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Schule ist Zeitverschwendung

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SCHULE ZEITVERSCHWENDUNG
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Erfahrungen sind wichtiger als Wissen

Schule - so wie sie jetzt meistens ist - reine Zeitverschwendung. Wenn ich zurück blicke, frage ich mich nicht selten: Was hätte ich in diesen 13 Jahren alles erleben und wirklich nachhaltig lernen können?!

"Zwei Jahre nach dem Abitur wissen wir nur noch zehn Prozent des gesamten Schulstoffs."

Quelle: Interview mit Gerald Hüther

st das nicht absurd? Wissenschaftlich ist längst bekannt, dass wir unter Stress, Druck, mit Angst und ohne emotionalen Bezug nicht nachhaltig lernen. Und dennoch wird weiterhin der Lehrplan durch gepaukt. Da kann ich gar nicht länger drüber nachdenken, ohne wütend zu werden... So viele junge Menschen, die ihre Lebenszeit absitzen, sich langweilen und nicht ihrer natürlichen Neugier nachgehen und ihre individuellen Talente entfalten können...

Angst und Kreativität schließen sich aus

Wenn das Areal im Hirn, welches für Angst zuständig ist - der Mandelkern - aktiviert ist, schließt das aus, dass wir kreative Lösungsansätze überhaupt denken können. Wenn etwas unter Angst gelernt wird, ist vorprogrammiert, dass dies niemals für kreatives Problemlösen eingesetzt werden kann. Angst und Kreativität schließen sich aus.

Damit wir langfristig lernen und verstehen, braucht es emotionalen Bezug. Dieser kann nicht entstehen, wenn der Organismus permanent Angst ausschüttet und im Verteidigungs-Modus ist. Die zu lernenden Themen und Inhalte sind dann meist per se negativ konnotiert, weil wir mit ihnen unangehnehme Empfindungen verbinden. Dass es dann externe Motivation braucht (Noten, Aussichten auf Studienplätze/ Job), um zu lernen, scheint klar zu sein.

Noten killen intrinsische Motivation

Der Gummibärchen-Effekt zeigt, dass intrinsische (innere) Motivation durch Belohnungssysteme schnell durch extrinsische (äußere) Motivation ersetzt wird.

Im Kindergarten bekommen Kinder für jedes gemalte Bild ein Gummibärchen. Einige Kinder fangen an, nach dem Motto „Punkt, Punkt, Komma, Strich - fertig ist das Mondgesicht" Bilder abzuliefern, um Gummibärchen anzuhäufen. Andere malen ganz in ihre Werke vertieft weiter, bis sie aus den Augenwinkeln die Gummibärchen-Berge der anderen bemerken. Auch sie fangen an, Bilder gerade zu zu produzieren.

So schnell kann innere durch äußere Motivation ersetzt werden. Die Tätigkeit - in diesem Falle Bilder malen - bleibt die gleiche. Doch wird sie nur noch als Mittel zum Zweck ausgeführt und nicht um der Tätigkeit selbst willen, aus Freude am Erleben und im Moment.

Mit dem Lernen läuft es leider sehr ähnlich ab - Oft haben wir nur noch das Ergebnis und die Belohnung, die Noten, im Sinn.

Leider baut unsere gesamte Gesellschaft auf diesen Prinzipien auf. Wie viele Menschen arbeiten aus intrinsischer Motivation? Und wie viele nur noch, um Geld zu verdienen, ihre Existenz zu sichern? Durch die klassische Lohnarbeit ist ersteres so gut wie unmöglich.

"Erwerbsarbeit ohne ‚echten', inneren Antrieb erzeugt also einfach nur innere Leere, Sinnlosigkeit und irgendwie auch Traurigkeit."

Ilona Koglin, Dragon Dreaming Trainerin

Wie viele junge Menschen gehen zur Schule, weil sie dort ihre Fähigkeiten und Talente entfalten können? Und wie viele, weil es Schulpflicht gibt oder weil „das eben sein muss", um einen guten Job zu bekommen? Mach selbst das Experiment und frag Schüler*innen warum sie in die Schule gehen...

Wir brauchen Empathie!

"Viel wichtiger als Wissen ist Erfahrung."

Gerald Hüther, Neurobiologe

Wissen ist mittlerweile fast unbegrenzt zugänglich - durch online Vorlesungen, Enzyklopädien und so weiter. Was wir mehr denn je nötig haben, sind Erfahrungen, die uns berühren. Emotionen, die uns bewegen. Geschichten, die unter die Haut gehen. Nur dann werden Sachverhalte greifbar - nur so können wir be-greifen. Wenn wir sie an uns heran gelassen haben, sind wir fähig, sie aufzunehmen und zu speichern.

