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Wie es sich anfühlt, wenn der Schulfreund abgeschoben wird

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ABSCHIEBUNG BERLIN
Q-rage online
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Wie fühlt sich das an, wenn die eigenen Mitschüler vom einen Tag auf den anderen nicht mehr da sind, weil ihre Abschiebung droht?

Drei Schüler der Johanna-Eck-Oberschule in Berlin mussten diese Erfahrung machen. Sie haben ihre Eindrücke für die Aktion "Q-rage!" online aufgeschrieben.

"Wallah, wir bleiben immer zusammen"

Am Donnerstag, den 15. Juni 2017, haben wir um 09:09 Uhr eine schlechte Nachricht in unserer Klasse erhalten.

Ein Schüler aus meiner Klasse, der aus dem Kosovo kommt, hatte schon lange Angst, dass er abgeschoben werden könnte. Er heißt Fatlum, ist siebzehn Jahre alt und seit zwei Jahren in Deutschland.

Nach einem Jahr konnte er schon sehr gut Deutsch sprechen. Er war auch im Fußballverein und hat für sich ein gutes Leben in Deutschland geplant. Seine Freundin heißt Nikola und sie sind seit fast einem Jahr zusammen.

Als Nikola erfuhr, dass er in den Kosovo abgeschoben werden soll, konnte sie ihre Tränen nicht zurückhalten.

Ich war bei ihr, als sie es erfuhr. Sie sagte, an dem Tag, an dem er abgeschoben wurde, hatte sie das Gefühl, dass etwas mit ihm passieren wird. Ich habe ihr Hoffnung gegeben und habe sie Fatlum von meinem Handy anrufen lassen.

Aber da antwortete eine Frau, die wir nicht kannten. Nikola war erst eifersüchtig und dachte, Fatlum ist mit einem anderen Mädchen zu Hause. Doch es war alles schlimmer, als sie es gedacht hatte.

Es war eine Polizistin. Sie sagte, dass Fatlum bei ihr sei. Als wir das erfuhren fuhr Nikola mit einer Freundin in seine Wohnung. Sie konnte ihn noch sehen, als er seine Sachen packte.

Sie sah, wie überrascht er war. Die Polizei hat ihn zum Flughafen mitgenommen. Bevor er ging, sagte er einen letzten Satz zu Nikola: "Wallah, wir bleiben immer zusammen."

"Ich sollte nicht weinen, sondern Hoffnung geben"

Ich bin mit drei Jungs aus meiner Klasse und meiner Lehrerin zum Flughafen Schönefeld gefahren. Als ich sah, wie traurig Nikola war, konnte ich meine Tränen auch nicht halten. Auch ich habe geweint.

Obwohl ich nicht weinen, sondern ihr Hoffnung geben sollte. Das braucht sie jetzt.

Als die anderen Jungs aus meiner Klasse, die gerade auf einem Ausflug gewesen waren, erfuhren, was passiert war, kamen sie sofort auch zum Flughafen. Fatlums bester Freund war sehr traurig, aber hatte gleichzeitig auch Angst, dass er in dieselbe Situation kommen könnte.

Denn auch er kommt aus dem Kosovo.

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Wir wussten, dass Fatlums Flugzeug um 14:00 Uhr fliegen wird.

Wir warteten, obwohl wir wussten, dass wir ihn wahrscheinlich nicht sehen würden. Wir waren drei Stunden auf der Aussichtsplattform für Besucher um nur einen Blick von Fatlum zu bekommen.

Doch wir sind abgefahren, ohne ihn gesehen zu haben. Wieder zuhause haben wir mit ihm gesprochen und er meinte, er sei um 15:30 Uhr geflogen. Wir haben ihm ein Foto gesendet, wie wir auf dem Flughafen auf ihn gewartet haben. Er hat sich sehr darüber gefreut.

Unsere Klassenlehrerinnen waren sehr traurig. Sie haben einen Anwalt engagiert, damit Fatlum wieder zurückkommen kann. Ich habe immer noch Hoffnung, dass er wieder zu uns kommt. Wir warten auf ihn und wünschen, dass er so schnell wie möglich in unsere Klasse zurückkommt.

Ayah (16)

"Ich verstehe nicht, warum Mitschüler von mir einfach abgeschoben werden"

Am 15. Juni 2017, wartete ich auf dem Flur vor der Klasse auf einen Freund.

Da hörte ich ein Mädchen weinen. Jemand fragte mich, wo unsere Lehrerin sei. Ich antwortete: "Im Raum 315."

Mehrere SchülerInnen rannten an mir vorbei. Ich wollte wissen, was passiert war. Sie antworteten, dass ein Junge in den Kosovo abgeschoben werden soll. Der Junge heiße Fatlum und sei der Freund von dem weinenden Mädchen.

Mich überkam ein komisches Gefühl. Dieses Gefühl kann man schwer beschreiben, weil ich eigentlich nicht viel mit ihm zu tun hatte.

Ich hatte gelegentlich in der siebten Klasse mit ihm Sportunterricht gehabt. Ich hatte dieses eigenartige Gefühl deshalb, weil ich sonst so etwas nur im Fernsehen gesehen habe.

