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Nie hätte ich gedacht, dass Jimmy Kimmel mich zum Weinen bringen kann - bis er über seinen Sohn sprach

04/05/2017 13:13 CEST | Aktualisiert 04/05/2017 13:14 CEST
Jimmy Kimmel Live

Jimmy Kimmel ist ein lustiger Typ. Wisst ihr noch, wie er die ganze Welt mit dem Video eines twerkenden Mädchens reinlegte, das Feuer fing? Fast 23 Millionen Menschen haben sich das Video angesehen, das entspricht der Einwohnerzahl von Ohio und Pennsylvania zusammen!

Oder bei der Oscarverleihung, als seine Mutter den Promis im Publikum selbstgemachte Sandwiches servierte? Ein Klassiker.

Angesichts all dieser Späße hätte ich es nie für möglich gehalten, dass Jimmy Kimmel mich einmal zum Weinen bringen würde. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich selbst in ihm wiedererkennen würde, verängstigt und verletzlich. Das war kein Sketch. Das war echt.

Am 28. April wurden Jimmy Kimmel und sein Frau zum zweiten Mal Eltern, ihr Sohn Billy wurde geboren. Nach der Geburt bemerkte eine Krankenschwester, dass Billy blau anlief, ein Hinweis darauf, dass er nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wurde. Nach einigen Tests wurde bei ihm der angeborene Herzfehler Fallot-Tetralogie diagnostiziert.

Billys Herzfehler bei der Geburt war lebensbedrohlich

Angeborene Herzfehler sind die häufigsten Geburtsfehler, meist handelt es sich dabei um einen Septumdefekt (ein Loch im Herzen). Ungefähr die Hälfte dieser Löcher schließt sich von alleine, die anderen Fälle müssen behandelt werden.

Billys Herzfehler aber war komplex und lebensbedrohlich. Er wird drei Operationen benötigen und sein Leben lang auf eine medizinische Behandlung angewiesen sein. Aber die Prognosen sind gut, schaut euch nur mal Olympiasieger Shaun White an, der mit dem gleichen Herzfehler auf die Welt kam.

Habt ihr schon mal ein Lied aus eurer Kindheit gehört, das euch sofort in eine bestimmte Zeit, an einen bestimmten Ort zurückversetzt hat? Für mich ist dieses Lied "These Are the Days" von den Ten Thousand Maniacs.

Ich verbrachte während der High School einen Sommer in Europa, habe Tennis gespielt und einfach eine wunderbare Zeit verlebt. Als ich in Schweden und Österreich unterwegs war, lief das Lied auf meinem Sony Walkman in Dauerschleife. Ganz egal wer wir sind, wo wir sind oder welche Art von Musik wir mögen, wir alle haben so ein Lied.

"These are days you'll remember. Never before and never since, I promise, will the whole world be warm as this." Auch jetzt, mit 45 Jahren, kann ich immer noch sagen, dass Natalie Merchant Recht hatte: In diesem Sommer war die ganze Welt ein unglaublich warmer Ort.

Es war der 24. Januar 2005. Die Nacht, in der mein drei Monate alter Sohn Simon starb

Jimmy Kimmels Monolog hat auch mich in eine bestimmte Zeit und an einen bestimmten Ort zurückversetzt. Nicht, weil er ein bestimmtes Lied gesungen hat, sondern weil seine Stimme plötzlich brüchig wurde.

Weil er immer wieder sein Gewicht verlagerte, als würde das irgendwie seine Tränen zurückhalten. Weil er darum kämpfte, die Fassung zu bewahren. Weil er völlig schutzlos war.

Es war der 24. Januar 2005. Die Nacht, in der mein drei Monate alter Sohn Simon starb. Ich erinnere mich an Simons blaues Gesicht; die Panik in unserem Haus, als mein Mann mit Simon zur Tür hinausrannte; der Notruf, die Fahrt im Krankenwagen; das Chaos im Krankenhaus, das wir aus einem abgeschotteten Zimmer beobachten konnten.

Ich erinnere mich an das Gefühl von Verzweiflung und Hilflosigkeit. Ich erinnere mich an den Moment als der Arzt uns sagte, dass Simon von uns gegangen war.

