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Ein Leben im Überfluss: Wie der Massenkonsum unser Leben lahmlegt

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trekandshoot via Getty Images
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Minimalismus − was ist das? Und was bringt mir das? Seit zwei Jahren beschäftige ich mich jetzt in meinem Blog mit dieser Frage. Das Konzept eines einfacheren, leichteren Lebens durch Minimalismus fasziniert mich, aber ich wusste lange nicht wieso.

Geht es nur darum, möglichst wenig zu besitzen? Nicht mehr exzessiv zu konsumieren? Oder steckt viel mehr dahinter? Ändert sich dadurch mein Leben? Werde ich glücklicher?

Im Grunde dreht sich alles nur um eine Frage: Was brauche ich für ein gutes Leben? Viele Menschen nähern sich dieser Frage, indem sie ihrem Leben Dinge hinzufügen. Wie muss ich leben, was muss ich tun, was besitzen, um meine Zeit auf Erden auf dem Sterbebett nicht zu bereuen? Dabei blicken wir in viele Richtungen, doch nur selten in unser Inneres. Wir lassen uns von Menschen und Unternehmen beeinflussen, die alle von sich behaupten, die Antwort parat zu haben.

Ein Leben ist nur dann gut, wenn man ein schnelles Auto fährt, sagt die Automobilindustrie. Ein gutes Leben besteht vor allem aus vielen Reisen, sagt die Tourismusindustrie. Ohne Leistungsbereitschaft und Innovation ist kein gutes Leben möglich, behauptet die Wachstumsgesellschaft.

Zufriedenheit und Glück liegen immer erst hinter der nächsten Biegung

Wenn wir die nächste Karriereleiter erklommen haben, uns endlich ein eigenes Haus mit Garten leisten können, unsere Mitmenschen uns endlich die Anerkennung zuteilwerden lassen, die wir in unseren Augen schon lange verdienen, dann sind wir glücklich. Glück ist in greifbarer Nähe, aber doch nie erreichbar. Das gute Leben, so haben wir gelernt, beginnt immer erst Morgen.

Minimalismus nähert sich der Frage nach dem guten Leben von der anderen Seite: Was brauche ich nicht dafür? Konkreter: Was brauche ich überhaupt? Das findet man am einfachsten heraus, indem man alles, was man nicht braucht, entfernt. Was übrig bleibt ist logischerweise das, auf das man nicht verzichten möchte.

Das Wesentliche, die Essenz. Und das ist der Kern des guten Lebens. Klingt simpel. Ist es auch. Lass weg, was überflüssig ist. Konzentriere dich auf das Wesentliche. Doch gerade das fällt vielen schwer. Schließlich haben wir gelernt, dass mehr besser ist. Dass uns etwas fehlen muss, wenn wir unglücklich sind.

Minimalismus ist ein Prozess, in dem es darum geht, herauszufinden, was wir brauchen und was nicht. Das ist nicht leicht, denn wir leben in einer Welt des Überflusses. Es gibt von allem zu viel. Wir lassen uns zuschütten mit Dingen, Informationen und Glaubenssätzen, so dass unser Leben unübersichtlich wird. Alles ist nur noch Rauschen. Wie soll man blind und taub den eigenen Weg finden?

Genug ist genug

Die Journalistin Susanne Gaschke hat in der „Welt" eine treffende Analyse dazu veröffentlicht. Der Titel spricht für sich selbst: „Wie sich die Generation Zuviel selbst überfordert". Sie erklärt, wie viele Menschen besonders in der Mitte ihres Lebens unter den Anforderungen leiden, die die Gesellschaft an sie stellt: Familie, Karriere, Selbstverwirklichung, soziales Engagement und das Anhäufen von Konsumgütern - all das findet in dieser Zeit statt.

Zudem, so Gaschke, litten wir unter Informationsüberfluss, ständiger Konkurrenz und allgemein dem Gefühl, dass einfach zu viel auf einmal passiere und unsere Aufmerksamkeit fordere.

