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„Steinigt die Transe!"

18/01/2016 12:56 CET | Aktualisiert 18/01/2017 11:12 CET
Leah-Anne Thompson via Getty Images

Zwei Transsexuelle sollten in Dortmund von drei jungen, arabisch sprechenden Nordafrikanern gesteinigt werden, melden einige wenige Medien: Sat 1, Der Westen, Bild. Eine Betroffene meldet sich jetzt mit einem Kommentar zu Wort.*

Ich bin in Therapie und zwar in einer selbstverordneten Therapie:

Ich schreibe mir meine Wut, meine Frustration, meine Angst vom Leib

Ich habe die Bilder meiner transsexuellen Schwestern noch vor Augen

Ich wurde selbst in einer gleichartigen Situation schon übelst beschimpft

Ich erlebe die gleiche Gleichgültigkeit der Medien, der Menschen

Ich erlebe die Abwieglung, die Relativierung

Ich schreibe mit Tränen in den Augen

Steinigung in Dortmund, Nordrhein-Westfalen, Bundesrepublik Deutschland, Europäische Union

Eine Steinigung in Deutschland - wann gab es das zuletzt? In der Nazizeit? Ich weiß es nicht. Es ist mir auch egal. Im Moment jedenfalls. Was mir nicht egal ist: auch damals standen die Menschen beiseite. Es war eine Diktatur, es war gefährlich Menschen beizustehen, ja. Und heute?

Heute hindert keine Diktatur gegen das Unrecht aufzuschreien. Warum also die Stille von TAZ bis Spiegel? Hindert eine Mauer im Kopf viele Menschen gegen das Unrecht aufzuschreien? Heute wird es jedenfalls keine Lichterkette für die Opfer geben. Nicht für diese Opfer.

An den Opfern kann es nicht liegen. Sind sind Migranten. Sie gehören einer queeren Minderheit an. Sie wurden auf barbarischste Weise angegriffen.

Aber ihr Pech ist, dass es die falsche Tätergruppe ist. Und das löst Ängste aus. Die Angst, die vorgegebe politische Korrektheit zu verletzen. Die Angst, den Falschen zu nutzen. Die Angst. zugeben zu müssen, dass das eigene Weltbild nicht der Realität entspricht.

Dies alles wiegt offenbar schwerer als die Solidarität mit diesen Opfern.

Sat1 berichtet mit Interviews der beiden Transsexuellen, der Polizei. Und ich habe Tränen in den Augen, als sie berichten.

Und dann die Kommentare zum Bericht. Viele voller Solidarität, Zorn gegen die Täter, aber selbst hier, wo man das Leid nur schwer verleugnen kann, die altbekannten Phrasen.

R*** D**** - der sich auf seiner FB Seite für DIE LINKE, marxistische Veranstaltungen der SDAJ und Gysi begeistert - schreibt:

„Mus ja sein, ist ja nicht genug am Laufen, was Ausländerhass schürt. Wieviel Wahrheit auf SAT 1 ??? Gestellt ??? Das ist mir zu viel rassistischer Dreck letzte Zeit das es langsam immer unwahrscheinlicher ist."

Auch zahlreiche Hinweise, dass es lächerlich sei, sich zu solidarisieren, weil man sich ja sonst auch nicht um die Rechte transsexueller Menschen kümmern würde, fehlen nicht.

Ebenso wenig wie eine ganz offensichtlich türkischstämmige Bürgerin, die uns erklärt „im Islam gibt es sowas nicht, die Frauen dürfen nicht geschlagen und misshandelt werden, es ist verboten ,weil die Frauen auch Mütter werden."

Tja, ich kann keine Mutter werden - Pech gehabt!

Neu sind nur die Steine

Wir Transsexuellen kennen das.

Männer finden uns attraktiv, manche sprechen uns an, manche flirten mit uns, manche bedrängen uns - die gleichen Dinge, die jede Frau kennt.

