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Autofahren, Leihmütter, Sex: Wie das alte islamische Recht Antworten auf hochaktuelle Fragen liefert

(10) Kommentare | Veröffentlicht 8. November 2017 | (22:38)



Das Video "Maximen im islamischen Recht – Islamwissenschaftler Prof. Dr. Norbert Oberauer" wurde vom Exzellenzcluster "Religion und Politik“ der Universität Münster zur Verfügung gestellt und ist ein Film aus der Reihe "Religion und Politik – Forschungsprojekte im Fokus“.

Das islamische Recht gilt als starr. Als etwas, das sich jahrhundertelang nicht verändert hat. In Wahrheit hat das islamische Recht aber immer wieder Entwicklungen durchlaufen - und tut das gerade auch heute.

Ab dem 10. Jahrhundert entwickelten Juristen Maximen - eine Innovation, die einen ganz neuen Grad der Systematisierung ermöglichte.

Maximen sind kurze Formeln, die zentrale Grundsätze des Rechts auf den Punkt bringen. Die aus vielen Einzelfällen allgemeine Prinzipien abstrahieren. Zum Beispiel das Prinzip, dass das Recht Härten vermeidet: Deswegen müssen Kranke und Reisende nicht fasten.

Heute machen Juristen die Maximen fruchtbar, um auf Errungenschaften der Moderne zu reagieren: Von Organtransplantationen bis hin zu Leihmutterschaft. Aber auch, um Frauen das Autofahren zu verbieten.

Von verschluckten Perlen und einsturzgefährdeten Häusern

Wer sich ansieht, wie die islamischen Rechtsgelehrten mit den Maximen gearbeitet haben, stößt manchmal auf verwinkelte Zusammenhänge:

Was hat ein Huhn, das eine Perle verschluckt hat, mit einem einsturzgefährdeten Haus gemeinsam?

Muslimische Rechtsgelehrte des Mittelalters hatten darauf die folgende Antwort: Huhn und Haus waren nach demselben Rechtsgrundsatz zu behandeln: Man muss immer das geringere Übel wählen.

Für das Haus hieß das, dass man es einreißen musste, um die Passanten zu schützen - auch wenn das eine Schädigung des Eigentümers bedeutete.

Beim Huhn lag die Sache schwieriger: Die Juristen gingen davon aus, dass Huhn und Perle nicht derselben Person gehörten. Wenn nun die Perle mehr wert war als das Huhn, dann musste das Tier geschlachtet werden. Der Eigentümer des Huhns bekam dann eine Entschädigung. War das Huhn mehr wert, hatte es noch mal Glück gehabt. Dann wurde der Eigentümer der Perle entschädigt.

Solche Fälle, die nach einem gemeinsamen Grundsatz gelöst wurden, faszinierten muslimische Rechtsgelehrte. Etwa im 10. Jahrhundert fingen sie an, sie systematisch zu sammeln, um aus ihnen die übergeordneten Prinzipien herauszuarbeiten. Diese Prinzipien nannte man "qawa'id". Auf Deutsch heißt das "Maximen".

Der Boom der Maximen

Das Interesse der Juristen an Maximen wuchs kontinuierlich und für das 13. und 14. Jahrhundert lässt sich fast schon von einem Boom sprechen: Es entstanden mehrbändige Werke, die sich ausschließlich mit diesem Thema befassten.

Maximen sind meist ganz knappe, komprimierte Formeln, die komplexe Zusammenhänge auf wenige Worte verdichten.

Eine Maxime lautet zum Beispiel: "Zustimmung zu einer Sache umfasst, was aus ihr hervorgeht." Dieses Prinzip griff beispielsweise bei Eheschließungen: Wer wissentlich jemanden heiratete, der impotent war oder an Lepra litt, der konnte das später nicht als Scheidungsgrund geltend machen - auch wenn sich der Zustand des anderen verschlimmerte.

