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Richtiger Minimalismus ist nur was für gut verdienende Singles ohne Kinder

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MINIMALISMUS
Ben Queenborough via Getty Images
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Von Minimalismus profitiert jeder - lange habe ich geglaubt, dass das stimmt. Jeder hat doch irgendwie zu viel Kram und zu viel zu tun und würde gerne freier leben, oder? Aber mittlerweile fürchte ich, dass man das so pauschal nicht sagen kann. Warum? Hier sind die Gründe.

Der "richtige", sichtbare, tiefgreifende Minimalismus ist nur was für gut verdienende Singles ohne Kinder. Das behaupte ich jetzt einfach mal so. Du darfst mich jetzt gerne steinigen, aber vielleicht liest du dir erstmal meine Begründung durch.

Minimalismus kostet Geld

Ja, man spart sehr viel, wenn man nicht mehr wahl- und willenlos konsumiert. Andererseits kostet sehr strikter Minimalismus auch eine Menge Geld.

Zum Beispiel wenn man beschließt, nicht mehr so viele Dinge mit sich rumzuschleppen. Unterwegs bekommt man Durst und kauft sich eine Flasche Wasser für 2,50 Euro. Mitgebrachtes Kraneberger hätte nur einen Bruchteil gekostet.

Oft wird geraten Dinge zu entrümpeln, die man günstig jederzeit neu kaufen könnte. Es mag sein, dass ein Toaster für 20 Euro für den einen ein Klacks ist. Aber es gibt auch viele Menschen, die sich so eine Ausgabe fünf Mal überlegen müssen.

Nur die allerbesten Dinge zu benutzen führt dazu, dass diese schneller abnutzen. Du liebst deine Markenjeans. Trägst du sie nun jeden Tag, nutzt sie sich schneller ab, als wenn du sie nur gelegentlich anziehen und im Alltag oder zuhause eine andere Hose tragen würdest.

Früher gab es das Prinzip der Sonntagskleidung: Was gut war wurde geschont. Auch ich trage zuhause, wenn ich alleine bin, nicht meine besten Klamotten. Ich würde mir komisch dabei vorkommen, mich herauszuputzen, wenn mich doch eh niemand sieht.

Minimalisten haben Statussymbole. Ja, wir halten nichts davon, aber wie oft sieht man einen Minimalisten im Fernsehen oder auf Instagram oder Facebook oder wo auch immer, der stolz von sich behauptet, außer seinem ultraleichten Macbook und dem iPhone bräuchte er nichts.

Ein weiteres Statussymbol sind Reisen. Erlebnisse vor Besitz, schon klar, also jettet man das ganze Jahr über quer durch die Weltgeschichte. Auch das kann sich nicht jeder leisten.

Ein Ziel vieler Minimalisten ist es, durch ihren Konsumverzicht Geld zu sparen und so weniger arbeiten zu müssen. Ein schöner Traum für viele Menschen. Denn wer 8,50 Euro die Stunde verdient und vielleicht noch zwei Kinder zu versorgen hat, der wird auch dann nicht seine Arbeitszeit halbieren können, wenn er seine Wohnung entrümpelt.

Beim Minimalismus dreht sich alles um Dinge

Minimalismus kritisiert, dass die Welt so materialistisch geworden ist. Dass nur noch zählt, was man besitzt und was es neues gibt. Dass wir in unserem Besitz ersticken. Eben, dass sich alles ums Haben dreht. Aber auch beim extremen Minimalismus dreht sich alles ums Haben - ums Nicht-Haben nämlich. Da wird ständig überlegt, was man noch weggeben oder weglassen könnte.

Wenn ich in manchen Minimalismus-Gruppen lese, verdrehe ich regelmäßig die Augen. Da wird gefragt, was man sich am besten als Alternative zum Bett kauft (Was habt ihr alle gegen euer Bett? Ich liebe meins!), ob man sich die Haare lieber mit Tonerde, Roggenmehl oder mit Backsoda waschen soll (Holt euch doch einfach ein gutes Bio-Shampoo!), ob man Badewasser mehrfach benutzen kann (Trinken? Nee, im Ernst, geht doch einfach duschen, wenn ihr Wasser sparen wollt ...) oder wie man es schafft, einen Monat nur mit Handgepäck zu verreisen (Was ich zum Beispiel ziemlichen Quatsch finde, wenn man sich eh nur an einem Ort aufhält. Wer hat schon Bock, jeden Abend seine Wäsche zu waschen?).

Viele dieser Beispiele sind natürlich Experimente, Versuche, mit weniger auszukommen, und das finde ich prinzipiell gut. Was ich manchmal übertrieben finde, sind diese Zählungen. Wenn jemand stolz berichtet, dass er oder sie nur noch 100 Dinge besitzt (und dabei meist verschweigt, dass er alle Socken als ein Ding zählt und ständig die Teller und Töpfe seines Partners benutzt).

Manchmal kann Zählen ein Antrieb sein, etwa beim Project333, aber oft ist es auch nur Show. So nach dem Motto: "Guckt mal, mit wie wenig ich auskomme!"

Drehen sich die Gedanken also nur noch darum, was man noch wegminimalisieren oder ersetzen könnte, hat Minimalismus meiner Meinung nach seinen Sinn verfehlt. Denn dann sind die Gedanken nicht freier, sondern genauso an den eigenen Besitz gebunden wie vorher.

