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Ich habe mich an den Gedanken gewöhnt, dass ich umgebracht werden könnte

31/03/2017 17:30 CEST | Aktualisiert 01/04/2017 21:10 CEST
Polina Nemirovskaia

Die Russin Polina Nemirovskaia ist erst Anfang 20, studiert Jura und hat schon für viele Oppositionspolitiker gearbeitet. Sie gehört der von Michail Chodorkowsky gegründeten Bewegung Open Russia an.

Ich weiß, es klingt makaber: Aber ich habe mich an den Gedanken gewöhnt, für lange Zeit im Gefängnis zu landen. Oder eines Tages umgebracht zu werden.

Die Sehnsucht nach Veränderung

Wenn man sich wie ich entscheidet, für das Demokratieprojekt Open Russia oder für irgendeine oppositionelle Gruppe zu arbeiten, weiß man um das Risiko. Und ich habe mich schon lange entschieden.

Als Kind, als andere davon träumten, Astronauten oder Primaballerina zu werden, habe ich mich für die Politik interessiert. Meine Eltern sagten, dass das in diesem Land keine besonders gute Idee sei. Aber meine Sehnsucht nach Veränderung war stärker.

13 Stunden am Telefon

Und so saß ich am vergangenen Sonntag 13 Stunden am Telefon, um entsetzten Menschen zu helfen, die nur friedlich für ihr Recht demonstriert hatten - und jetzt hinter Gitter kommen sollten.

moscow march 26

Foto: AP

Am Sonntag waren in Russland 60.000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die Korruption in Wladimir Putins System zu kämpfen. Der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny und sein Team hatten die Demonstrationen organisiert. Es gibt niemanden, der effektiver Kampagnen über soziale Netzwerke organisieren kann.

Viele der Demonstranten, die Nawalny mobilisiert hat, waren so jung, dass sie kein Russland ohne Putin kennen. Und viele von ihnen waren noch niemals demonstrieren. Niemand hatte ihnen gesagt, was ihnen zustoßen könnte.

junge leute

Foto: AP

Entsprechend hilflos und verunsichert waren sie, als die Polizei allein in Moskau 1000 Menschen festgenommen hat - eine solche Massenverhaftung hatte es zuletzt 1993 gegeben.

Ich habe ihnen am Telefon erklärt, wie sie sich verhalten sollen, welche Rechte sie haben. Ich habe ihnen gesagt, dass sie das Richtige getan haben.

Eingesperrt, ohne Wasser, ohne Essen, ohne Bett

Wir bei Open Russia verfügen über genügend Erfahrung in diesen Fragen. Und über Anwälte. Wir haben sie in 30 Moskauer Polizeidienststellen geschickt, um die Leute zu betreuen, die dort bis zu sechs Stunden ohne Wasser, Essen und Anwalt eingesperrt waren.

In einem Polizeirevier mussten die Gefangenen sich abwechseln, um auf Kartons schlafen zu können. Und Trinkwasser gab es nur für die Polizisten, die Gefangenen sollten aus dem Hahn trinken. (In Russland ist Leitungswasser in der Regel nicht trinkbar, oft ist es gechlort oder mit Chemikalien und Fäkalien verunreinigt, Anm. d. Red.)

Unsere Anwälte haben 200 Demonstranten sofort freibekommen und 100 weitere betreut, die am Montag und Dienstag vor Gericht gestellt wurden. Es hagelte Geld- und Freiheitsstrafen von vier bis 15 Tagen.

Die Regierung wird ihnen das Leben zur Hölle machen

Das klingt erst einmal nicht besonders erschreckend. Aber man muss sich das verdeutlichen:

Diese Menschen haben friedlich demonstriert. Sie sind für nichts und wieder nichts schikaniert und eingesperrt worden. Man hat ihnen vollkommen unnötig Gewalt angetan. Und einigen von ihnen droht nun eine Anklage.

moscow march 26 demonstration

Foto: Reuters

Das verstört sie selbst und trifft ihre Familien. Ihr Leben wird danach nicht mehr dasselbe sein. Denn sie haben zu spüren bekommen, was Willkür ist. Denn sie stehen nun in Polizeiakten. Das hat Folgen, gerade für junge Menschen, die sich einen Job suchen wollen.

Wenn es zur Anklage kommt, wird ihnen die Regierung das Leben zur Hölle machen. Sie wird ihr Leben zerstören.

Sie versucht nicht einmal, ihren Hass auf die Opposition zu verbergen.

Nemzow hatte in mir Hoffnung geweckt

Ich habe in den vergangenen Jahren für mehrere Oppositionspolitiker gearbeitet, darunter Boris Nemzow. Ich vertraue nicht vielen Politikern, aber er hat in mir die Hoffnung geweckt, dass es Menschen gibt, die nicht für ihren Vorteil über Leichen gehen, sondern für uns alle ein besseres Leben schaffen wollen.

Am 27. Februar 2015 wurde Nemzow erschossen.

Der Täter stand Ramsan Kadyrow (Regionalpräsident Tschetscheniens, Anm. d. Red), nahe. Und nur einen Monat später hat Putin Kadyrow einen Orden verleihen lassen.

Ich bin es so leid

Ich selbst bin immer wieder festgenommen worden, weil ich demonstriert habe.

Ich bekomme Drohungen, über Instagram zum Beispiel. Kürzlich sagte Ramsan Kadyrow in einem Instagram-Live-Stream auf meine Frage, ob er sich einer Befragung über den Mord an Boris Nemzow stellen würde: Wenn ich Mumm hätte, würde ich ihm meine Telefonnummer geben. Und dann würde ich schon sehen, was passiert.

Man hat auch mein Handy gehackt und ein sehr privates Foto veröffentlicht, das eine Oppositionspolitikerin und mich zeigt. Nur, um sie öffentlich in Misskredit zu bringen.

Tatsächlich mochten alle die Fotos. Aber seither nutze ich iCloud nicht mehr und habe eine geheime Sim-Karte.

Es ist nicht so, dass ich Putin ins Gesicht boxen muss, wenn ich ihn im Fernsehen sehe. Aber ich bin es so leid. Ihn und dieses korrupte System, das er aufgebaut hat.

Und am Sonntag haben wir den Beweis gesehen, dass viele so denken. Ich habe Hoffnung. Nächstes Jahr sind Wahlen.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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