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Hartmut Rosa: Lebendig für 90 Minuten

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FOOTBALL LOVE GERMANY
ullstein bild via Getty Images
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Es ist immer dasselbe; es ist, nüchtern betrachtet, immer noch bescheuert, und wir wissen immer noch nicht, wo das herkommt. Noch vor zwei Wochen hat die EM kaum jemanden interessiert. Kaum einer wusste, wann sie begann, wer überhaupt mitspielte und gegen wen. Und jetzt? Jetzt okkupiert das Turnier die gesamte Libido der Menschen, so scheint es.

Sicher, wir machen unseren Job im Betrieb, bewältigen den Familienalltag, aber elektrisiert, am Leben gehalten werden wir vom Gedanken ans Spiel heute Abend. Kann mir das mal jemand erklären? 22 Männer rennen hinter einer Lederkugel her, und alle Emotion konzentriert sich auf diesen Unsinn? Seit 100 Jahren wissen wir nicht, wie das zugeht.

Aber vielleicht ist es ja ganz einfach: In den 90 Minuten kriegen wir die perfekte Parabel auf unser Leben, auf den Job und auf die Familie vor Augen geführt.

Jeder Spieler hat eine wichtige soziale Rolle

Die Ausstattung ist perfekt: Da ist der Emporkömmling, keiner weiß, wo er herkommt, und plötzlich steht er im Mittelpunkt. Da ist der tragische Verlierer: Immer, wenn er kurz vor dem größten Coup steht, wird er krank. Hier der Rückkehrer: Alle hatten ihn schon abgeschrieben, da haut er das Ding rein und ist schnurstracks wieder ganz obenauf. Ganz im Gegensatz zum jämmerlichen Versager, dem im entscheidenden Moment mal wieder der Mumm fehlte oder die Nerven versagten.

Wir sehen auch das Großmaul, das kaum etwas tut, aber stets die Hauptrolle beansprucht. Und den schmächtigen Kleinen, der die ganze Arbeit macht und am Ende doch übersehen wird. Mit allen diesen Rollen können wir uns abwechselnd und probeweise identifizieren. Dass das Personal so wunderbar zu unserem Leben passt, reicht aber noch nicht, uns derart zu fesseln.

Fußball, das Äquivalent zu unserem Leben?

Wir sehen, auf 90 Minuten kondensiert, darüber hinaus auch die gesamten möglichen Trajektionslinien unseres Lebens: Den unglaublichen Aufstieg, den zähen Kampf gegen alle Widerstände, die mühsame Verteidigung des Erarbeiteten, den schmachvollen Abgang oder den großen Triumph über unsere Widersacher.

Und alle Gefühle, die zum Lebendigsein gehören, werden wach und werden mächtig: Die große Hoffnung, die bange Erwartung, der verzweifelte Kampf, die überschäumende Freude, die mutlose Resignation, die endgültige Niederlage. All das macht uns lebendig.

Je mehr sich über unseren Alltag der Grauschleier der Entfremdung legt, in dem wir all diese Gefühle nur noch wie durch eine Nebelwand, nur noch von fern und gedämpft und undeutlich erleben, desto wichtiger wird uns das Spiel: Lebendig für 90 Minuten, nah am wirklichen Leben, das uns im Betrieb und im Alltag so fern, so grau, so tot erscheint. Es ist also eigentlich wirklich ganz einfach, aber es spricht nicht unbedingt für unseren Alltag...

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Prof. Dr. Hartmut Rosa ist Teil der HuffPost Voices. Einem Team, das während der EM regelmäßig aus unterschiedlichen Blickwinkeln Antworten auf die Frage gibt: Was passiert gerade in Deutschland?

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