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2030 - Kommt das Rentenfiasko wirklich?

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OLD POOR PEOPLE
Lucy Nicholson / Reuters
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Am 11. April 2016 kam der Westdeutsche Rundfunk ganz groß raus. Er berichtete über die Prognose eines sogenannten „WDR Recherche-Teams Altersarmut". 2030, also in gerade mal vierzehn Jahren, sollen 50% aller Neurentner nur Armutsrenten beziehen, somit auf Grundsicherung im Alter angewiesen sein.

Würde diese Prognose stimmen, so steuerten wir in kurzer Zeit auf ein Rentenfiasko zu. Wenn die Hälfte der Neurentner zum Sozialamt muss, dann wäre dies gleichzeitig ein Beleg dafür, dass die breite Mitte der Gesellschaft nach unten abrutscht.

Kaum waren die WDR-Kollegen mit ihrer Meldung draußen, war medial der Teufel los. Den ganzen Tag über beherrschte ihre Vorhersage die Nachrichten. Die Bundesarbeitsministerin sah sich bemüßigt, vor die Medien zu treten und für den Herbst Vorschläge zur Rentenpolitik anzukündigen. Sie bat um Verständnis, dass angesichts der Komplexität des Rentensystems die Erarbeitung von Reformvorhaben Zeit braucht.

Muss man die Hochrechnung ernstnehmen?

Mit der Komplexität haben es dagegen die WDR-Kollegen nicht allzu ernst genommen. Denn ihre hochtrabend als Prognose bezeichnete Überschlagsrechnung passt auf einen Bierdeckel. Und sie hat massive methodische Mängel, keinem Bachelor- Studenten würde man in seiner Abschlussarbeit diese Rechnung durchgehen lassen.

Die WDR-Kollegen haben schlicht die jetzige Beschäftigungsstruktur plus die Hartz-IV-Bezieher herangezogen und die Rente abgeschätzt, die sich ergeben würde, wenn die Personen das damit verbundene Einkommen über ihr ganzes Leben bezögen. Damit sind alle der fast fünf Millionen geringfügig Beschäftigten später rechnerisch in der Altersarmut.

Darunter viele Studierende, die während des Studiums jobben und sicherlich nicht vorhaben, das auch nach Ende ihres Studiums so fortzusetzen. Gezählt werden so auch die heutigen Rentner mit einem Minijob, die in dieser Rechnung gar nichts verloren haben. Und jeder in der Momentaufnahme erfasste Hartz-IV-Empfänger bleibt dies rechnerisch ein Leben lang.

Die Rente ist nicht das einzige Einkommen im Alter

Vernachlässigt wird auch, dass die Rente nicht das einzige Einkommen im Alter ist. Ausgeblendet wird zudem der Haushaltskontext. Eine Ehefrau, die Halbtags arbeitet, landet in der WDR-Berechnung in der Altersarmut, trägt aber später mit den Rentenansprüchen aus ihrer Teilzeitarbeit zum Haushaltseinkommen bei und verbessert die wirtschaftliche Situation des Paares. Die deutlich gestiegene Frauenerwerbstätigkeit wirkt so anderen Einflüssen entgegen, die tendenziell die Altersarmut steigen lassen.

Derzeit sind etwa 3% der Personen im Rentenalter auf Grundsicherung angewiesen. Die Rentnergeneration ist also weit weniger auf Transferleistungen angewiesen als die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Dieser Anteil wird aller Voraussicht nach steigen. Ein Teil derjenigen, die nach der Wiedervereinigung lange arbeitslos waren, wird keine ausreichende Rente erhalten. So erfreulich die Arbeitsmarktentwicklung nach 2005 ist, ein Teil der neuen Jobs sind im Niedriglohnsektor entstanden.

Wer sein ganzes Berufsleben zum Mindestlohn arbeitet, benötigt ergänzende Grundsicherung im Alter.

Derzeit hat er nicht einmal etwas davon, wenn er riestert - was auch mit kleinen Beträgen möglich und angesichts staatlicher Zuschüsse attraktiv ist. Später bei der Berechnung der Grundsicherung wird ihm alles wieder abgezogen. Handlungsbedarf gibt es also.

Der Rentenexperte Axel Börsch-Supan schätzt in einem ungünstigen Szenario, dass der Anteil der Grundsicherungsempfänger sich bis 2029 etwa verdoppeln wird. Das wären dann 6 %. Niemand kann die Entwicklung voraussehen. Aber 50% sind völlig jenseits jeder seriösen Prognose.
Obwohl jeder Wirtschaftsredakteur bei auch nur oberflächlicher Prüfung hätte erkennen können, dass die Rechnung des WDR nichts taugt, wurde die Nachricht von nahezu allen Medien verbreitet. Das ist das eigentlich entsetzliche.