Wir transsexuelle Frauen kennen noch etwas anderes: dass viele Männer, wenn sie ihren „Irrtum" erkennen, einen kleinen Moment „innehalten". Dann folgt ein peinlich berührtes Wegsehen, ein rasches Sichentfernen, ein schmunzelnder „Sorry-Du-bist-doch-nicht-mein-Typ-Blick".

Aber, es gibt auch die anderen Reaktionen, die wir seit Jahren kennen, über die wir uns in unseren Foren berichten und die viele, mich eingeschlossen, schon selbst erlebt haben.

Und die Täter haben nahezu immer einen muslimisch-arabisch-türkischen Hintergrund. Was -selbstverständlich - nicht zum Umkehrschluss berechtigt, aber das weiß ja jeder.

Die Taten reichen von Beschimpfungen bis hin zu tätlichen Angriffen

Ich selbst habe es erlebt. Der Täter war ein türkischer Wirt. Die Unterhaltung begann mit südländischem Charme. Bis nach einigen Sätzen ein Ruck des Erkennens durch ihn ging. Und ein Schalter in seinem Innern umgelegt wurde. Und er sich in der Mitte des Restaurants -breitbeinig mit Fäusten in den Hüften - hinstellte und mich lauthals beschimpfte. Vor allen Gästen. Immer und immer wieder.

Ich blieb ruhig und versuchte zu entgegnen. Wie ich das geschafft habe weiß ich nicht. Vergeblich war es.

Und dann: zu Hause, emotionaler Zusammenbruch, Weinkrämpfe über Stunden. Noch heute, Jahre danach ist die Erinnerung sehr gegenwärtig. Und ich sehe die sich gleichenden Bilder meiner Schwestern aus dem Sat 1 Bericht vor mir. Und ich habe Tränen in den Augen.

Muss ich mir sagen, ich hätte Glück gehabt?

Ich kenne Berichte von anderen, die körperlich angegriffen wurden. Ich kenne den Bericht über Marcel Rohrlack, den Grünen der in Drag vom CSD kommend, zusammengeschlagen wurde. Und, weil er die Täter benannte, noch ein zweites Mal verletzt wurde, nämlich durch die Reaktionen seiner Parteigänger, die ihm genau das übel nahmen.

Genauso, wie sie ihn gefeiert hätten, hätte er eventuelle Nazitäter klar benannt. „Mutig" hätten sie ihn genannt, „Solidarität" hätten sie für ihn eingefordert, „Maßnahmen" hätten sie sehen wollen. Und ich kenne Berichte die nirgendwo stehen, wo jedermensch sie lesen könnte.

Ist dies noch mein Land?

Wir haben so viel erreicht.

Schwule können nicht nur Vizekanzler, Regierender Bürgermeister, sondern sogar Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen werden. Ich kann als transsexuelle Frau - fast überall - frei und unbehelligt leben, mit einer Selbstverständlichkeit, die eigentlich traumhaft ist.

Und ich war mir sicher, dass auch die Reste von Diskriminierung verschwinden würden. Und jetzt muss ich erleben, wie mit jedem Tag die Gefahr wächst, dass die dunkle Vergangenheit in unser Land eindringt und es durchdringt und den bisherigen Kampf gegen die Diskriminierung zu einem Sandkastenspiel werden lässt.

Und dass Menschen, die hier berechtigt Schutz finden, genauso wie in ihren Heimatländern bedroht, beschimpft, geprügelt und sogar gesteinigt werden. Und ich habe wieder Tränen in den Augen. Aber es sind nicht mehr Tränen der Wut, es sind Tränen der Resignation.

*Name und Anschrift der Autorin sind den Verantwortlichen für diesen Blog bekannt. Sie möchte aus verstehbaren Gründen anonym bleiben.

Der Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Gaystream.info, dem Internetmagazin für schwule Männer

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