BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Philipp J. Kroiß Headshot

Verbietet Frankreich die Delfinhaltung?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DOLPHIN
federicoriz via Getty Images
Drucken

Was wird in dieser Sache mal wieder rauf und runter berichtet, was das Zeug hält und so richtig aufgearbeitet wurde es bisher so gut wie gar nicht - sowas dauert eben auch länger als eine Pressemitteilung von Delfinariengegnern zu kopieren und als eigene Arbeit zu verkaufen. Das Problem: Wenn man solchen Pressemitteilungen vorbehaltlos vertraut, wird die Berichterstattung eben meistens falsch oder zumindest desinformierend.

Was ist passiert?
Die Ministerin Marie-Ségolène Royal hat in Eigenregie ein Dekret, das, sowohl mit Gegnern der Delfinarien, als auch mit deren Befürwortern abgesprochen war, in letzter Minute, wohl nach Einflussnahme von Delfinariengegnern, die zuvor ein exklusives Treffen hatten, eigenmächtig geändert. Sowas nennt sich dann „arrêté interministériel". Man kann vielleicht leicht mit einem Gesetz verwechseln, weil es direkt Gültigkeit besitzt (ein Kuriosum der Französischen Verfassung, weil hier keine saubere Trennung von Legislative und Exekutive stattfindet). Tatsächlich aber kann es gekippt werden - nämlich vom "Conseil d'Etat".

Verstoß gegen die EU-Zoorichtlinie?
Dass dieses Dekret, das eigentlich vertagt werden sollte, nun so plötzlich vor der Wahl durchgeboxt wurde, ist bemerkenswert. Nun hat diese Wahl allerdings ein pro-europäisch eingestellter Politiker gewonnen, der nun gleich ein Problem hat, denn dieses Dekret verstößt gegen geltendes EU-Recht.

Die Richtlinie besagt, dass Zoos "ihre Tiere unter Bedingungen [halten müssen], mit denen den biologischen und den Erhaltungsbedürfnissen der jeweiligen Art Rechnung getragen werden soll". Natürlich widerspricht ein genereller Zuchtstopp für eine Art dieser Vorgabe. Ein Grund, weshalb auch die Invasivarten-Richtlinie der EU massiv kritisiert wird.

Grenze der Tierquälerei überschritten?
Zuchtmanagement sorgt manchmal dafür, dass vereinzelte Tiere aus der Zucht ausgeschlossen werden. Es gibt zum Beispiel die Kastration, die viele von ihren Haustieren kennen werden. Bei Delfinen ist dieser Eingriff nicht möglich, weil der Eingriff wahrscheinlich lebensbeendend wäre. Ebenfalls kann man durch Gruppenmanagement Weibchen in den fruchtbaren Tagen von Männchen isolieren. Das ist allerdings nicht wirklich sicher - sobald man sich verrechnet, war es das mit der Empfängnisverhütung.

Mehr zum Thema: ZEILE

Sicherer ist da eine Medikation der Tiere mit Kontrazeptiva. Das Problem ist dabei, dass Medikamente, die man dafür entwickelt hat, nur zur kurzzeitigen Verordnung geeignet sind - nicht für die Applikation über Jahrzehnte hinweg (ein Orcaweibchen ist etwa ein Viertel eines Jahrhunderts fruchtbar). Langfristig werden nämlich die Nebenwirkungen lebensbedrohlich, weil sich die Chance schlicht erhöht, dass die Tiere lebensbedrohliche chronische Krankheiten ausbilden.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Die ersten Monate wird es also für die Tiere kaum maligne Folgen haben - wir sehen das aktuell bei SeaWorld. Allerdings je länger der Zuchtstopp dauert, desto größer werden die negativen Folgen für die Tiere, denn ohne Jungtiere fehlt ihnen die natürlich Gruppenstruktur und ein entsprechendes Sozialleben. Neben den Nebenwirkungen der Medikamente, wird es gewiss zu sexueller Frustration und atypischem Gruppenverhalten kommen. Dann ist die Grenze zur Tierquälerei überschritten, denn die Tiere werden in eine Situation gezwungen, die für sie nachteilig ist und teils sogar lebensbedrohlich, ohne selbst davon zu profitieren.

Ist ein Zuchtstopp vertretbar?
Es gibt keine biologische Legitimation für einen Zuchtstopp einer Art in Menschenobhut. Reproduktion ist auf individueller und sozialer Ebene der Motor des Lebens, auch bei den Delfinen. Den Tieren dieses Grundbedürfnis, das zu ihrem natürlichen Leben gehört, zu entziehen, ist ethisch nicht vertretbar, wenn es dadurch keinen individuellen Vorteil oder einen Vorteil für die Population gibt. Es wäre genau die Umsetzung dessen, was Delfinariengegnern den modernen Delfinarien, aktuell ungerechtfertigt, zum Vorwurf machen: sinnlose Medikation der Tiere nur, um sie halten zu können.

Auch im Bereich der Forschung und des Artenschutzes ist es nicht vertretbar, denn Delfinarien ermöglichen wichtige Forschungen, die in der Wildbahn unmöglich sind. Dazu braucht es eine stabile Population der Tiere, die zudem natürlichen Verhaltensweisen nachgehen. Unter einem Zuchtstopp wäre dies keinesfalls mehr der Fall, weil das Sozialleben gestört wäre. Zudem wären dann auch nicht dringend notwendige Forschungen bezüglich der Reproduktion der Tiere mehr möglich. In Zeiten, wo Umweltgifte dafür sorgen, dass Tiere und sicher bald auch ganze Populationen unfruchtbar werden, braucht es dringend die Forschung in wissenschaftlich geführten Anlagen.

