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Missbrauchsopfer: Warum ein „Felix- Rexhausen-Platz" sexuelle Gewalt verherrlicht

17/09/2015 11:12 CEST | Aktualisiert 17/09/2016 11:12 CEST
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Beate Lindemann, die in Kindheit und Jugend schwere Misshandlungen und sexuelle Gewalt erleben musste, wendet sich in einem Plädoyer gegen eine in Köln geplante Platzbenennung nach dem Autor Felix Rexhausen. Dessen Werk strotze nur so von Gewaltphantasien gegen Jugendliche.

Immer noch glauben u.a. einige „Grünen"- Politiker und der „Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen" (BLSJ) daran, dass Felix Rexhausen als Namensgeber für einen Platz in Köln geeignet sein könnte.

Was richtig ist: Rexhausen setzte sich für die Rechte von Homosexuellen und auch im Allgemeinen für die Rechte von Menschen ein. Wie David Berger, Journalist und eine der wenigen offen kritisierenden Stimmen, hierzu allerdings treffend bemerkte:

„Ein Kämpfer für Menschenrechte war der Mitbegründer der deutschen Sektion von „Amnesty International" ohne Zweifel. Zumindest solange es um die Menschenrechte von Erwachsenen ging. Im Hinblick auf die Rechte und den Schutz von Kindern und Jugendlichen gab er sich jedoch wesentlich unsensibler."

Der BLSJ dagegen schreibt in seiner Stellungnahme zur Debatte um jenen Felix-Rexhausen-Platz neben kraftvoller, von Blindheit geprägter Lobhudelei für den Autor: „In zwei der 41 Kapitel ist Sex mit Jugendlichen Thema; hier geht es also gar nicht um Pädophilie."

Im Hinblick auf diese Kapitel scheint der BLSJ sogar gar nicht so falsch zu liegen, was leider auf die unglückliche Wortschöpfung der sogenannten „Pädophilie" zurückgeht.

Die Fürsprecher des Wortes „Pädophilie" gehen davon aus, dass die sexuelle Gewalt gegen Kinder z.B. nicht auf eine verdrängte schwere Traumafolge (wie z.B. ein Täterintrojekt bei einer durch schwere Traumata verursachten Dissoziation) oder Gewaltimpulse eines Täters, sondern bisweilen auf eine Krankheit, namens „Pädophilie", zurückgeht.

Menschen mit dieser sogenannten Krankheit würden sich mit ihren sexuellen und sogenannten Beziehungswünschen an Kinder wenden, die noch nicht in der Pubertät sind. So gesehen hat der BLSJ Recht: Setzt man diese missverständliche Definition von Pädophilie voraus, beschreibt Rexhausen tatsächlich keine Pädophilie, wenn er von und über sexuelle Handlungen mit Jugendlichen während der Pubertät schreibt.

Sexuelle Gewalt kann auch Jugendliche treffen - und ihr Leben zerstören

Aber, das macht Rexhausens Werk nicht besser: Noch immer ist nicht zu allen - offensichtlich auch nicht zu den Vertretern homosexueller Journalisten, durchgedrungen, dass sexuelle Gewalt auch Jugendliche betreffen kann.

Jugendliche sind in meinen Augen ohnehin die vernachlässigte Generation. Wir machen sie entweder zu jung, trauen ihnen nichts zu, meinen, Pubertät wäre ähnlich wie Verliebtsein, ausschließlich reiner Wahnsinn, oder die Aneinanderreihung von sinnlosen Katastrophen und Zerstörungswut.

Wir erkennen nicht, wie wichtige diese jahrelange Suche und Auseinandersetzung mit allem und allen ist, wie viel sich im Inneren der Jugendlichen neu ordnet und sie für ein Leben prägt. Wir sehen nur die Unordnung, urteilen über das Herumhängen, was wir jedoch ebenso tun würden, wenn wir denselben anstrengenden Entwicklungs-Prozessen wieder unterworfen wären.

