochen, und zwar in Gestalt von kreationistischen Nachhaltigkeitsvorstellungen.

Aber lässt sich durch diese Askese überhaupt eine Entwicklung, die ja geradezu biologischen Charakter hat, aufhalten? Kann man Forschungen und Neugier verbieten? Sicher nicht. Genauso wenig wie die Umsetzung von Erkenntnissen in Technik im globalen Maßstab. Für die eigene Gesellschaft ist dies vorübergehend schon möglich, doch sollte man sich bewusst sein, dass dies anderswo nicht geschieht, und man somit ins Hintertreffen gerät.

Mehr noch, da Teile der Gesellschaft Innovationen integrieren möchte, die die andere Teile ablehnen, führt dies zu Krisen, die die Stabilität der gesamten Gesellschaft gefährdet (Ogburn). In diesem Stadium kann nur eine Innovation helfen, welche die Kultur wieder zu stabilisieren vermag. Sollte dies nicht geschehen, so kommt es zum Zerfall oder einer Übernahme durch ein stärkeres Gesellschaftsmodell oder eine stabilere Kultur (Wettstein). Mit einfacheren Worten: Die Kultur einer Askese schadet und destabilisiert die Gesellschaft, was letztlich zu deren Untergang oder Marginalisierung führt.

Wenn sich die Gesellschaft mehrheitlich von den apokalyptischen Vorstellungen eines Anthropozän im Sinne Paul Crutzens leiten lässt, verbunden mit einer Kultur der Askese, wird sie der Evolution zum Opfer fallen. Neue aufstrebende Staaten oder Regionen werden an die Stelle derer treten, die dereinst mit der industriellen Revolution etwas begonnen haben, was die Menschheit in eine unzweifelhaft bessere Lage versetzt hatte. Lebensstandard, Lebenserwartung wurden erhöht und haben uns in eine Lage gebracht, in der wir Herausforderungen und Bedrohungen nicht mehr fatalistisch entgegensehen müssen, sondern diese selbst in Hand nehmen und lösen können. Wissenschaft und Technik bringen gemeinsam Innovationen hervor, die die Möglichkeiten der Menschheit im Ganzen sowie die des Individuums im Einzelnen erweitern. Darauf zu verzichten ist selbstmörderisch und töricht.

Wir haben die Wahl zwischen Anthropozän und Technium. Nein, nicht mal das, das Technium wird kommen, die Frage ist nur, ob unsere Gesellschaft bei dem Versuch, das Technium zu verhindern, vor die Hunde geht oder sich eines besseren besinnt.

Verweise und Erläuterungen

(1) Wikipedia nennt als Schöpfer dieses Begriffes den italienischen Geologen Antonio Stoppani. Heute wird für Anthropozän in der politischen Debatte hauptsächlich die von Paul Crutzen geprägte Interpretation verwendet.
[Klimawandel-Wiki: Anthropozän]
[Wikipedia: Antonio_Stoppani]

(2) Das Technium, so wie ich es verstehe, ist nicht nur die Gesamtheit aller Technik, sondern auch tief in unsere Kultur verwoben. Es umfasst nahezu alles, was wir mit unserem Geist geschaffen haben, Geräte, Infrastruktur, Straßen, Elektrizität, aber auch Alltagsgegenstände wie Bücherregale und Staubsauger. Dies alles ist mehr als nur die Summe seiner Teile - nahezu jede neue Erfindung baut auf früheren auf und ist auch systemisch vernetzt: Maschinen können nicht ohne elektrische Nervenbahnen kommunizieren, für Elektrizität müssen wir Kohle verbrennen oder Uranbrennstäbe verwenden; für Sollarzellen müssen seltene Metalle geschürft werden. Keine Fabrik funktioniert ohne Warenkreislauf, rollende Lkws und Güterwaggons. So greift immer eins ins andere, und in der Gesamtheit bilden all diese Beziehungen eine Art Über-Organismus oder Ökosystem, innerhalb dessen sich die ganzen Einzeltechnologien bedingen, unterstützen und in Gang halten.
[screen.tv n.08: „Ich bin kein Utopist" Wired-Gründer Kevin Kelly im Interview (pdf | 1,9 MB)]

(3) Die technologische Zukunft in ihrer Gesamtheit ist das, was sich durch menschliches Handeln, aber nicht vom Menschen geplant und nur begrenzt vom Menschen gelenkt, aus der technologischen Gegenwart entwickelt. So sieht es zumindest der Autor und Gründer des US-Technologiemagazins "Wired", Kevin Kelly, der den Begriff des „Techniums" geprägt hat.
[Novo Argumente: Fortschritt in der anthropogenen Welt: Auf ins Technium!]

