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So rücksichtslos werden Alleinerziehende auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert

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  • Vor allem Frauen gehören zu den Leidtragenden der letztjährigen Reformen
  • Alleinerziehende Mütter verdienen weniger und werden im Job benachteiligt
  • Eine Zusammenfassung des Textes gibt es im Video

Durch die „Agenda 2010" von Bundeskanzler Gerhard Schröder, die sogenannten Hartz-Gesetze und die Gesundheitsreformen ist Armut bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Hartz IV ist europaweit zu einer Chiffre für sozialen Abstieg, Armut und Ausgrenzung von Menschen geworden, die nicht mehr zur „guten Gesellschaft" gehören. Besonders Frauen zählen zu den Hauptleidtragenden der Hartz-Gesetze - insbesondere dann, wenn es sich um alleinerziehende Mütter handelt.

Zwar sind Alleinerziehende, die Kinder unter drei Jahren zu betreuen haben, laut Sozialgesetzbuch von der Erwerbspflicht freigestellt. Dies ändert aber nichts an den unwürdigen Lebensbedingungen dieser Familien - zumal viele Jobcenter-Mitarbeiter enormen Druck auf die betroffenen Frauen ausüben.

Während die Erwerbsarbeit auch für Alleinerziehende (meist Mütter) mit Kindern höheren Alters eine Pflicht darstellt, ist die Betreuungsinfrastruktur vor allem in Westdeutschland immer noch wenig entwickelt und die Übernahme entsprechender Kosten durch das Jobcenter eine Ermessensentscheidung.

Personalchefs fürchten häufige Fehltage


Alleinerziehende werden auf dem Arbeitsmarkt nicht zuletzt deshalb benachteiligt,
weil Personalchefs häufige Fehltage infolge der Krankheit eines Kindes fürchten. Mini- und Midijobs, die damals geschaffen wurden, übernahmen größtenteils Frauen, die „haushaltsnahe Dienstleistungen" erbringen sollten - ohne dass ihnen Möglichkeiten eröffnet wurden, eine wirklich existenzsichernde Beschäftigung aufzunehmen.

Doch nicht bloß die materielle Situation, sondern auch die Position von Frauen und (alleinerziehenden) Müttern auf dem Arbeitsmarkt hat sich durch Hartz IV erheblich verschlechtert. Dass die Jobcenter zwischen nach ihrer Marktnähe klassifizierten „Kunden"-Gruppen differenzierten, musste zu einer stärkeren sozialen Selektion führen.

Wenn sie von Qualifizierungs- beziehungsweise Fördermaßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik ausgeschlossen werden, sind (alleinerziehende) Frauen gegenüber leichter vermittelbaren Männern benachteiligt.

Ein geregeltes Leben ist oft unmöglich

Da die Zumutbarkeitsregelungen mit Hartz IV erneut verschärft und die Mobilitätsanforderungen für Langzeiterwerbslose und Geringverdiener/innen noch einmal erhöht wurden, verschlechterten sich die Möglichkeiten für Familien, ein geregeltes Leben zu führen - ohne Zeitdruck, Stress oder räumliche Trennung von Eltern und Kindern.

Zwar gelten für Mütter und Väter kleiner Kinder günstigere Regelungen hinsichtlich der Verfügbarkeit, die dafür sorgen, dass sie von den Jobcenter-Mitarbeitern weniger rücksichtslos behandelt werden als Singles. Müssen sie trotzdem einen 1-Euro-Job, einen weit entfernt gelegenen Arbeitsplatz oder eine Beschäftigungsmöglichkeit mit ungünstigen Arbeitszeiten annehmen, heißt das jedoch für den Nachwuchs, dass er seine Eltern kaum noch zu Gesicht bekommt.

Vor allem alleinerziehende Eltern müssen ihre Kinder deshalb wohl oder übel vernachlässigen.


Dieser Beitrag erschien zuerst bei klartext.

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