Oder wir machen die Heranwachsenden zu alt, indem wir z.B. glauben, dass Jugendliche durchaus mit erwachsenen Männern oder Frauen eine sexuelle Beziehung haben könnten, aus der sie unbeschadet herausgehen werden.

Wir wollen auf keinen Fall zu viel auf die jungen Menschen aufpassen, bloß nicht altbacken und spießig sein, und fühlen uns ausschließlich dem in den 68er Jahren aufgekommenen und, wenn er altersangemessen ist, sehr sinnvollen Selbstbestimmungsgedanken verpflichtet. Wir wollen um alles in der Welt nicht, dass wir Jugendliche mit unserem Veto an ihrer Entfaltung behindern, oder sie bevormunden. Das ist das große Tabu!

Ist es vielleicht so, dass wir Erwachsenen aber inzwischen auch vergessen haben, wie sehr wir als Jugendliche nach Orientierung hungerten? Wie leicht wir die ausgeworfenen roten Fäden von jemandem annahmen, den wir für sympathisch oder unheimlich cool hielten? Unsere damaligen Gehirne voller Wünsche, Sehnsüchten und Träume waren eine Wachsmasse in den Händen eines charismatischen Erwachsenen.

„In meiner Jugend war ich ein gefundenes Fressen für Ältere"

Wenn ich selbst an meine Pubertät zurückdenke, erschrecke ich darüber, wie naiv ich war, und dass ich noch gar nicht über den erwachsenen, ich nenne es Mal „Rundumblick" verfügte und ich wie viele Jugendlichen ein gefundenes Fressen für Ältere war.

In diesem Alter war mir nicht bewusst, dass es sexuelle Gewalt war, mit der ich auch in diesem Alter konfrontiert war, denn ich ging ganz automatisch davon aus, dass Erwachsene mir nie etwas antun würden. Natürlich vertraute ich. Wieso nicht?

Die Einzige, die irgendwie komisch war und mit extrem schrecklichen Gefühlen zu kämpfen hatte, war ich selbst. Aber das ja nur, weil ich so ein merkwürdiger Mensch war. Erst viele Jahre später ging mir auf, was in dieser Lebensphase durch das Tun eines anderen alles an lebendiger Entwicklung an mir kaputt gemacht wurde.

Meine Pubertät fing richtig an mit 13 und endete auch mit 13. Dass ein Teil von mir in diesem Moment zersprang, lag aus meiner damaligen Perspektive nicht an diesem Angehörigen, es lag natürlich an mir, ich war „komisch".

Das war typisch: Kinder und Jugendliche wenden sexuelle Gewalt und die Folgen oftmals prinzipiell gegen sich selbst. Sie spüren, dass etwas nicht richtig ist, etwas nicht stimmt. Aber häufig meinen sie, sie seien selbst der Fehler, und sie verdrängen, was in Wirklichkeit an ihnen angerichtet wird.

Frag einen jugendlichen sogenannten Stricher, ob sein Leben elend sei! Entweder wird er mit erlernter Sozialromantik antworten, oder mit anderen erlernten Mechanismen, mit denen er sich sein Leben irgendwie cool und schön reden wird. Vielleicht noch mehr als weibliche minderjährige Prostituierte, denn Männer dürfen auf keinen Fall Opfer sein- es gibt keine Kultur des Opfersein-Dürfens. Es ist alles die eigene freie Wahl- denn Junge bzw. „Mann" und Opfer sein - das geht gar nicht.

Lesen wir uns die Berichterstattungen aller möglichen Medien durch, liest man nirgends von irgendeinem Bedürfnis, diese minderjährigen Stricher in Schutz zu nehmen. Alleine das Wort „Stricher" spricht Bände!

Es entkernt den jungen Menschen von seiner Individualität, als wäre er eine „Sorte" Mensch, etwas von der Straße, etwas, „dass der halt ist", als könnte man so geboren worden sein.

