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Warum die Rede vom "Therapiewahn" und vom "Grenzen setzen" nervt

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CHILD PARENTS
Oleh Slobodeniuk via Getty Images
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Hält eine Redaktion im deutschsprachigen Raum etwas auf sich, findet sie eine Kinderärztin, einen Grundschullehrer oder eine Psychologin und lässt sich Folgendes sagen: "Früher waren fast alle Kinder normal. Heute nicht mehr. So viele werden therapiert!

Dabei wäre das gar nicht nötig, wenn die Eltern mit den Kindern nicht befreundet sein wollten, sondern richtig streng wären. Grenzen setzen, das machen Eltern heute halt nicht mehr, dabei täte gerade das den Kindern gut. Wenn ich den Kindern mal so richtig sage, wo der Hammer hängt, dann blühen die richtig auf und gewinnen an Selbstvertrauen.

Die brauchen einfach Grenzen! Und was sie auch brauchen: Freiräume, um einfach mal etwas ausprobieren zu können. Aber heute fahren die Mütter die Kinder ja mit den SUVs vor die Schule. Helikoptereltern halt."

Ich kann das nicht mehr hören - schon nur, weil diese Art von Kulturpessimismus immer Saison zu haben scheint. Maßt sich jemand an, für gesellschaftliche Probleme einfache Lösungen zu haben, stimmt damit meist einiges nicht. Gehen wir die drei relevanten Aspekte kurz durch:

Therapiewahn

Damit ist meist eine individuelle Förderung gemeint. Fachleute helfen Kindern dabei, Deutsch zu lernen, Laute zu artikulieren, sich motorisch und kognitiv zu entwickeln. Diese Angebote sind aufgrund von Einsichten zur Förderung von Kindern entstanden.

Selbstverständlich kann man finden, hier werde zu viel Geld ausgegeben oder es fände eine perverse Vorbereitung auf eine Leistungsgesellschaft statt. Aber letztlich setzen sich einfach ausgebildete Menschen mit Kindern hin und helfen ihnen. Darin einen Wahn zu sehen, fällt mir äußerst schwer.

Grenzen setzen

Rituale und Regeln schaffen eine Orientierung. Aber das wissen Eltern in der Regel. Sie lassen Kinder weder zu lange mit dem iPad spielen, noch das Zähneputzen vergessen. Die ganze Diskussion basiert auf einem Strohmann-Argument.

Wer sich Kinderliteratur anschaut, findet unzählige Versuche, Kinder davon zu überzeugen, dass die Regeln der Erwachsenen für sie gut sind. Fordert man darüber hinaus striktere Grenzen, dann ist das eine schlecht maskierte Sehnsucht nach mehr Autorität, als die meisten Eltern und Pädagoginnen heute in der Erziehungsarbeit walten lassen.

Besucht man eine Kindergarten- oder Grundschulklasse, dann hält die Vorstellung, man könnte die unruhigen Kinder mit mehr Regeln dazu bringen, sich anzupassen oder wohl zu fühlen, nicht lange an.

Autoritäre Erziehung ist eine Scheinlösung, sie löst zuweilen kurzfristig Probleme, die langfristig größer werden. Damit ist nicht gesagt, dass Vorgaben in der Erziehung keine Funktion haben.

Aber die Balance zwischen Kindern, die sich selbst spüren, einen eigenen Willen entwickeln, ihre Vorstellungen umsetzen und lernen, selbst über ihren Körper und ihr Leben zu bestimmen und Kindern, die sich Gemeinschaften unterordnen können und die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen akzeptieren, ist diffizil. Die Forderung nach stärkeren oder mehr Grenzen hilft nicht dabei, sie zu finden.

Helikoptereltern

Auch hier geht es um Abwägungen, oder um mehrere: Welche Bedeutung haben Kinder - die ja oft Projektcharakter haben - für ihre Eltern? Wo liegt die Grenze zwischen loslassen/Freiheit und begleiten/Sicherheit? Wer schon einmal in der Situation war, abschätzen zu müssen, ob ein Kind alleine eine stark befahrene Straße überqueren kann, weiß, wie schwierig solche Abwägungen sind.

Aus der bequemen Position der Expertin oder des Experten Eltern aufzufordern, gleichzeitig Grenzen zu setzen und Freiräume zu erweitern, auf die Bedürfnisse von Kindern zu hören, aber sich ihnen nicht unterzuordnen, ist in vielen Fällen paradox und ignoriert, wie schwierig solche Entscheidungen in einer Optionengesellschaft sind.

Wer annimmt, Eltern seien kollektiv dumm und Kinder seien früher normaler gewesen, täuscht sich.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf meinem Blog.
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