Medien recherchieren kaum noch

Auch in Qualitätsmedien nimmt sich offensichtlich niemand mehr die Zeit nachzuvollziehen, wie Daten zustande kommen, bevor sie verbreitet werden. Damit gewinnen die jeweils schrillsten Vorhersagen den Wettkampf um das knappe Gut öffentliche Aufmerksamkeit. Nichts für ungut, liebe WDR-Verantwortliche. Der WDR ist eine Stimme im Meinungsspektrum, die ich nicht missen möchte.

Aber hier fungierte Ihr Sender als eine Empörungsmaschine, um einen Begriff des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen aufzugreifen. Hier hat die interne Kontrolle der journalistischen Qualität versagt. Empörung haben wir bereits genug. Nur eine sachliche Information, die bei den Fakten bleibt, schafft die Grundlage für eine Reformdebatte, die keine irrationalen Ängste schürt oder Erwartungen weckt, die nur frustriert werden können.

Der WDR musste Kritik einstecken. Seine Prognose erhielt die fragwürdige Ehre, zur Unstatistik des Monats erkoren zu werden. Dieser Titel wird monatlich von drei Statistikprofessoren vergeben. Danach hat sich der WDR immerhin bemüßigt gefühlt, auf die Kritik einzugehen. Aber eine selbstkritische Haltung sieht anders aus. Denn plötzlich behauptet der WDR, er habe gar keine Aussage zur Altersarmut treffen wollen.

Es sei ihm nur um eine Risikoabschätzung zum Rentenniveau gegangen. Wörtlich hieß es nun plötzlich auf der WDR-Homepage:„ Droht uns tatsächlich ab 2030 massenhaft Altersarmut? Nein, das ist so dramatisch nicht zu befürchten, und darum ging es bei den Recherchen und Berechnungen auch nicht." Das aber ist unehrlich. Auf der Homepage des WDR stand am 11. April „25,1 Millionen von Altersarmut bedroht". Ohne diese unhaltbare Zuspitzung hätte es den medialen Hype nicht gegeben.

Die Politik reagierte überstürzt - zu unrecht

Noch etwas gibt mir zu denken. In Ihrem Presseauftritt nach Bekanntgabe der WDR-„Prognose" hat es Andrea Nahles vermieden, diese Bierdeckelrechnung zurechtzurücken. Das Bundesarbeitsministerium ist ein hocheffizienter Apparat mit exzellenten Fachleuten. Man kann sicher sein, dass die Ministerin zeitnah informiert wurde, dass der WDR ein Problem, dem wir uns politisch widmen müssen, in völlig absurde Dimensionen verzerrt. Vermutlich hat Andrea Nahles mit sicherem Instinkt das Risiko erkannt, das mit der Zurückweisung der WDR-„Prognose" verbunden gewesen wäre.

Sie hätte es anderen Empörungsmaschinen ermöglicht, den Vorwurf zu platzieren, sie würde die kommende Altersarmut leugnen. Für ein solches Kalkül habe ich sogar Verständnis. Nachdem Andrea Nahles in einem Interview eine angemessene Interpretation der Daten zum Armutsrisiko angemahnt hat, ist sie dem absurden Vorwurf ausgesetzt, sie wolle die Armut wegdefinieren. Offensichtlich müssen diejenigen, die Unfug behaupten, weniger Angst vor Reputationsverlust haben als diejenigen, die ihn korrigieren.

Auch die WDR-„Prognose" wird dem Vergessen anheimfallen. Aber sie wird dennoch Folgen haben. Mittlerweile kann man die vermeintliche Erkenntnis, 2030 sei die Hälfte der Neurentner von Armut bedroht, selbst in seriösen Medien lesen. Ohne Verweis auf die Herkunft der Zahl. So als sei dies eine gesicherte Erkenntnis. Auch ein Empörungshype, der verblasst, wirkt im kollektiven Unterbewusstsein weiter und befördert eine Gesellschaft der Angst. Angst in der breiten Mitte der Gesellschaft aber ist eine Gefahr für die Bereitschaft zur Solidarität.

Prof. Dr. Georg Cremer ist Generalsekretär und Vorstand Sozial- und Fachpolitik des Deutschen Caritasverbandes. Im September erscheint ein Buch von ihm im C.H. Beck Verlag mit dem Titel „Armut in Deutschland. Wer ist Arm? Was läuft schief? Wie können wir handeln?

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Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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