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Wie funktioniert das Zusammenleben mit einem Nicht-Minimalisten?

29/07/2016 09:37 CEST | Aktualisiert 30/07/2017 11:12 CEST
Guido Mieth via Getty Images

Vor ein paar Monaten drehte sich mein Freund eines Abends zu mir um und fragte: „Was ist, wenn uns dein Minimalismus irgendwann im Weg steht?" Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Wie erklärt man Familie und Freunden seine Vorstellungen von einem minimalistischen Leben, ohne sie zu verprellen? Wie können Minimalisten und Nicht-Minimalisten zusammenleben?

Jeder Mensch lebt anders, deshalb kann ich dir auch nur erzählen, wie ich mit diesem Problem umgehe. Denn es ist ein Problem. Du lebst mit jemandem zusammen und plötzlich merkst du, dass du vieles nicht mehr willst. Nicht mehr besitzen willst, nicht mehr tun willst. Es geht ja nicht nur darum, den eigenen Besitz zu reduzieren, auf dem Weg zum Minimalismus stellst du ja fast jeden Bereich deines Lebens in Frage. Wenn du dich entscheidest, minimalistisch zu leben, betrifft das nicht nur dich, sondern auch deine Angehörigen. Wie kann man es schaffen, die Beziehung nicht auch gleich wegzureduzieren?

Ein paar Worte zu uns: Ich kenne meinen Freund seit der fünften Klasse. Seit über acht Jahren sind wir ein Paar, seit 2008 wohnen wir zusammen in einer 80 m² großen Wohnung in einem Zweifamilienhaus in einem kleinen Kaff im Sauerland. Wir verstehen uns gut mit unseren Vermietern, unsere Familie und Freunde wohnen alle in der Nähe. Kinder haben wir keine, aber das konntest du dir wahrscheinlich schon denken, weil ich hier im Blog nie Kinder erwähnt habe. Denn Eltern reden über ihre Kinder. Wenn sie das nicht tun, ist das irgendwie komisch.

Mein Freund ist fest angestellt in einem mittelständischen Unternehmen, ich betreibe seit 3 Jahren „Selbstverwirklichung" (seine Worte). Ich mag Städtereisen, er fährt lieber ans Meer oder zum Skifahren. Er kennt sich mit Autos und Computern aus, ich mich mit Büchern und Basteltechniken. Wir sind sehr unterschiedlich, aber das ist gut so, weil wir die Interessen und Ansichten des anderen tolerieren und akzeptieren und sich jeder auf seine Weise entfalten kann. Das war nicht immer leicht. Aber beim wem ist es das schon? Wir sind ein Paar, beste Freunde, und ein großartiges Team.

Vor ungefähr zwei Jahren begann ich, mich für den Minimalismus zu interessieren.

Ich fing an, alles Mögliche zu entrümpeln, infrage zu stellen, loszuwerden. Anfangs fand mein Freund das wohl auch ganz gut, weil zum Beispiel mein Kleiderschrank aus allen Nähten platzte und ich schon Teile seiner Schrankhälfte besetzt hatte. Ich würde seine Sachen niemals anrühren und habe niemals radikal entrümpelt, deshalb hielten sich seine Sorgen wohl auch in Grenzen. Doch es gibt in so einem Haushalt eben auch viele Gegenstände, die man gemeinsam benutzt und besitzt. Da kommt es dann doch mal zu Diskussionen. Beispielsweise ist unser Fernseher nun schon 5 Jahre alt. Er funktioniert jedoch meistens noch einwandfrei. Ich sehe es nicht ein, ihn gegen ein neueres Modell zu tauschen, mein Freund jedoch ist fasziniert von technischen Geräten aller Art und würde ihn lieber heute als morgen ersetzen. Noch ist diese Schlacht nicht entschieden.

Mein Freund ist im Grunde selber Minimalist, er würde sich nur nie so bezeichnen. Er hasst Shopping und besitzt nicht übermäßig viele Kleidungsstücke. Er strebt genauso wie ich nicht nach Statussymbolen. Er schätzt sein Privatleben und lebt nicht nur für die Arbeit. Wir sind in vielen Punkten unterschiedlich, aber bei den wichtigen doch einer Meinung.

Die meisten Menschen in meiner Umgebung akzeptieren meine Ansichten, wenn sie denn überhaupt zur Sprache kommen.

