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Wie es ist, bei sport1 im härtesten Fußball-Talk mitzureden

06/10/2017 14:49 CEST | Aktualisiert 06/10/2017 14:53 CEST

Der Doppelpass am Sonntagmorgen auf Sport1 ist eine Kultsendung

im deutschen Fernsehen. Ein Fußball-Talk mit Experten:

Hier wird nur eingeladen, wer im deutschen Sport was zu sagen hat.

Sonntag saß ich in München mittendrin statt nur dabei: Zwischen den ehemaligen Fußballprofis Marcell Jansen und Stefan Reuter redete und diskutierte ich mit Moderator Thomas Helmer und anderen Gästen nicht nur über die Krise beim FC Bayern.

Wie aber kommt man in diese exklusive Runde? Und was läuft hinter den Kulissen ab? Was man dringend braucht: starke Nerven! Bis zu 1,2 Millionen Menschen schauen sonntags zu. Plötzlich bist du im Fernsehen: Auf meinem Account bei Facebook und Twitter erscheinen noch während der Sendung die ersten Beschwerden. Und manchmal, zum Glück, auch ein paar Komplimente.

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Was man dringend braucht: starke Nerven!

So ein Gastbesuch beim Doppelpass hat etwas Rituelles. Meistens kommt die Einladung zu dieser Live-Sendung in der Woche vorher. Die Redaktion um Jörg Krause gewinnt einen Überblick über die Themen und sucht dafür Gesprächspartner. Bei mir vor allem: zu Schalke, Dortmund, Bayern und HSV.

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Die Doppelpass-Sendung auf Sport1, inzwischen gesponsert von Check24, findet in München am Flughafen statt. Genauer: in der Lobby des Hilton Munich Airport.

Für die Gäste der Sendung ist das sehr angenehm.

Wenn ich am Sonntagmorgen mit dem 9-Uhr-Flieger aus Hamburg komme, sind es zu Fuß nur 100 Meter vom Lufthansa-Gate zum Hilton. Meistens erreiche ich gegen halb elf die Garderobe, wo der Treffpunkt vor der Sendung ist. Dann muss es aber zackig gehen.

Die Diskussionen gehen meistens schon in der Garderobe los

Die Garderobe liegt rechts in einem Gang hinter der Bühne. Meistens warten die andere Gäste schon bei einer Tasse Kaffee. Am Sonntag waren das der Experte und Trainer Armin Veh, Ex-Profi Marcell Jansen und TV-Star Johannes B. Kerner sowie Sport1-Chefredakteur Dirc „Sailor" Seemann.

In der Garderobe bekommt man als Gast etwas Make-Up und Puder ins Gesicht, damit man im Licht der TV-Strahler nicht so glänzt. Mein Standardspruch beim Schminken: „Bitte fünf Jahre jünger!" Die Visagisten lächeln inzwischen milde.

Am Tag zuvor ruft in aller Regel Thomas Helmer an und präzisiert die Themen. Bayern, Videobeweis, Nordderby: Diesmal lagen die Themen auf der Hand. In der Garderobe gehen die Diskussionen meistens schon los. Ohne TV-Kamera ist jeder per Du und komplett zugänglich. „Ich habe gehört, dass..." ist eine beliebte Floskel. Alle wissen: Was hier gesprochen wird, verlässt den Raum nicht.

Irgendwann, so fünf Minuten vor der Sendung, wenn die Mikrofone schon angeschlossen und befestigt sind, werden wir von der Garderobe zur Bühne geführt. Eine letzte Nachfrage, ob wir genügend Münzen fürs Phrasenschwein haben. Ja, alles klar.

Weiter geht's! Dutzende Fußballfans warten ungeduldig auf den Beginn der Sendung. Die Sitzplätze sind uns zugewiesen; aussuchen dürfen wir die als Gäste nicht. Während wir es uns bequem machen und ein letztes Mal die E-Mails auf dem Handy checken, bringt Thomas Helmer das Publikum in Laune.

Er macht das richtig gut. Und immer mit denselben Sprüchen. Sein bester Spruch: Er fragt ein Pärchen, ob die zwei zusammen sind - wenn sie bejaht, hakt er nach: „Warum weiß dein Gesicht nichts davon?" Die Leute prusten.

Eine andere Frau fragt er: „Habt Ihr Kinder?" Wenn sie verneint, kontert er mit dem Fingerzeig auf ihren Partner: „Stellt er sich zu blöd an?" Einen Fan hat er Sonntag besonders aufs Korn genommen: „Du trägst Lederhosen und ein Hoffenheim-Trikot - was ist in deinem Leben schiefgelaufen?" Die Fans lieben die Kalauer.

Um Punkt elf geht es los. Der Bundesliga-Gast (diesmal Stefan Reuter vom FC Augsburg) wird in einem Volkswagen vorgefahren und darf die erste Frage beantworten.