Diese allgemeine Überforderung ist der Grund dafür, dass sich der minimalistische Lebensstil immer größerer Beliebtheit erfreut. Wir beginnen uns gegen das ständige besser, schneller, weiter zu wehren. Leider wird Minimalismus oft missverstanden und schlägt schnell ins Gegenteil um. Nicht mehr die individuellen Bedürfnisse stehen im Vordergrund, sondern der Vergleich mit anderen: Wer besitzt weniger?

Und schon dreht sich wieder alles nur um den Besitz, wenn auch auf eine andere Weise. Ziel einer minimalistischen Lebensweise ist es jedoch nicht, nur noch 100 Gegenstände zu besitzen oder nur mit einem Rucksack als Gepäck um die Welt zu reisen. Natürlich gibt es Menschen, die das Extrem leben. Doch das bedeutet nicht, dass das einzig wahrer Minimalismus ist. Ich verstehe Minimalismus als sehr flexibles Lebenskonzept, bei dem man für sich selbst entscheidet, was ein gutes Leben ausmacht.

Ab wann ist man Minimalist?

Oft wird Minimalismus an der Menge des Besitzes gemessen. Und schnell fragt man sich: Ab wann bin ich ein echter Minimalist? Wie viel darf ich besitzen, um mich so nennen zu dürfen? Ist es die magische Obergrenze von 100 Gegenständen, die einen zum Minimalisten macht? Dieser Vorstellung liegt ein Missverständnis zugrunde. Der Begriff Minimalismus kam erstmals in den 1960ern auf und bezeichnete damals eine Kunstrichtung, die danach strebte, das Wesentliche der Dinge darzustellen.

Es dominierten klare Formen, Farben und allen voran die Farbe Weiß. Noch heute hat diese Strömung einen starken Einfluss auf unsere Kultur. Schlichtes Design ist beliebt, man denke nur an den Erfolg des iPhones. Auch Inneneinrichter mögen diesen Stil. Ein Raum mit klaren Linien und ohne viel Schnickschnack und Schnörkel beruhigt und sieht einfach schön aus. Und hier entsteht das Missverständnis:

Man denkt, dass Minimalisten auch in minimalistisch eingerichteten Häusern oder Wohnungen leben müssten, die eben ziemlich leer wirken. Denn es kann natürlich sein, dass sich hinter der glatten, schwarzen Schrankfront ein Chaos verbirgt. Trotzdem sieht der Raum leer und aufgeräumt aus.

Auf die Dinge verzichten, die nicht wichtig sind

Ein minimalistischer Lebensstil unterscheidet sich also von minimalistischem Design. Du darfst Minimalist sein und trotzdem Blusen mit Blümchenmuster tragen. Du musst dich nicht auf schwarze oder weiße Kleidungsstücke beschränken. Du darfst Bilder aufhängen und Souvenirs sammeln und einen Schrank voller Tassen besitzen.

Was die Kunstrichtung und der Lebensstil gemeinsam haben, ist die Konzentration auf das Wesentliche. Sich immer wieder zu fragen: Bereichert dieser Gegenstand oder diese Aufgabe oder dieser Gedanke mein Leben oder nicht? Es geht darum auf die Dinge zu verzichten, die weder nützlich sind noch dich glücklich machen. Minimalismus ist eine sehr persönliche Lebenseinstellung. Es gibt keine klaren Vorgaben und Regeln. Du allein entscheidest, was dir gut tut und was nicht.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Minimalismus: Weniger besitzen. Mehr leben. von Pia Mester.

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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Was braucht es für ein gutes Leben?

Das größte Auto, das neueste Smartphone, die teuerste Wohung... Hauptsache mehr, viel und teuer. Für viele Menschen mag das die Erfüllung des Lebens sein, doch es gibt auch eine Gruppe, die das ganz anders sieht.

Minimalismus heißt der Trend, sich von allen unnötigen Dingen zu lösen. Was haltet ihr davon? Diskutiert mit. Schreibt uns eine E-Mail an Blog@huffingtonpost.de