(4) Und mit dieser simplen Verkehrung der Perspektive ergibt sich ein Modell der Erklärung der digitalen Welt, das ähnlich wie das Bild von "Natur" kaum in gut oder schlecht geordnet werden kann - sondern eben als Teil einer übergeordneten Entwicklung. Betrachtet man das Internet nach dem genialen Organismusmodell des Technium, lassen sich die Argumente beider Seiten sehr viel einfacher nachvollziehen.
[S.P.O.N. Sascha Lobo: Das Technium]

Kevin Kelly erklärt die Gesetzmäßigkeiten des Techniums.
[dctp.tv: Die Gesetze des Techniums - "Nein, die Maschinen werden nicht die Macht übernehmen"]

(5) According to Ogburn, cultural lag is a common societal phenomenon due to the tendency of material culture to evolve and change rapidly and voluminously while non-material culture tends to resist change and remain fixed for a far longer period of time. Due to the opposing nature of these two aspects of culture, adaptation of new technology becomes rather difficult. This distinction between material and non-material culture is also a contribution of Ogburn's 1922 work on social change.
[Wikipedia: Cultural lag]

(6)Aurelio Peccei betonte, dass das Zurückleiben der geistigen hinter der technischen Entwicklung die eigentliche Gefahr für das Überleben der Menschheit sei. (Johan Hendirik Jacob van der Pot, Die Bewertung des technischen Fortschritts, S. 789 )
[Google Books: "Die Bewertung des technischen Fortschritts"]

⁽⁷⁾ Jede Straßenbeleuchtung ist verwerflich. Aus einem Artikel der "Kölnischen Zeitung" vom 28. März 1819 gegen die Einführung der Straßenbeleuchtung mit Gas:
1. Aus theologischen Gründen:
Weil sie als Eingriff in die Ordnung Gottes erscheint. Nach dieser ist die Nacht zur Finsternis eingesetzt, die nur zu gewissen Zeiten vom Mondlicht unterbrochen wird. Dagegen dürfen wir uns nicht auflehnen, den Weltplan nicht hofmeistern, die Nacht nicht zum Tage machen wollen. ....
[Stadtarchiv-Heilbronn: "Jede Straßenbeleuchtung ist verwerflich"]

(8) Die Geschwindigkeit, mit der ein Teilbereich der Gesellschaft eine Innovation adaptieren und integrieren kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab und kann sich stark unterscheiden. Die Nähe zu einem technologischen oder wissenschaftlichen Teilbereich beschleunigt dabei die Geschwindigkeit der Integration, während Ritual, Gewohnheit, Idealisierung des Status Quo oder der Vergangenheit und die Nähe zu rituellen Teilbereichen sie verlangsamt (vgl. Glade 1952: 431). Vereinfacht kann davon ausgegangen werden, dass sich die Teilbereiche der menschlichen Gesellschaft oder Kultur in zwei Dimensionen erstrecken: die Technologie und den Zeremonialismus.
[academia.edu: "Kulturelle Evolution und Cultural Lag auf dem Prüfstand"]

(9) Zitat aus: Johan Hendirik Jacob van der Pot, "Die Bewertung des technischen Fortschritts", S. 740.
[Google Books: Die Bewertung des technischen Fortschritts]

(10) Zitat aus: Hendirik Jacob van der Pot, "Die Bewertung des technischen Fortschritts", S. 736.
[Google Books: "Die Bewertung des technischen Fortschritts"]

Beitrag auch erschienen in Glitzerwasser