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Maximen entstanden zu den unterschiedlichsten Rechtsbereichen und bezogen sich zum Teil auf sehr komplexe Fallszenarien. Eine Maxime besagt zum Beispiel, dass ein sexueller Akt unter Umständen als stillschweigende rechtliche Willenserklärung zu bewerten ist:

Das Prinzip greift zum Beispiel bei bestimmten Formen der Scheidung: Sie setzen nach islamischem Recht eine Art "Trennungsphase" in Gang, während der die Scheidung noch widerrufen werden kann. Wenn die Geschiedenen während dieser Phase miteinander schliefen, wurde das von manchen Gelehrten als impliziter Widerruf gewertet.

Dasselbe Prinzip griff, wenn man eine Konkubine verkaufte, und sich ein Widerrufsrecht ausbedingte. Wenn man dann während dieser Frist mit ihr schlief, wurde auch das als impliziter Widerruf gewertet.

Was die Gelehrten an den Maximen so faszinierte

Was machte die Maximen für die mittelalterlichen Juristen so attraktiv?

Zum einen ist die Suche nach Maximen ein anregendes intellektuelles Spiel, und schon allein das mag ein Grund dafür gewesen sein, dass man sie sammelte.

Denn islamische Rechtsgelehrte liebten knifflige Gedankenspiele. Manche Bücher enthielten neben Maximen auch richtige Rätsel (Arab. alghaz).

Das waren kunstvoll konstruierte Fallszenarien, an denen man sich - wie an einem Sudoku - die Zähne ausbeißen konnte: Was muss passieren, damit eine Frau an ein und demselben Tag von drei Männern eine Brautgabe erhält? Und wie kann es dazu kommen, dass ein Mann eine Mutter und zwei Schwestern hat und keine der drei ist mit einer der anderen blutsverwandt?

Solche Knobeleien dienten aber nicht nur dem Vergnügen. Sie schulten auch das juristische Denken. So ließ sich Wissen spielerisch vermitteln. Einen solchen didaktischen Zweck können wir auch bei den Maximen vermuten.

Viele Maximen haben den Charakter von Merksätzen. Heute lernen Kinder im Erdkundeunterricht mit einem Merksatz die Zusammensetzung von Granit ("Feldspat, Quarz und Glimmer, die drei vergess ich nimmer!"). Auf dieselbe Weise paukten Jurastudenten im islamischen Mittelalter zum Beispiel die Vertragskategorien.

Zu diesem didaktischen Nutzen passt auch die Entstehungszeit von Maximen: Es war die Zeit, in der erstmals richtige Juristenschulen entstanden - Lehranstalten mit festen Stundenplänen und bezahlten Professoren.

Mehr zum Thema: 5 islamische Gelehrte erklären, wann eine Frau sich verhüllen sollte

Maximen bringen Struktur in die Flut von Einzelfallregelungen

Maximen waren aber mehr als nur Merkhilfen. Die wesentliche Leistung von Maximen bestand darin, das überlieferte Rechtsmaterial zu ordnen und eine Struktur hineinzubringen, die dieses Wissen beherrschbarer machte. Aus einer Flut von Einzelfallregelungen wurde so ein System genereller Prinzipien.

Denn bis ins 11. Jahrhundert war juristisches Wissen im Islam außerordentlich schwer handhabbar. Bücher aus dieser frühen Zeit sind durch eine Darstellungsweise geprägt, die man als "Kasuistik" bezeichnet: Sie sind lange Aneinanderreihungen von Fällen mit geringfügigen, aber eben wichtigen Unterschieden.

Mit Bezug auf unser Huhn könnte das in etwa so aussehen: "Was gilt für ein Huhn, das eine Glasperle verschluckt? (Es darf weiterleben). Was gilt für ein Huhn, das ein Goldstück verschluckt?" Etc.