Minimalismus ist anstrengend

Ja, es ist einfacher, einen eigenen Akkuschrauber zu besitzen, als ihn sich ständig leihen zu müssen. Ich habe mal ernsthaft darüber nachgedacht mein Auto abzugeben. In Gedanken habe ich durchgespielt, wie ich trotzdem noch mobil bleiben könnte: Bus oder Taxi, mitfahren, Auto vom Freund leihen. Es wäre möglich gewesen, aber auch unglaublich umständlich.

Der Bus hier fährt nur ungefähr 3 Mal am Tag und ich habe auch keine Lust, jede noch so kleine Besorgung Tage im Voraus planen zu müssen. Und ständig andere fragen, ob sie mich mitnehmen oder freundlicherweise wo hin bringen könnten, möchte ich auch nicht.

Manche Dinge nutzt man vielleicht selten, braucht sie aber trotzdem. Andere Dinge machen einem das Leben einfach nur leichter. So wie eine Spülmaschine. Oder eine Waschmaschine. Oder das Smartphone mit Internetzugang. Klar, es ginge auch ohne, aber warum? Warum kostbare Lebenszeit zum Spülen verschwenden, wenn es dafür doch Maschinen gibt?

Minimalismus macht ein schlechtes Gewissen

"Mist, jetzt habe ich mir dieses Shirt doch gekauft, obwohl ich es gar nicht brauche. Und dieses Notizbuch wäre auch nicht nötig gewesen, ich habe doch schon genug. Was gebe ich denn jetzt dafür weg?" Hardcore-Minimalisten stellen oft sehr strikte Regeln für sich auf. Konsum ist schlecht, nichts brauchen gut. So schwarz-weiß funktioniert das Leben aber nicht.

Genauso bei Geschenken. Viele Minimalisten fürchten sich geradezu vor Weihnachten oder Geburtstagen, wenn Schenken und beschenkt werden einfach dazu gehören. Es ist angenehmer, wenn man das ganze etwas bremst, das gebe ich zu.

Mit der Familie zum Beispiel vereinbart, dass jeder an Weihnachten nur ein Geschenk bekommt. Oder sich immer Geld wünschen. Oder nichts. Aber ein Geschenk zu bekommen, oder eins zu vergeben, ist kein Beinbruch und macht dich nicht zu einem schlechteren Minimalisten.

Minimalismus mit Familie - geht das?

Minimalismus mit Partner, der nicht Minimalist ist, ist schon schwer genug. Da gibt es nur drei Möglichkeiten: A: Man trennt sich B: Man trennt die eigenen Güter oder C: Man geht einen Kompromiss ein. Die Optionen A und B sind irgendwie unmenschlich oder zumindest unpraktikabel.

Wer zusammen wohnt, kann die Gegenstände nicht immer trennen. Vieles benutzt man zusammen. Wem gehört es dann aber? Und darf ich Dinge aus dem gemeinsamen Fundus entrümpeln?

Also bleibt noch Option 3: Kompromisse schließen. Und damit akzeptieren, dass man wohl niemals ein richtiger, echter Minimalist sein wird. Schon wieder ein schlechtes Gewissen.

Ich kann nicht beurteilen, wie Minimalismus mit Kindern funktioniert. Ein paar Beispiele kenne ich, bei denen die ganze Familie mitzieht. Aber mal ehrlich: Kinder brauchen eine Menge Kram. Es gibt viel Kinder-Zubehör, das absolut unnötig ist, das würde ich sofort unterschreiben. Aber vieles ist auch einfach nötig oder erleichtert einem das Leben ungemein. Und ob man Kinder, wenn sie älter werden und eine eigene Vorstellung vom Leben bekommen, zum Minimalismus zwingen kann?

Und die Moral von der Geschichte ...

Lass dich nicht entmutigen, wenn du es nicht schaffst, der perfekte Minimalist zu werden. Oft wird in den Medien ein Minimalismus gezeigt, der so überhaupt nicht praktikabel ist. Das ist vielleicht inspirierend, aber du solltest dich auch nicht schlecht fühlen, wenn du das nicht schaffst.

Ich habe mich oft gefragt, ob ich überhaupt über das Thema Minimalismus schreiben darf, wo ich doch so gar nicht diesem Bild des Minimalisten entspreche. Manchmal fühle ich mich wie ein Scharlatan.

Niemand würde meine Wohnung betreten und auf die Idee kommen, dass ich Minimalistin sein könnte. Meistens bezeichne ich mich selber noch nicht einmal so, weil die Realität eben so überhaupt nicht dem Bild entspricht, das viele Menschen davon haben.

Aber wenn ich ehrlich zu mir bin, möchte ich es auch gar nicht so weit treiben. Aus oben genannten Gründen. Mein Minimalismus geht nur so weit, wie er angenehm und machbar ist. Sobald ich merke, dass mir etwas mehr Mühe abverlangt als es mir gibt, höre ich auf.

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Ich denke auch, dass Minimalismus eine Lebensphase sein kann: Mal lässt er sich gut leben, dann sind mal wieder andere Dinge wichtiger. Es bedeutet nicht, dass du gescheitert bist, wenn du plötzlich wieder viele Dinge kaufst und besitzt.

Meiner Meinung nach zählt der Gedanke dahinter: Wir sind nicht unser Besitz und es gibt wichtigere Dinge, über die man sich den Kopf zerbrechen oder mit denen man sich beschäftigen sollte. Genug ist genug und mehr und neu nicht immer besser.

Dieser Beitrag wurde inspiriert von diesem Text: The Problem with Minimalism und erschien zuerst auf malmini.de.

Pia Mester ist außerdem Autorin des Buches "Minimalismus trifft Kleidung - In 4 Wochen zum Kleiderschrank voller Lieblingsstücke".

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