Rexhausens Sprache ist die Sprache der Täter

Rexhausen bediente sich dieser Sprache, wie man sogar ohne jegliche Kritik auf der Seite des BLSJ nachlesen kann. Bis heute kann man diese fatale Ausdrucksweise immer wieder antreffen.

Dass ich mich nicht „erfolgreich" umgebracht habe,ist ein Wunder. Ich habe es als Jugendliche versucht, mit dem Ergebnis, dass ich von den Angehörigen der Verursacher verachtet und bestraft wurde. Wäre ich ein Junge gewesen, vielleicht wäre ich Stricher geworden? Wäre ich in anderen Verhältnissen aufgewachsen, vielleicht wäre ich Prostituierte geworden?

Mir war ja mein Körper ohnehin egal. Viele Jahre war mir alles egal, denn was ein Leben ist, und wie man dieses Leben „normal" lebt, wusste ich nicht. Ein schreckliches Leben, Schule abgebrochen, keine Ausbildung durchhalten können, weil ich eine wandelnde Angst, eine wandelnde Erschütterung war, nicht in einem Raum mit einem Mann sein konnte, auch nicht mit Frauen, denn auch da hatte ich zu viel „Nähe" erfahren.

Heute nennt man das fast schon schick: „schwer traumatisiert". Damals aber war dasfür mich nur jeden Tag irgendwie überleben, hieß es das irgendwie als normalen Zustand erleben, ohne dass weder ich noch andere wussten warum.

Eine eigene Sexualität? Ja, was ist das? Ich? Eigen? Meins? Mein Körper, meine Wünsche sind nie aus dem Kokon entsprungen, ich war als Kind und Jugendliche das Eigentum anderer, erwachsener Ideen.

Kinder und Jugendliche können nicht nur auf körperliche Weise vergewaltigt werden

Immer wieder wird von „Sexualität" gesprochen? Nein, es ist Gewalt. Jeder Mensch, der nicht pädokriminell denkt weiß, dass die Penetration eines Kindes schlicht pure Gewalt ist.

Kinder und Jugendliche können auch oral vergewaltigt werden, sie können auch mit sexuellen Berührungen vergewaltigt werden, sie werden vergewaltigt, mit Blicken, mit Sprüchen, mit Anweisungen, in ihrem Sein, durch ihre natürliche Schutzmauer hindurch, die um sie herum ist, die durch das Einwirken schwer verletzt und nachhaltig erschüttert wird.

Ihre Entwicklung wird in die Richtung des Erwachsenen gedrückt. Der mag noch so „zärtlich" handeln- es ist eben keine Zärtlichkeit, ein Kind oder einen Jugendlichen mit der eigenen Idee von Nähe zu überwältigen. Und das Kind, der Jugendliche wird vielleicht „Ja" sagen, oder es toll finden, so tun als ob, sich anpassen, und schließlich derart geprägt sein, als ob das alles Normalität ist.

Das eigene Nein und die Abwehr werden zu Fremdworten. Da kann man natürlich gut ankommen als Erwachsener und behaupten: hat der doch gewollt, war doch selbstbestimmt! Und das Kind oder der Jugendliche glaubt das dann schließlich auch selbst in diesem von Erwachsenen geprägten Vakuum.

Der BLSJ ist am Schutz von Jugendlichen völlig desinteressiert

Der BLSJ betont immer wieder, dass damals der Sex mit pubertierenden Jugendlichen „übrigens bei Erscheinen des Romans im Jahr 1969 ... nicht strafbar" war. „Schwule Männer hingegen konnten damals dafür im Gefängnis landen. Erst nach Abschaffung des Paragraf 175 im Jahr 1994 wurde das - dann "relative" - Schutzalter von 14 auf 16 Jahre angehoben."