Danach werden wir, die wir schon in unseren Sesseln sitzen, einzeln vorgestellt. Jetzt freundlich in die Kamera 1 schauen und lächeln - am Sonntagmorgen eine echte Herausforderung.

Warten auf den ersten Satz. Fehlerfrei vorgetragen. Und das Lampenfieber ist weg. Normalerweise gehe ich durchaus ambitioniert in die Sendung und vertrete an Helmers Seite mutige Thesen. Diesmal habe ich mich bewusst zurückgenommen. Vor mir saß halt JBK.

Ein hervorragender Fernsehmann, der das Spiel mit der Kamera und dem Publikum perfekt beherrscht. Einen Beifall nach dem anderen holt er sich ab. Das beeindruckt mich dann doch. Ich ziehe mich aufs Fachliche zurück, erkläre in aller Ruhe die Lage beim FC Bayern und das Problem bei der Verpflichtung von Thomas Tuchel. Fachlich weiß ich in solchen Runden zu glänzen. Auch wenn Kerner zur Höchstform aufläuft.

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Wer besonders angenehm ist: Armin Veh. Als Trainer hat er nicht nur alle Abgründe des Geschäfts gesehen und darüber reflektiert. Jede Minute merkt man, wie wissbegierig er ist und den Austausch mit uns Journalisten schätzt. Er hört immer aufmerksam zu.

Auch wenn die Kameras während der Werbepause ausgeschaltet sind. Veh redet stets auf Augenhöhe. Sonntag trug er, sonst eher Jeansträger, einen auffallend feinen blauen Anzug. Spontan haben wir ihn allesamt geneckt: Ob er denn heute noch ein Vorstellungsgespräch bei den Bayern habe...? Veh lachte dazu. Unseren kleinen Spaß bekam keine einzige Kamera mit.

Manchmal lese ich heftige Kritik an Thomas Helmer. Ich kann das überhaupt nicht verstehen. In der Sendung tut er alles, damit seine Gäste zur Geltung kommen. Er provoziert nicht. Bringt keinen in Verlegenheit. Versteht die Körpersprache, wenn man etwas sagen will. Oder lieber schweigt. Ein guter Gastgeber!

Frohmut in den Werbepausen

Richtung munter wird es, wenn es in die Werbepausen geht. Das Weißbier, das am Tresen in der Lobby ausgeschenkt wird, zeigt Wirkung: Einzelne Zuschauer aus dem Publikum nehmen allen Mut zusammen und entern für einen Moment die Bühne. Ein Autogramm hier, ein schnelles Selfie da - sogar ich werde gefragt. Es ist mir ein wenig unangenehm. Aber soll ich Nein sagen?

Der eigentliche Star der Sendung ist Ruth Hofmann am Pult neben der Bühne. Sie ist permanent mit den Foren auf Sport1 verbunden und liest, welcher Gast gerade kritisiert wird (meistens ich, logisch). Fußballfans neigen dazu, dass sie Frauen bei einer Talkshow schwerlich akzeptieren können. Bei Ruth Hofmann ist das anders: Ihr Fußballwissen ist unbestritten.

Inzwischen dauert die Sendung fast zweieinhalb Stunden. Mir persönlich ist das ein bisschen zu lang. Irgendwann geht wahlweise die Konzentration oder die Dringlichkeit von Themen verloren. Es geht wohl nicht anders. Seit dieser Saison sendet die Konkurrenz auf Sky zeitgleich einen Talk.

Nach der Sendung gibt es bei Weißwurst und Weißbier Anekdoten, die vor der Kamera nicht geteilt wurden

Nach der Sendung gehen alle Gäste ins angrenzende Restaurant. Ein langer Tisch ist eingedeckt. Es gibt Weißwurst und Weißbier. Und nicht selten erfährt man hier, was der eine oder andere in der Sendung lieber verschwiegen hat.

Doch davon: kein Wort in der Öffentlichkeit. Ich setze mich aus Prinzip seit meiner ersten Doppelpass-Sendung vor 20 Jahren auf einen ganz bestimmten Stuhl: den vorletzten in der Reihe links.

Auf den Platz, wo ich früher immer neben Udo Lattek gesessen habe. Ich habe ihn, den ehemaligen Bayern-Trainer und DSF-Experten, verehrt. Und darf sagen, dass er mich gemocht hat. Mit keinem konnte ich so unterhaltsam über Fußball reden wie mit ihm. Was hat er mir schon Anekdoten erzählt!

Wenn ich fragte, wann ich denn seine Tochter kennenlernen dürfe, sagte er nur: „Du dumme Sau! Ich hacke dir beide Arme ab." Dann haben wir ein Bier miteinander getrunken. Er fehlt mir. Bei jeder einzelnen Doppelpass-Sendung. Und wenn ich meinen Stuhl einnehme, gedenke ich seiner.

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