Nicht wie Vokabeln im Kurzzeitgedächtnis, um sie für den nächsten Test auszukotzen und dann zu vergessen. Sondern wirklich tief in uns, weil Emotionen daran hängen. Es geht also darum, Erfahrungen zu vermitteln und sie aufzunehmen. Und dazu ist zu einem großen Teil Empathie notwendig.

Große Fragen ganz klein

Entdeckergeist steckt vor allem in Baby- und Kinderschuhen. Die kleinen Wesen sind von sich aus begeisterungsfähig und neugierig. Sie hinterfragen, wollen wissen, staunen und reißen uns - die „Erwachsenen" - nicht selten mit. Bis wir sie dann durch Schulzwänge fesseln und ihren Erkundungsgeist an Stühle binden.

Eingezwängt zwischen Tafel und Heft haben die großen Ideen und strahlenden Fantasien, Fragen, die die Welt bewegen, keinen Platz mehr - Ja, sie scheinen geradezu unwichtig und klein zu werden. Zu verschwinden hinter auswendig zu lernenden Formeln und langweiligen Vokabeln.

"90% aller Kinder sind hochbegabt - nach der Schule nur noch 10%."

Quelle: Film "Alphabet - Angst oder Liebe"

Das Schlimme ist, dass diese Neugierde in der Schule nicht nur subtil, sondern oft auch direkt untergraben wird. Ich habe es oft erlebt, wissbegierig Fragen zu stellen, um dann abgespeist zu werden mit „Das ist halt einfach so. Wir wollen jetzt mit dem Lehrstoff durchkommen".

"Erkläre es mir und ich werde vergessen. Zeige es mir und ich werde mich erinnern. Lass es mich selbst tun und ich werde es verstehen.", Zitat von Konfuzius. Wird in der Schule leider nicht gelebt!

Ist Schule wirklich Zeitverschwendung?!

Wichtig ist mir noch zu betonen, dass der gewählte provokante Titel eine individuelle Aussage ist. Für mich waren die 13 Jahre Schulzeit im Rückblick - jetzt, wo ich reflektieren kann, dass Lernen anders aussehen kann - größtenteils Zeitverschwendung. Natürlich trifft das nicht auf meine gesamte Schulzeit zu.

Ich habe tolle Menschen kennengelernt, Freundschaften geknüpft, die ein oder andere bereichernde Diskussion gehabt - Allerdings würde ich keinesfalls behaupten, dass dafür dieses Schulformat nötig gewesen wäre! Vielmehr bin ich davon überzeugt, dass in einer anderen Begegnungs- und Lernatmophäre diese Punkte noch intensiver hätten gelebt werden können.

Wie kann Lernen anders ablaufen?

Das gilt es in den nächsten Jahren gemeinsam - bestenfalls mit Schüler*innen und Lernenden - heraus zu finden. Beispiele vieler Freilerner*innen machen deutlich, dass Kinder keinen getakteten Lehrplan brauchen, um motiviert zu sein und lernen zu wollen. Hier einige spontane Vorschläge ohne Anspruch auf Vollständigkeit ;-)

  • Die innere Freude und Motivation wertschätzen und nicht durch Belohnungs- oder Bestrafungssysteme zerstören
  • Eine möglichst angstfreie Lernatmosphäre kreieren
  • Einfühlsam miteinander umgehen; Bedürfnisse wahrnehmen
  • keine Hierarchie zwischen „Lehrer*innen" und Lernenden. Begegnung auf Augenhöhe.
  • alters- und interessensgemischt von- und miteinander lernen, hierdurch kann Unterschiedlichkeit gewertschätzt werden ohne sich durch Noten vergleichen oder aneinander messen zu müssen
  • keine Angst vor „Scheitern" oder „Fehlern" vermitteln
  • selbstbestimmt Inhalte und Themen wählen
  • spielerisch entdecken statt starr auswendig lernen

Nicht nur, dass durch diese und viele weitere Punkte eine selbstbestimmte, authentische, empathische Lernatmosphäre geschaffen werden kann. Auch fest zum Kapitalismus gehörendes Konkurrenzdenken, Verwertungslogik und Selbstoptimierungsdruck kann mit Sicherheit verringert werden.

Welche Punkte fallen Dir noch ein? Und: Wie war Deine Schul- und Unizeit für Dich? Was hast Du daraus gemacht? Lebst Du mit Kindern zusammen, die zur Schule gehen (müssen)? Wie empfinden sie das Lernen? Was könnt ihr vielleicht gemeinsam ändern - Wie lässt sich Schule anders gestalten? Ausprobieren lohnt sich!

Und zum Abschluss noch eine Filmempfehlung: „Alphabet - Angst oder Liebe". Michael hat sich den Film schon beim Erscheinen angesehen und einen Artikel über den Film Alphabet geschrieben.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf "Experiment Selbstversorgung"

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