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Zurück zur Sache: Obsoleszenz erfordert viele Gegenmaßnahmen

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Insung Jeon via Getty Images
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Über die verkürzte Lebens- und Nutzungsdauer von Geräten und den gezielten Einbau von Schwachstellen wird unter dem Stichwort Obsoleszenz viel spekuliert. Auf der Webseite www.murks-nein-danke.de werden von Stefan Schridde zu Recht ärgerliche Einzelbeispiele von Produktdefekten gesammelt und aufgeführt.

Insgesamt unterstellt er jedoch, dass die Probleme der Konsumgesellschaft im Wesentlichen darin begründet sind, dass böse Hersteller unentwegt miserable Produkte herstellen und gezielt (versteckte) Schwachstellen in Produkten einbauen. Leider sind Wirtschaft und Konsumgesellschaft aber viel komplexer und deren Probleme wesentlich schwerer zu lösen.

Das Öko-Institut und die Universität Bonn haben im Auftrag des Umweltbundesamt eine Studie zu Obsoleszenz durchgeführt. Da die wissenschaftlichen Ergebnisse aber teilweise von den Positionen von Herrn Schridde abweichen, schießt er seit Monaten aus allen Rohren gegen das Öko-Institut (und damit auch gegen die Universität Bonn, das Umweltbundesamt, die Gesellschaft für Konsumforschung, Stiftung Warentest): erblindete Forschung, herstellerfreundlich, absichtliche Unterlassungen, Vernebelung des klaren Blicks der Öffentlichkeit, Beleidigung von Konsumenten. In ihrem sogenannten „Meinungsartikel" übernimmt Dr. Alexandra Hildebrandt die Vorwürfe der murks-Website in Struktur und Wording weitgehend eins-zu-eins; von der 315-Seiten starken Obsoleszenz-Studie von Öko-Institut und Uni Bonn wird peinlicherweise kein einziges Ergebnis vorgestellt. Gerne hole ich das nach.

Die Studie enthält statistisch abgesicherte Daten zur Nutzungsdauer von Elektro- und Elektronikgeräten, basierend auf Literaturrecherchen, Langzeitmarktdaten von 20.000 Haushalten, Lebensdauertests der Stiftung Warentest, eigenen Untersuchungen bei den entsorgten Geräten an den kommunalen Sammelstellen sowie Befragungen von Verbrauchern (online), Experten, Reparaturbetrieben und Herstellern. Weiter wurden die Gründe für den Ersatz von Produkten aus werkstofflicher, funktionsbedingter, ökonomischer und psychologischer Sicht detailliert beschrieben.

Vielfältige Gründe für den Austausch von Geräten

Die Ergebnisse in Kürze: Elektro- und Elektronikgeräte werden im Vergleich zu früheren Jahren tatsächlich kürzer genutzt. Fernseher werden beispielsweise nach nur noch fünf bis sechs Jahren Erstnutzungsdauer ersetzt, zu über 60 Prozent aus dem vorrangigen Grund, weil die Verbraucher Geräte mit neuen Funktionen haben wollen. Die Erstnutzungsdauer bei Haushaltsgroßgeräten wie Kühlschränken oder Waschmaschinen ist im Zeitraum 2004 bis 2012 von 14 auf 13 Jahre zurückgegangen.

Der Ersatzkauf aufgrund eines Defektes ist bei Haushaltsgroßgeräten zwischen 2004 und 2012 zwar leicht zurückgegangen; ein Defekt ist jedoch noch immer die Hauptursache des Ersatzes. Auf der anderen Seite lässt sich auch feststellen, dass fast ein Drittel der heute ausgetauschten Haushaltsgroßgeräte noch funktioniert haben. Besorgniserregend ist, dass der Anteil der Haushaltsgroßgeräte, die aufgrund eines Defektes innerhalb von ersten fünf Jahren ersetzt werden, angestiegen ist.

Für technische Defekte oder technisch bedingte geringere Lebensdauer gibt es unter-schiedlichste Gründe. Sie reichen von schlechtem Design, schlechter Reparierbarkeit (z.B. Akku nicht austauschbar) bis hin zu billigeren Komponenten und Bauteilen mit höherer Ausfallwahrscheinlichkeit. Die schnelle Technologieentwicklung ermöglicht neue attraktive Funktionen (z.B. den Smart-TV, Smartphone), die zum Neukauf von Geräten verleiten.

Die Hersteller locken darüber hinaus mit aggressiver Werbung, Billigpreisen, schrägen Tarifverträgen und Rabattaktionen zu allen möglichen Unsinn: Jedes Jahr ein neues Smartphone, überdimensionierte und übermotorisierte Autos, wohnzimmersprengende Großbildschirme, halbjährlich neue Textilmoden und manches mehr. Viele Verbraucher machen das mit und haben im Vergleich zu früher dafür auch deutlich mehr Geld zur Verfügung. Die Reparatur von Produkten wird finanziell zunehmend unattraktiv - die Produkte werden billiger und die Arbeitskosten für Reparaturen höher.

Hersteller entwickeln mittlerweile - quasi in einer Abwärtsspirale - viele Produkte tatsächlich mit kürzerer Nutzungsdauer - wegen der schnellen Technologie- und Funktionsänderungen, dem vorzeitigen Geräteersatz durch Konsumenten, den höheren Kosten für hochwertige Bauteile und der Konkurrenz von Billigprodukten.

Alles in allem: Eine Reihe von Fehlentwicklungen in einer überbordenden Konsumgesellschaft - zu der Hersteller und Konsumenten (ja, auch die, Herr Schridde!) und Politik beigetragen haben - erfordert dementsprechend Anstrengungen auf allen Seiten.

Das Öko-Institut wendet sich seit Jahren in vielen Projekten und Veröffentlichungen gegen diese Fehlentwicklungen. Speziell zu Obsoleszenz fordern wir eine europäische Rahmensetzung für eine möglichst lange Nutzung, klare Anforderungen an die Mindestlebensdauer, Qualität, Haltbarkeit und Reparierbarkeit der Produkte, Weiterentwicklung der Prüfnormen, sowie erhöhte Informationspflichten für die Hersteller, zum Beispiel was Ersatzteilverfügbarkeit und transparente Reparaturinformation angeht und Informationen zu verschleißanfälliger Komponenten.

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