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Religion könnte der Politik auch gut tun - auch dort, wo es um Schwule und Lesben geht

06/07/2015 17:45 CEST | Aktualisiert 06/07/2016 11:12 CEST
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Auch wenn Religion immer wieder missbraucht wurde und wird, um Menschen politisch zu unterdrücken, kann sie eine wichtige Ergänzung zur Politik sein. Besonders da wo es um Werte wie Verantwortung, tiefes Vertrauen, gemeinsames Durch-Dick-und-Dünn-Gehen geht. Ein Beitrag von Peter Priller

Manchmal hat Politik auch was mit Spiritualität zu tun. Oder anders formuliert: Spirituelle Erfahrungen und religiöse Überzeugungen können in der Politik verdammt viel anrichten und durchaus lebensgefährlich werden. Man erlebt das allerorten, sowohl im muslimischen Bereich, aber leider auch im christlichen.

Es geht aber auch umgekehrt: Wenn Spiritualität frei ist von religiöser Spinnerei, wenn sie eine Offenheit für das meint, was über das Innerweltliche hinausgeht, wenn religiöse Überzeugung frei ist von Fundamentalismus und Absolutheitsansprüchen, dann können Spiritualität und religiöse Überzeugung sehr wohltuend sein in der Politik und überhaupt.

Denn Religion vermittelt etwas, das ich gar nicht gern mit dem Wort bezeichne, das mir dazu einfällt, aber ich find kein Besseres: Werte. Der Begriff „Werte" wird leider von religiösen und politischen Hardlinern total überstrapaziert und vor allem verwechselt. Sie verwechseln gern Werte mit Normen.

Werte zu vermitteln ist naturgemäß Aufgabe jeder Religion. Werte sind zum Beispiel Liebe, Ehrlichkeit, Empathie für Mitgeschöpfe und so weiter. All das, was man etwas antiquiert „Tugenden" nennen könnte. Das Gesamt der Werte in bestimmter Ordnung nennt man dann Ethik.

Normen sind dagegen was ganz anderes. Normen sind Regelungen, Gesetze, die dazu da sind, das konkrete Miteinander der Menschen zu regeln. Normen haben dem Menschen und dem Zusammenleben der Menschen zu dienen und nicht umgekehrt. „Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat" (Mk 2,27), diese Markusstelle weist den Normen grundsätzlich genau den Platz zu, der ihnen zusteht.

Öffnung der Ehe: Die Iren haben begriffen, dass der Wert über der Norm steht

Die Werte und deren Systematisierung, die Ethik, stehen über den Normen. Und jetzt komm ich auf den Punkt, warum ich ausnahmsweise hier Politik und Spiritualität hier zusammenbringe:

Das irische Votum für die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern hat die politische Debatte um das Thema in ganz Europa wieder voll angeheizt.

„Die Leute", damit meine ich die Mehrheit der vorwiegend röm.-katholischen Iren, haben offenbar, vermutlich ganz unreflektiert begriffen, dass der Wert über der Norm steht - ganz im Gegensatz zu römischen Hierarchen und protestantischen Bibelfundamentalisten.

Nicht ganz zu Unrecht wird die Öffnung des Instituts Ehe auf gleichgeschlechtliche Partner auch als „wertkonservativ" kritisiert. Ich muss ehrlich sagen: Wenn es wirklich um Werte geht und nicht um vordergründige Normen, dann bin ich gern auch wertkonservativ.

„Wenn jemand für seine uralten Normen Menschen über die Klinge springen lässt, werde ich zum Revoluzzer"

Verantwortung füreinander zu übernehmen, einem Menschen den wichtigsten Platz im eigenen Herzen zu geben, miteinander durch Dick und Dünn gehen, das sind Werte, die ich gern hochhalte und bewahre. Übrigens auch in anderen Bereichen, z.B. wenn es um die Bewahrung der Schöpfung geht, um Nachhaltigkeit für kommende Generationen.

Aber ich bin überhaupt nicht konservativ, wenn bestimmte Leute meinen, ihre Normen, nur weil sie schon sehr lange gegolten haben, über alles stellen zu müssen und Menschen dabei über die Klinge springen lassen. Da werd ich zum Revoluzzer.

Der Wert, der hinter der Ehe steht, hinter dem Miteinander zweier Partner - und das schließt alles mit ein, auch den Sex - dieser Wert ist schützenswert, auch durch staatliche Gesetzgebung. Die Normen, wer, wann wo, wie und mit wem eine Ehe schließen kann, haben sich diesem Wert unterzuordnen. Denn auch die gesetzlich geregelte Ehe ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Ehe.

Ich möchte uns Christen in der LGBTI-Community Mut machen, den Werten nachzuspüren, sie auch mal auf den Prüfstand zu setzten, ob es sich wirklich um einen Wert handelt. Dazu muss man manchmal auch sehr feinfühlig in sich hineinhören, Spiritualität pflegen.

Und ich möchte uns Mut machen, politisch laut und deutlich den Mund auf zu machen, wenn Menschen und deren Glück für äußere Normen und Gesetze geopfert werden.

Wer sich darum wenigstens bemüht, ist auf den Spuren des Mannes aus Nazareth, steht in der Nachfolge Jesu Christi.

Zum Autor: Peter Priller ist altkatholischer Priester. So seltsam das klingt, aber die Alt-Katholiken sind die fortschrittliche Form der römisch-katholischen Kirche. Mehr zu Peter Prillers sehr lebendiger Gemeinde findet man hier http://www.alt-katholisch.de/gemeinden/gemeinden/gemeinde-muenchen/bad-toelz.html


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