Ich erinnere mich daran, wie ich ihn ein letztes Mal hielt. Ich erinnere mich daran, dass ich dachte, das könne nicht real sein - Babys sterben nicht einfach so!

baby

Als ich Jimmy sah, rang auch ich selbst mit der Fassung. Ehrlich gesagt kämpfe ich immer noch damit. Ich schätze, Geräusche und Körpersprache sind stärker als die Melodie eines Popsongs.

Leider tun wir nicht genug, um unsere Kinder zu schützen

Jimmy sagte, Eltern sollten niemals darüber nachdenken müssen, ob sie es sich leisten könnten, das Leben ihres Kindes zu retten. Das stimmt, aber es gibt noch etwas viel Grundlegenderes als die reinen Kosten, Jimmy.

Eltern sollten ihre Kinder nicht aufgrund eines erkennbaren und behandelbaren Herzfehlers begraben müssen. Leider tun wir nicht genug, um das zu verhindern ("verhindern" und "Prävention" sind hier Schlüsselwörter).

Wir suchen nach Symptomen. Zum Glück erkannte die Krankenschwester Billys Symptome. Aber an Billy wurde wahrscheinlich auch ein Pulsoximetrie-Test durchgeführt.

Dieser Test ist in den meisten US-Staaten vorgeschrieben und überprüft den Sauerstoffgehalt im Blut eines Neugeborenen. Anhand dieses Tests werden bestimmte angeborene Herzfehler diagnostiziert.

Nachdem unsere Kinder aus dem Krankenhaus entlassen werden und davon ausgegangen wird, dass wir regelmäßig zum Kinderarzt gehen, überprüfen wir ihre Herztöne mit einem Stethoskop - einem 200 Jahre alten Gerät. Da habt ihr's.

Herzfehler sind die häufigsten Geburtsfehler

Das hier tun wir nicht, dabei könnten und sollten wir:

1. EKG-Überprüfung: Diese kostengünstigen Tests erleichtern erwiesenermaßen das Erkennen angeborener Herzfehler, die nicht sofort bei der Geburt festgestellt werden. Dazu gehören beispielsweise Kardiomyopathie oder auch das Long-QT-Syndrom.

Es gibt Organisationen, die diese Tests anbieten, aber es sollte nicht alleine ihnen überlassen werden. Es sollte ein medizinischer Standard sein. In der Schule werden die Augen und Ohren unserer Kinder überprüft, wieso nicht auch das Herz?

2. Wiederbelebungstechniken: Sie verhindern keinen plötzlichen Herzstillstand, aber sie erhöhen die Überlebenschancen in erheblichem Maße. Die Blutversorgung der wichtigsten Organe wird nicht unterbrochen. In viele Staaten sind diese Techniken verpflichtender Bestandteil des Schulunterrichts, aber nicht in allen.

3. Zugang zu einem Defibrillator: Der plötzliche Herzstillstand kann so verhindert werden, und zwar nur so. Der Defibrillator führt einen Schock herbei und bringt das Herz wieder in seinen normalen Rhythmus. Ohne einen Defibrillator liegen die Überlebenschancen bei unter 10 Prozent. In vielen Schulen und öffentlichen Jugendeinrichtungen gibt es keinen Defibrillator. Wie sieht es in den Schulen eurer Kinder aus?

Jimmy Kimmel macht allerhand verrückte Dinge. Er ist mit Matt Damon zur Paartherapie gegangen und während der Oscarverleihung Präsident Trump angetwittert. Aber jetzt überlegt euch mal Folgendes:

Herzfehler sind die häufigsten Geburtsfehler und der plötzliche Herzstillstand ist die häufigste Todesursache. Wir kennen also die größte Gefahr, die auf unsere Kinder lauert, wenn sie diese Welt betreten.

Wir wissen, was sie töten kann, wenn sie älter werden. Und trotzdem kümmern wir uns so gut wie gar nicht um ihre Herzen.

Wir geben Milliarden für ältere Menschen aus

Wir geben mehr als 444 Milliarden Dollar für die Behandlung von Herzkrankheiten bei älteren Menschen aus und ungefähr zwei Milliarden für die Behandlung von angeborenen Herzfehlern.

Dazwischen gibt es nichts. Bis ein Kind zusammenbricht und nur knapp dem Tod entkommt. Das könnte ungefähr eine Million pro Kind kosten.

Gibt es etwas Verrückteres?

Dieser Blog erschien zuerst in der HuffPost USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)