Diese Darstellungsform ist manchmal sehr sperrig und hat außerdem den Nachteil, dass die Logik, nach der die Fälle entschieden werden, nicht leicht zu erkennen ist. Die Maxime dagegen bringt diese Logik auf den Punkt: Man muss den Schaden abwägen.

Zudem stellt die Maxime klar, dass Schadensabwägung ein Prinzip ist, das in vielen Zusammenhängen greift: Nicht nur bei verschluckten Perlen, sondern - wie in unserem Beispiel - auch bei einsturzgefährdeten Häusern.

Von Maximen zu Maximensystemen

Irgendwann begannen die Juristen, Maximen in hierarchische Bezüge zueinander zu setzen, so dass regelrechte Maximengebäude entstanden, mit Meta- und Submaximen.

Eine Meta-Maxime lautet zum Beispiel: "Notlagen machen Verbotenes erlaubt." Konkret bedeutet das, dass ein Verdurstender notfalls auch Alkohol trinken darf, um sich zu retten.

Dieses Zugeständnis wird aber durch eine Sub-Maxime eingeschränkt: "Das Ausmaß der Notlage begrenzt die Ausnahme vom Verbot". Der Verdurstende darf also nicht mehr Alkohol trinken als zu seiner Rettung erforderlich ist.

Eine andere Sub-Maxime kann das Zugeständnis sogar ausweiten: "Auch dringende Bedürfnisse sind wie Notlagen zu werten". Auf dieser Grundlage gestattete man zum Beispiel bestimmte Kreditpraktiken, obgleich sie streng genommen gegen das islamische Zinsverbot verstießen. Es bestand eben ein dringender Bedarf nach Krediten und nur wenige waren bereit, Geld umsonst zu verleihen.

Durch die Formulierung solcher Meta- und Submaximen ließ sich das Recht als stimmiges Gebäude von Regeln und bedingten Ausnahmen abbilden. Manche Rechtsgelehrten entwickelten dabei einen reduktionistischen Ehrgeiz und behaupteten, das gesamte Recht lasse sich auf nur fünf Meta-Maximen zurückführen.

Einer vertrat gar, man komme mit einer einzigen aus: Dem Prinzip, dass "Nutzen wahrzunehmen und Schaden abzuwenden" sei.

Maximen als Instrument zur Weiterentwicklung des Rechts?

Eine spannende Frage, die die Forschung beschäftigt, ist die nach der Rolle der Maximen bei der Rechtsfortbildung, also der ständigen Weiterentwicklung des Rechts. Denn Maximen fassen nicht nur die Logik bereits entschiedener Einzelfälle zusammen, sie lassen sich im Prinzip auch verwenden, um neue Fälle zu entscheiden.

Die Maxime, die im Fall des einsturzgefährdeten Hauses greift, ließe sich zum Beispiel auch auf die Frage von Tempolimits oder innerstädtischen Fahrverboten übertragen. Auch da muss man ja Schaden gegen Schaden abwägen: Den für die Autofahrer gegen den für das Klima oder für Leib und Leben.

Auch Notlagen und dringende Bedürfnisse ereilen die Menschen ja in immer neuer Form - oft bedingt durch gewandelte Lebensumstände oder technische Innovationen.

Darf man dann neues Recht schaffen, indem man schlicht auf eine Maxime verweist?

Die mittelalterlichen Rechtsgelehrten haben diese Frage interessanter Weise nie explizit diskutiert. Fest steht, dass die Maximen nie in den Rang einer offiziellen Rechtsquelle erhoben wurden - anders als etwa der Koran oder die Prophetenüberlieferung.

Andererseits wurden die Gelehrten nicht müde zu betonen, dass man ohne die Kenntnis der Maximen kein guter Jurist werden könne. Tatsächlich ist es schwer vorstellbar, dass die Maximen die Herangehensweise der Juristen an neu auftretende Probleme nicht in der einen oder anderen Weise beeinflussten. Wie und in welchem Umfang das geschah, muss aber erst noch erforscht werden.

