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Kann es nach 5 Jahren nicht einfach mal "normal" sein?

25/05/2017 11:55 CEST | Aktualisiert 26/05/2017 10:14 CEST
max-kegfire via Getty Images

Seit fünf Jahren kämpfe ich jedes Jahr dafür, meinem Sohn Richard einen halbwegs normalen Geburtstag zu bereiten. Und jedes Jahr habe ich wieder das Gefühl, versagt zu haben.

Letztes Jahr war der erste Geburtstag, der mich nicht schon Tage vorher aus der Bahn warf und ich dachte, ich würde es schaffen. Doch zu dieser Zeit war der Geburtstag bereits geprägt von den Psychosen meines Mannes Dominik. Er vergrub sich nur in Arbeit.

Meine Gefühle, die Organisation des Geburtstags und alles rundherum blieben bei mir hängen und ich kann mich noch daran erinnern, als ich am Abend zu ihm sagte: „ Wenn ich dir nicht gesagt hätte, was in den Packerln ist, hättest du nicht mal gewusst, was unser Sohn von uns zum Geburtstag bekommt."

So war es auch. Es schien ihn nicht zu interessieren und das verletzte mich damals ungemein. Heute weiß ich, dass zu dieser Zeit quasi der Endspurt vor seinem Zusammenbruch war. Damals erkannte ich ihn als meinen Mann nicht wieder.

Beziehungsprobleme, viel Arbeit und und Psychosen

Der vierte Geburtstag unseres Sohnes war geprägt von Beziehungsproblemen, zu viel Arbeit und Psychosen. Meine Enttäuschung war groß, trotzdem konnte ich inzwischen besser damit umgehen, wieder keine Normalität an diesem Tag zu schaffen.

Dann näherte sich der fünfte Geburtstag. Ein, zwei Wochen vorher hatte ich das Gefühl, Dominik bekommt ein wenig Boden unter den Füßen. Und ich dachte, dieses Mal könnte ich es schaffen, dem kleinen Mann ein „normales" Fest zu gestalten.

Mehr zum Thema: "Wir können Papas Krankheit nicht heilen" - wie man seinen Kindern Depressionen erklärt

Doch ein paar Tage vor Richards Geburtstag kam ein Brief ins Haus, der Dominik wieder den Halt unter den Füßen wegnahm. Ich versuchte gemeinsam mit der Therapeutin, Dominik wieder zu stabilisieren, ihm zu zeigen, dass dies nur ein Brief war, nichts Schlimmes, nichts!

Ich tue mich extrem schwer, dies nachzuvollziehen und ich glaube auch, dass das niemand kann, der nicht unter solchen Angststörungen und Depressionen leidet. Auch die Therapeutin hatte die Befürchtung, dass ihn der Brief wieder in seine Psychosen treiben könnte.

Passend dazu war die Woche vor und auch die Tage nach Richards Geburtstag unglaublich viel los und ich somit viel unterwegs. Das trug auch nicht zur Verbesserung von Dominiks Zustand beit.

Aber ich kann nicht nur mehr zu Hause sitzen, ich verliere mich selbst, wenn ich mich hundertprozentig aufgebe. Und ich brauche ein Gefühl von Normalität. Einfach einmal einen Abend, wo es nicht um das übliche Thema geht. Einfach mal lachen, ohne an die Schwierigkeiten des derzeitigen Lebens zu denken. Ich brauche das, um meine Ressourcen zu füllen, um zuhause stark sein zu können.

Unser Sohn musste hart kämpfen

Ich will doch einfach nur den Raum haben, einmal eine Runde zu heulen, um alles rauszulassen und dann wieder meine „Alles ist so toll"-Maske aufzusetzen, damit weder Richard, noch die Familie etwas merkt.

Unser Sohn hatte sich den Start ins Leben erkämpfen müssen, ich finde, er hat jedes Recht, diesen Kampf gebührend zu feiern.

Auch in diesem Jahr gab ich wie üblich mein Bestes und wie üblich hielt meine Maske, bis Richard im Bett war und die Gäste gingen. Dominik kämpfte mit Zuckungen, verkroch sich in der Küche. Seine Sozialphobie war wieder da, ähnlich wie an Weihnachten.

Ehrlich, für mich ist es einfach nur anstrengend, ich kann es nicht verstehen, es macht mich sogar manchmal sehr wütend. Kann es nach fünf Jahren nicht einfach mal „normal" sein? Werde ich es jemals schaffen, unserem Sohn einen „normalen" Geburtstag zu bereiten, der nicht geprägt ist von irgendeinem psychischen Knacks seiner Eltern?

Ich weiß es nicht. Momentan fällt es mir schwer, positiv zu denken. Eigentlich bin ich ja ein sehr optimistischer Mensch. Derzeit finde ich einfach nur alles mühsam. Ein Jahr ist es jetzt her, in dem sich Dominik grundlegend verändert hat.

Wann geht es mal wieder um mich?

Seine Psychosen trieben unsere Ehe damals an den Rand des Machbaren. Seine Sozialphobie isolierte uns immer mehr. Sein Selbstmordplan brachte mich fast um den Verstand. Ich frage mich immer wieder, ob jemals die Zeit kommen wird, wo ich mal wieder leben darf, wo es auch mal um mich geht, wo ich sein darf, wer ich bin.

Ich war die letzte Woche, wie schon geschrieben, viel unterwegs und ich merke einerseits wie gut es tut, andererseits, habe ich es satt, egal wo ich hingehe, es geht nur um Dominik. Er versteckt sich vor der Öffentlichkeit, ich darf das für ihn erledigen.

„Wie geht es Dominik? Wie steht es ums Projekt? Wie ist es soweit gekommen? Hätte man das nicht früher erkennen können?" Jeder fragt. Und ich? Eigentlich versuche ich, soweit es mir gelingt, ein normales Leben zu führen, zumindest außerhalb unseres Hauses. Aber wie soll das funktionieren, wenn ich auch von allen anderen nur über Dominik ausgefragt werde?

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Ich bin gefrustet

Die einzige Zeit, wo ich ich sein kann, sind derzeit meine Ausbildungen. Da kannte mich vorher keiner, da erkennt niemand, dass mein Lächeln nicht einfach nur aufgesetzt ist, da geht es nicht um das Projekt, oder um Dominik, da reden die Leute mit mir, haben Spaß mit mir, weil ich es bin.

Ich weiß, mein Beitrag heute liest sich wahrscheinlich ziemlich deprimierend. Das bin ich aber nicht. Ich bin nur gefrustet. Aber ich denke, nach einem harten Jahr, wo ich versucht habe, tagtäglich meine Kinder aufzubauen und Dominik zu stützen, darf ich jetzt auch mal gefrustet sein.

Ich denke, meinen Frust zu überwinden wird die nächste Prüfung, die mir das Leben stellt. Trotzdem wäre ich froh, wenn die Prüfungen des Lebens aufhören. Langsam habe ich genug davon abbekommen.

Der Beitrag erschien ursprünglich auf blowball.

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