Denn ich versuche niemals, jemanden zu missionieren. Spricht mich jemand auf Minimalismus an, erkläre ich, was dahinter steckt. Ich sage, dass ich mich jetzt öfter frage, was ich wirklich brauche und was überflüssig ist. Dass ich so Geld und Zeit spare und entspannter bin. Aber ich akzeptiere, dass andere Menschen auf andere Dinge Wert legen. Dass sie gerne shoppen gehen und gewisse Dinge brauchen, um sich in ihrer Haut wohlzufühlen. Dass sich Menschen in unterschiedlichen Maßen darüber definieren, was andere von ihnen denken. Dass Kaufen ein gutes Gefühl gibt und Weggeben Verlustängste weckt. Dass nicht jeder Lust und Zeit hat, sich damit auseinander zu setzen.

Meine Mutter fragte mich einmal entsetzt, ob ich denn jetzt Asket würde? Sie hat wahrscheinlich die Horrorvorstellung, dass ich in eine selbstgeschreinerte Holzhütte ziehe und mich nur noch von Wildkräutern ernähre. Ich finde es schade, dass Minimalismus so falsch verstanden wird. Nein, ich möchte niemals in eine Hütte ziehen und Wildkräuter sind nicht mein Ding. Extreme mag ich nicht. Ich lebe ziemlich normal, nur mit weniger Druck und weniger Stress. Es ist so, wie ich leben möchte. Es ist genug, jetzt in diesem Augenblick sogar genau richtig. Ich lasse mich gerne von anderen Menschen inspirieren, aber ich möchte niemanden nachmachen.

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Tja, und die Moral von der Geschichte? Nein, der Minimalismus wird uns nicht auseinanderbringen. Weil ich es in der Hand habe, wie weit ich Minimalismus leben will.

Und hier das Ganze noch einmal zusammengefasst:

Kann ich jemanden davon überzeugen, ebenfalls minimalistisch zu leben? Nein, du kannst nur ein Vorbild sein. Versuche niemanden zu missionieren oder zu ändern, sonst schlägst du denjenigen ganz schnell in die Flucht. Ändert er so sie sich nur aus Liebe zu dir, aber nicht aus Überzeugung, wird euch das irgendwann einholen.

Was mache ich mit den Bereichen, die uns beide betreffen? Sprich mit dem anderen darüber. Geh Kompromisse ein. Mal setzt du dich durch, mal der andere.

Muss ich auf den Minimalismus verzichten, um den anderen zu halten? Nein. Wenn doch: siehe oben. Ich glaube zwar, dass man sich in einer Beziehung - und zwar nicht nur zu einem Partner, sondern auch in Freundschaften - immer ein Stück weit verändert. Aber wenn es um deine innersten Überzeugungen geht, musst du bleiben können, wie du bist.

Was ist, wenn ich in einer kleinen, aufgeräumten Wohnung leben will, mein Partner aber vom Gegenteil träumt? Wer sagt, dass ihr unbedingt zusammen wohnen müsst? Warum behält nicht jeder seine Wohnung und richtet sie so ein, wie er oder sie es mag? Ok, ihr wollt eine Familie gründen oder habt schon eine, da ist das schwieriger. Dann versucht wenigstens, jedem einen privaten Raum zu schaffen. Falls es nicht möglich ist, dass jeder sein eigenes (Schlaf-)Zimmer hat, richtet euch private Ecken ein, euer eigenes kleines Reich. Oder ihr beschließt, dass jeder einen Raum ganz nach seinen Vorstellungen einrichten darf.

Ich möchte weniger arbeiten, aber mein Partner sagt, dass wir uns das nicht leisten können. Was soll ich tun? Erstmal musst du feststellen, ob das stimmt. Rechne alles durch: Welche Kosten könntet ihr streichen, worauf problemlos verzichten? Was würde es dir und vor allem euch bringen, wenn du weniger arbeitest? Vielleicht träumt dein Partner ebenfalls vom Downsizing, aber hat Angst vor diesem Schritt? Sprecht über dieses Thema, erklär ihm oder ihr deine Gründe und die Vorteile für euch beide.

Meine Familie und Freund halten meinen Minimalismus für einen Spleen. Wie erkläre ich ihnen, dass das keine vorübergehende Idee, sondern eine Lebenseinstellung ist? Willst du dich wirklich auf diese Diskussion einlassen? Zeig ihnen doch einfach, dass du es ernst meinst, indem du an deiner Lebensweise festhälst. Ansonsten: Jeder Mensch klagt ab und zu über Zeitnot, Geldnot, mangelnde Freiheit. Kurz: Er jammert. Wenn sich jemand bei dir ausheult, deute doch kurz an, dass du diese Probleme aufgrund deiner Lebenseinstellung nicht mehr hast. Sei nicht schadenfroh, sondern hilfreich. Vielleicht fällt der Groschen beim anderen ja auch irgendwann.

Welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Verstehen deine Familie und deine Freunde deinen Minimalismus? Wie erklärst du es ihnen?

Der Beitrag erschien ursprünglich auf malmini.de.

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