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Ich wusste nicht, was innere Stärke bedeutet - bis mein Mann sich das Leben nahm

08/05/2017 11:15 CEST | Aktualisiert 09/05/2017 17:40 CEST
KTB Wedding Photography

Ich bin ein glücklicher Mensch.

Wer meine Geschichte kennt, mag das vielleicht nicht glauben. Und trotzdem weiß ich, dass es so ist.

Ich bin 36 Jahre alt, und 31 Jahre meines Lebens verliefen ziemlich ruhig und entspannt.

Meine Eltern lieben sich und sind noch immer zusammen. Meine Geschwister sind meine besten Freunde. In meiner Teenagerzeit und in meinen Zwanzigern waren die wichtigsten Fragen in meinem Leben, ob ich später einmal einen Job finden würde und wohin ich am Samstagabend ausgehen sollte.

Ich habe nie zuvor jemanden so sehr geliebt wie ihn

Mit 31 fand ich heraus, dass ich bereits von Geburt an ein Loch im Herzen hatte. Man hatte es nie entdeckt, weil ich ansonsten gesund war und weil mein Körper diesen Defekt bis dahin gut auszugleichen wusste. Mein Herz konnte schließlich durch einen minimal-invasiven Eingriff repariert werden und seitdem geht es mir sehr viel besser als vor der Operation.

In meinen Dreißigern lernte ich den Mann meines Lebens kennen und heiratete ihn. Ich habe nie zuvor jemanden so sehr geliebt wie ihn. Er hieß Rob und er war der attraktivste, intelligenteste, impulsivste und komplizierteste Mann, den ich jemals kennengelernt hatte.

Rob war Wissenschaftsjournalist. Ich war vollkommen fasziniert von seinem Humor, von seiner Herzlichkeit und von der Tatsache, dass er mich als Person bedingungslos akzeptierte. Er machte mich zu einem besseren Menschen.

Doch wie ich bereits sagte, war er auch kompliziert.

Rob hatte bereits seit der Kindheit gegen seine Depressionen angekämpft. Bei unserer ersten Verabredung sprach er so gut wie gar nicht über seine Krankheit, weshalb ich keine Ahnung hatte, wie stark sie ihn tatsächlich beeinträchtigte.

Als ich erfuhr, dass er mich angelogen hatte, zerriss es mir zwar das Herz

Da Rob sich das volle Ausmaß seiner Depressionen nicht eingestehen wollte, versuchte er, seine Krankheit mit Tabletten selbst in den Griff zu bekommen, wodurch er irgendwann abhängig wurde. Er versteckte seine Sucht drei Jahre lang vor mir, bis er endlich dazu stand.

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Als ich erfuhr, dass er mich angelogen hatte, zerriss es mir zwar das Herz, doch gleichzeitig wurde mir auch zum ersten Mal bewusst, dass das Leben nicht immer nur schwarz oder weiß ist.

In Wirklichkeit besteht das Leben aus Grautönen. Diese Erkenntnis ist anfangs sehr schmerzhaft, weil man sie auf die harte Tour lernen muss. Man gewinnt durch diese Lektion jedoch auch sehr viel Mitgefühl und Verständnis für andere.

Alle Menschen in deinem Umfeld gehen ihren eigenen Weg, selbst wenn sie nicht darüber sprechen. Und manchmal wollen sie auf diesem Weg mit ihrer unglaublichen Traurigkeit, mit ihrer Scham und mit ihrem Glück einfach nur allein sein.

Im Mai 2015 nahm Rob sich das Leben.

Jeder hat seine eigene Meinung zum Thema Selbstmord. Ich weiß jedoch, dass Rob sich nicht umgebracht hat, weil er uns nicht genug liebte oder weil wir ihm egal waren. Wenn man eines über Rob sagen konnte, dann dass er andere ohne jegliche Wertung oder Bedenken liebte. Und obwohl er manchmal ein echt harter Brocken war, musste man ihn einfach lieben.

Als Rob von uns ging, verstand ich die Welt nicht mehr

Rob musste sterben, weil er den Kampf nicht mehr aushielt, der schon viel zu lange in seinem Kopf getobt hatte.

Als Rob von uns ging, verstand ich die Welt nicht mehr. In dieser Zeit gab es nur noch Dunkelheit in meinem Leben. Ich lag am Grunde meines eigenen Meeres.

Doch nach und nach tauchten wieder winzige Lichtblicke auf.

Ich möchte nicht behaupten, dass es leicht war. Dass ich jetzt hier sitze und dass ich nicht an meinem Kummer gestorben bin, habe ich einzig und allein der Tatsache zu verdanken, dass ich so hart an mir gearbeitet habe wie nie zuvor in meinem Leben.

Viele Menschen sagten mir, dass ich stark sei - vermutlich deshalb, weil ich wieder zu arbeiten begann und nicht in eine Schockstarre verfallen war. Durch meinen Job bei der HuffPost gelang es mir, eine Plattform aufzubauen, auf der User sich über psychische Erkrankungen, Männlichkeit und Selbstmord austauschen können.