Der BLSJ ist aber nicht alleine mit dem gefährlichen Glauben, dass pubertierende Jugendliche wenn das Gesetz es nicht vorsieht - keine zu schützenden Heranwachsenden sind. Dieser Glaube herrscht noch in allzu vielen Köpfen und Herzen vor.

Strafbarkeit ist aber doch in vielerlei Hinsicht nicht der Maßstab, nach dem wir alleine messen dürfen. Es gibt viele Grenzfälle.

Diese Grenzfälle sind für Betroffene oftmals mit massiven Folgen verbunden. Auch wenn das ihnen Angetane vor Gericht nicht als Straftat gewertet würde, ist es sexuelle Gewalt, wenn Kinder oder Jugendliche sexuelle Reden ertragen müssen, Filme mit sexuellem Inhalt sehen müssen, die ihrer Entwicklung nicht entsprechen, oder wenn Kinder auf dem Schoß vom Onkel sitzen bleiben müssen, der einen Steifen hat. Wer weiß wie oft der Onkel das macht...

Wie wirkt es sich aus, damit als einer „Normalität" aufzuwachsen? Alleine der spätere Nachweis solcher Handlungen dürfte schwierig sein, und eine Strafbarkeit steht in den Sternen. Aber unbestritten ist es doch aus unserer menschlichen Sicht sexuelle Gewalt, die dem Kind angetan wird.

Kann man also wirklich sagen, nur weil ein Schutzalter in jener Zeit in der Rexhausen seine „Beobachtungen" aufgeschrieben hat, noch nicht heraufgesetzt war, könnte man diese als harmlos ansehen? Ist der sexuelle Missbrauch von Jugendlichen durch katholische Priester deshalb lobenswert und vorbildlich, weil der Vatikan ein Schutzalter von 12 Jahren festlegt?

Kann man wirklich sagen, Straffreiheit kann der Boden sein, auf dem man jemanden ins Glorienlicht von Preis- und Platzbenennungen erhebt?

Die Phantasien Rexhausens sind voller sexueller Gewalt

Auch die heterosexuelle „Welt", wenn man das jetzt Mal so von der homosexuellen „ Welt" trennen mag, hat ihre Aufarbeitung zum Teil- und leider nur zu einem Teil- hinter sich. Heute würden derartig gewalttätige, sexuell gefärbte Beschreibungen wie die von Rexhausen, wenn sie von einem heterosexuellen Mann, in Bezug auf ein 15-jähriges Mädchen geäußert würden, wohl doch immerhin in der Öffentlichkeit als das gesehen werden was sie sind: Beschreibungen sexueller Gewalt.

Wenn sich die Befürworter eines „Felix- Rexhausen- Platzes" durchsetzen, wird für immer buchstäblich und öffentlichkeitswirksam festgeschrieben, dass eine ganze Stadt, ein ganzes Land, wir alle also, uns mit „Felix- Rexhausen" identifizieren. Sonst würde man ja keinen Platz benennen, ihm die Ehre erweisen.

Und nicht nur das: Herr Schulz und Frau Müller werden weiterhin glauben, und behaupten, dass „die Schwulen" nicht nur für ihre Rechte gekämpft haben, sondern auch für die Rechte von Menschen, die man heute als Pädokriminelle bezeichnen muss.

Kann man da wirklich noch fragen, woher es kommt, dass Homosexualität und Pädokriminalität immer wieder in einen Topf geworfen werden?

Zur Autorin: Beate Lindemann (43 Jahre) wuchs in einer Adoptivfamilie auf und erlebte durch mehrere Menschen schwere Misshandlungen und sexuelle Gewalt in Kindheit und Jugend. Sie arbeitet heute als Autorin und setzt sich seit Jahren auf politischer und gesellschaftlicher Ebene für Menschenrechte und den Schutz von Kindern vor sexualisierter Gewalt und gegen Misshandlungen und Vernachlässigung ein.

Wer mehr von ihr lesen möchte, wird hier fündig und hier. Twitter: Brachnah

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