Mehr zum Thema: Ich bin 15 Jahre alt, 13 davon verbrachte ich in ständiger Angst - helft mir, sicher zu bleiben

Ich finde es sehr traurig, weil ich nicht weiß, was ich in so einer Situation machen würde. Ich finde es extrem schlimm, Personen, die einem nahe stehen, wegzureißen. Ich verstehe nicht, warum Mitschüler von mir einfach abgeschoben werden.

Ich habe selber einen Migrationshintergrund und verstehe nicht, warum ich problemlos hier leben kann und jemand anders nicht. Mein Name ist Justin. Meine Eltern kommen aus Polen. Ich bin neu in der AG "Schule ohne Rassismus".

Justin (14)

"Er hat ein Herz aus Gold"

Ich bin Rumyana und komme aus Bulgarien. Ich lebe seit 2014 in Deutschland. Zuerst war ich an einer Grundschule und dann bin ich 2015 an die Johanna-Eck-Oberschule gewechselt.

Ich möchte über meinen Mitschüler Fatlum nur kurz etwas erzählen. Er kommt aus dem Kosovo. Am 15. Juni 2017 wurde er dorthin zurückgeschickt.

Gestern früh am Morgen war ich in meiner Klasse.

Wir merkten: Fatlum war schon den zweiten Tag nicht in der Klasse. Seine Freundin Nikola machte sich Sorgen um ihn und rief ihn an. Eine fremde Frau war am Handy.

Nikola wollte nicht mit der Frau sprechen und gab das Handy an Mitko. Der sagte: "Wir wollen Fatlum sprechen. Wer sind sie?" Die Frau antwortete: "Ich bin die Polizei und wer sind sie?".

Mitko fragte, wo Fatlum sei. Die Polizistin antwortete, er fliege heute zurück in den Kosovo. Und leider könne sie ihn nicht ans Telefon holen.

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Wenn wir ihn sehen wollen, dürften wir nur in der nächsten halben Stunde zu ihm nach Hause kommen.

Sofort ging seine Freundin Nikola mit einer anderen Schülerin los. Weil er so weit weg wohnt, kam sie aber sehr spät an und konnte ihn nur zwei Minuten lang sehen. Er musste schon zum Flughafen.

Unsere Lehrerin wollte nur mit drei oder vier SchülerInnen zum Flughafen gehen. Sie sagte, das sei besser, damit Fatlum nicht traurig wird, wenn er uns sieht. Die anderen Schüler wollten aber auch zu Fatlum. Wir haben bis zum Ende der Stunde gewartet und sind dann schnell zum Flughafen Schönefeld gefahren.

Leider haben wir ihn aber nicht gesehen, weil er bei der Polizei war und die das nicht erlaubten. Wir hatten auch ein Geschenk dabei, konnten es ihm aber leider nicht geben.

"Unsere Klasse war wie eine Familie"

Er musste sogar sein Handy ausmachen, damit er zu niemandem Kontakt haben konnte. Er war in einem anderen Gebäude und wir konnten nicht zu ihm gehen. Das Gebäude sah aus wie ein Gefängnis. Als ob Fatlum jemanden getötet hätte.

Wir sind auf die Terrasse vom Flughafengebäude gegangen um Fatlum zu sehen. Wir haben von 12:00 bis 14:30 Uhr gewartet, aber leider haben wir ihn nicht gesehen. Und heute haben wir erfahren: Er ist um 15:30 Uhr von Deutschland Richtung Kosovo geflogen.

Ich bin sehr traurig, weil unsere Klasse wie eine Familie war. Und in dieser Familie fehlt nun uns jetzt Fatlum, unser Bruder.

Ohne ihn ist die Atmosphäre in der Klasse nicht gut. Und seit gestern können wir uns nicht konzentrieren und nicht gut schlafen. Wir machen bald zwei Klassenfahrten. Die erste geht nächste Woche nach Wittenmoor und die nächste nach London.

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Fatlum wollte gerne mitfahren.

Er ist ein sehr netter Junge. Er ist groß, siebzehn Jahre alt und hat braune Augen. Er ist sehr freundlich und hilfsbereit. Sein Lieblingsverein ist Real Madrid.

Er ist in meinen Augen ein sehr starker Junge. Wir alle glauben daran und hoffen, dass er wieder zu uns kommt und mit uns die zehnte Klasse macht. Er hat ein Herz aus Gold.

Heute sind wir zum Aktiventreffen von "Schule ohne Rassismus-Schule mit Courage" zu spät gekommen, weil wir in der Klasse überlegt haben, was wir tun können, damit Fatlum wieder zu uns kommt.

Unsere Lehrerinnen überlegen natürlich auch, was sie tun können. Wir werden alles machen, damit unser Bruder Fatlum wieder zu uns in die Klasse kommt. Ich bin sicher, er wird kommen.

Rumyana (16)

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(c) Q-rage! Das Geschenk für Fatlum konnten die Schüler*innen nicht mehr übergeben

Der Beitrag erschien ursprünglich auf Q-rage! Online.

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