Trauer führt einzig und allein in eine Richtung, nämlich in die Vergangenheit

Außerdem schrieb ich ein Buch über mein gemeinsames Leben mit Rob. Denn meiner Meinung nach versuchte er die scheinbare Normalität vor allem deshalb um jeden Preis wahren, weil es in unserer Gesellschaft als Tabu gilt, über Depressionen und Suchterkrankungen zu sprechen. Und Selbstmord ist sowieso das größte Tabu von allen.

Als stark bezeichnet zu werden, ist ein Kompliment. Und auch ich werde lieber für stark gehalten als für schwach. Mein Verhältnis zu der Bezeichnung 'stark' ist jedoch zwiegespalten, denn oft fühle ich mich alles andere als stark. An manchen Tagen liege ich doch wieder am Grunde meines eigenen Meeres und frage mich, wie ich da hingekommen bin.

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Das Schwierige an der Trauer ist, dass sie mit einer vollkommen aussichtslosen Liebe vergleichbar ist. Trauer führt einzig und allein in eine Richtung, nämlich in die Vergangenheit.

Denn die Zukunft, die du mit dem verstorbenen Menschen einst hattest, wurde ausgelöscht. Und wenn du dir überlegst, wie unglaublich stark Liebe sein kann, dann weißt du auch, in welch wahnsinniges Chaos dich eine Liebe stürzen kann, für die es keinerlei Hoffnung mehr gibt.

Als Rob starb und alles um mich herum nur Nebel, Feuer und Schmerz war, dachte ich mir nicht: 'Du musst jetzt stark sein.' Und ich zerbrach mir mit Sicherheit auch nicht den Kopf darüber, ob andere mich nun für stark hielten oder nicht.

Ich wollte ein würdevoller und mitfühlender Mensch sein

Doch obwohl ich keinen Plan hatte und über Monate hinweg nicht viel mehr auf die Reihe brachte als morgens aufzustehen und abends wieder ins Bett zu gehen, glaubte ich trotzdem immer fest daran, dass ich eines Tages der Mensch sein würde, der ich immer sein wollte.

Ich wollte ein würdevoller und mitfühlender Mensch sein. Ich wollte Menschen, die gerade etwas Ähnliches durchmachten wie ich, die Hand halten und für sie da sein. Ich wollte der liebevolle Mensch sein, für den mein Mann mich immer gehalten hatte, auch wenn ich selbst mir da manchmal nicht so ganz sicher war.

Man wird nicht einfach mit innerer Stärke geboren. Vor Robs Tod besaß ich diese Stärke definitiv noch nicht. Wie sollte ich auch? Schließlich brauchte ich sie vorher ja auch gar nicht.

Ich gewann diese Stärke zum einen aus Glück und zum anderen aufgrund der Tatsache, dass ich um mein eigenes Leben kämpfen musste. Aus Glück deshalb, weil meine Freunde und meine Familie immer für mich da waren und meinen Kopf über Wasser hielten, wenn mir die Kraft zum schwimmen ausging. Am Ende machte mich dieser Kampf jedoch zu dem Menschen, der ich immer sein wollte.

Ich kämpfe nach wie vor, und zwar an jedem einzelnen Tag. Dieser Kampf erforderte hunderte verschiedene kleine Entscheidungen, dich ich für mein Leben und für den Menschen, der ich werden wollte, treffen musste.

Du wirst all die lieben Menschen, die du verloren hast, immer in deinem Herzen tragen

Wenn man mich fragen würde, wie ich denn nun genau über Robs Tod hinweggekommen bin, könnte ich es nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich nie aufgehört habe, die Dinge zu tun, die mir Spaß machen, nämlich arbeiten, laufen gehen und schreiben.

Außerdem lernte ich, etwas besser Nein sagen zu können. Und mir war immer klar, dass ich diese Trauer zwar mein Leben lang in mir tragen würde, dass sie mich jedoch nicht für immer und ewig überwältigen würde.

Denn meiner Meinung nach ist innere Stärke nichts anderes als die Fähigkeit, die Welt so zu akzeptieren, wie sie ist, und die permanenten Veränderungen, den Wandel und das Wachstum einfach mitzumachen.

Immer im Moment zu leben, statt sich ständig zu fragen, was denn wohl als nächstes schief gehen wird. Du wirst all die lieben Menschen, die du verloren hast, immer in deinem Herzen tragen. Und gleichzeitig wird deine innere Stärke dir dabei helfen, dein Herz für all die Chancen offen zu halten, die die Zukunft noch bringt.

Poorna Bells erstes Buch Chase The Rainbow, das von ihrem gemeinsamen Leben mit Rob erzählt, ist am 4. Mai im Verlag Simon and Schuster erschienen.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)