Wie Maximen heute genutzt werden

Mit der Moderne wurde der Bedarf an Rechtsfortbildung größer als je zuvor - die Welt veränderte sich rasch und tiefgreifend. Das scheint der Grund zu sein warum sich islamische Juristen seit dem 20. Jahrhundert wieder verstärkt für die Maximen interessieren.

Viele alte Handschriften von Maximensammlungen wurden ediert, und auch manche neuen Werke geschrieben. Und auch in der Ausbildung finden die Maximen vermehrt Berücksichtigung.

Im heutigen islamischen Recht kann man tatsächlich auch dezidiert beobachten, dass Juristen auf Maximen zurückgreifen, um neuartige Sachverhalte zu beurteilen.

Mehr zum Thema: „Scharia ist mit dem Grundgesetz vereinbar"

Der 1956 verstorbene Gelehrte al-Saadi argumentiert in einer von ihm verfassten Maximen-Sammlung, es gebe eine Pflicht, sich mit modernen Wissenschaften zu beschäftigen - und begründet das mit der bereits erwähnten Meta-Maxime dass "Nutzen wahrzunehmen und Schaden abzuwenden" sei.

Auch in der Diskussion um Organtransplantationen wird regelmäßig auf eine Maxime Bezug genommen - jenes oben schon erwähnte Prinzip, dass Notlagen Verbotenes erlaubt machen.

In einem Gutachten zur rechtlichen Bewertung der Leihmutterschaft griffen ägyptische Rechtsgelehrte 2009 ebenfalls auf eine Maxime zurück: Diese Praxis ermögliche zwar unfruchtbaren Paaren die Erfüllung ihres Kinderwunsches, doch sei das durch die Belastung einer anderen Person erkauft - eben der Leihmutter. Das wiederum sei aber rechtlich unzulässig, denn nach einer anerkannten Maxime dürfe "Schaden nicht mit Schaden aufgehoben werden."

Ein Rechtsgutachten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten hat sich mit der Frage befasst, ob Eheleute sich übers Smartphone freizügige Fotos voneinander zuschicken dürfen. Die Gelehrten haben das verneint. Zur Begründung griff man auch hier auf eine Maxime zurück: Das Prinzip, dass Erlaubtes verboten ist, wenn es zu Verbotenem führt. Eigentlich ist es Eheleuten nämlich erlaubt, einander nackt zu sehen. Aber angesichts von Spyware und Handy-Klau könne man nicht sicherstellen, dass kein Dritter zusehe - und das sei eben verboten.

Auf diese Weise greifen muslimische Juristen heute auf jahrhundertealte Maximen zurück, um Lösungen für neu auftretende Rechtsprobleme zu entwickeln.

Dass das gelingt, liegt allerdings auch daran, dass viele Maximen sehr unbestimmt sind. Man kann fast alles aus ihnen herleiten. Und dazu gehören liberale Standpunkte ebenso wie erzkonservative.

Ein Beispiel: Das Autofahren in Saudi-Arabien

Das zeigt die Diskussion in Saudi-Arabien um die Frage, ob man Frauen das Autofahren erlauben dürfe. Befürworter haben argumentiert, dass Frauen ja seit alters her auch Kamele und Pferde reiten - was die Juristen nie beanstandet hätten.

Konservative Gelehrte plädierten aber bis in die jüngste Zeit für ein Verbot. Und auch hier hat man die Maxime herangezogen, dass alles, was zu Verbotenem führe, selbst verboten sei. Wenn Frauen Auto fahren - so die Argumentation - führe das nämlich zu einer ganzen Fülle von Übeln: Der Lockerung der Verschleierung, dem Verlust der Schamhaftigkeit, dem unnötigen Verlassen des Hauses, verstopfte Straßen, gesteigerte Konsumfreude, etc. etc.

Und natürlich fehlt auch ein Argument nicht, das seltsam vertraut klingt: Frauen können ja nicht so gut Auto fahren!

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