Ebenfalls verhindert die Zucht Wildfänge. Um genetische Diversität zu erhalten sind zum Beispiel aktuell im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm für Atlantische Große Tümmler keinerlei Wildfänge nötig, weil die Zucht selbsterhaltend ist. Hingegen wird in anderen Teilen der Erde munter weiter nach Delfinen gefischt werden. Somit wird durch einen Zuchtstopp in Delfinarien auch keinem wildlebenden Tier geholfen.

Es gibt also keinen Grund für einen Zuchtstopp, aber sehr viele dagegen.

Welche Maßnahmen müssen jetzt ergriffen werden?
Jetzt sollten Zooverbände zeigen, dass sie schlagkräftig sind. Wir haben es hier mit einem Problem des ganzen EU-Raums zu tun und nicht nur mit einem französischen. Das bedeutet, dass nicht nur der nationale Zooverband in der Pflicht steht, seinen direkt betroffenen Mitgliedern zu helfen, sondern alle nationalen und internationalen Zooverbände der EU (zum Beispiel der VdZ), sowie auch der europäische Zooverband (EAZA). Ebenso wie der die auf Meerestiere spezialisierte EAAM.

Jetzt müssen den Worten auch mal Taten folgen. Die Zeit ist da, wo man sich nicht nur hinter die Delfinarien stellen muss, sondern vor allem auch schützend vor sie stellen sollte. Es ist kurzsichtig und auch dumm zu denken, man habe es hier mit einem Problem zu tun, dass sich auf Frankreich begrenzt und nur Zoos mit Meeressäugerhaltungen beträfe. Wer über den Tellerrand schaut, versteht, dass hier die ganze Zoologische Gemeinschaft auf dem Spiel steht. Bereits in wenigen Monaten könnte eine Ministerin oder ein Minister ein neues Dekret gleicher Form, aber mit ausgetauschter Artbezeichnung erlassen und dasselbe für Elefanten, Gorillas oder Giraffen unterzeichnen. Wenn Zoogegner dann noch Geld in andere Länder investieren und andere Minister überzeugen, die sich auf Frankreich berufen, ist dies ein großes Problem - es ist ja auch nicht so, als sei dies nicht schon längst anvisiert und geplant.

Das Endziel der Tierrechtler ist nicht ein Zuchtstopp bei Delfinen, sondern eine komplette Ausrottung der Tierhaltung - völlig egal, ob es sich um ein Versuchslabor für Kosmetika einerseits oder eine wichtige Artenschutzeinrichtung andererseits handelt. Selbst der Privathalter steht auf der Agenda - von der geliebten Hauskatze bis zum benötigten Blinden- oder Rettungshund. In Vancouver versuchen Leute derselben Couleur wie die, die den französischen Delfinen nach dem Wohlbefinden trachten, die einzige Einrichtung landesweit, die auf die Rettung, Rehabilitation und Auswilderung von Walen spezialisiert ist, zu schließen. Zoogegner differenzieren nicht zwischen guten und schlechten Zoo.

Nun geht es auch darum, die zu mobilisieren, die echte Europäer sind, denn man kann auch vor diesem Hintergrund nicht zulassen, dass eine französische Ministerin, übrigens die Ex von Herrn Hollande, ein Dekret erlassen kann, das EU-Recht bricht. Somit ist diese Entscheidung auch ein Stresstest für die Europäische Union und die Frage, wieviel denn ihre eigenen Direktiven wert sind.

Für die Zooverbände geht es auch immer mehr um die Existenz des modernen Zoos.

Die Zukunft steht auf dem Spiel
Der Zoo-Experte und -Kritiker Dr. Grey Stafford hat einen bahnbrechenden Artikel verfasst. Er legt darin dar, dass ein Scheitern der Zoologischen Gemeinschaft gegen die Tierrechtler auch ein Scheitern des umfassenden Arten- und Naturschutzes bedeutet. Die „alt fact"-Ära sei eine große Bedrohung, der man begegnen muss oder von ihr überrollt werden wird. Er schließt mit den Worten: „Es steht zu viel auf dem Spiel, um sich abzuwenden oder aufzugeben. Und weiteres Versagen ist keine Option."

Es wird Zeit, dass die Zoologische Gemeinschaft solche konstruktive Kritik annimmt und handelt. Dr. Stafford betont: „Unsere Selbstgefälligkeit bedeutet Aussterben." Wenn Zoos nun also nicht aktiv werden wollen, um ihre Edukationsprojekte, ihre Tiere und letztlich ihre Arbeitsplätze zu bewahren, dann doch wenigstens zum Erhalt der Artenschutzprojekte, denn keiner sollte den Fehler machen daran zu zweifeln, dass auch deren Fortbestand nicht auch auf dem Spiel stünde. Weckrufe wie der klare Artikel von Stafford, der nicht gerade zimperlich mit den Zoos umgeht, sind wichtig und sie werden immer notwendiger, um eine manchmal zu träge Masse zu bewegen.

Mehr zum Thema: Waschbären auf Instagram

Eine laute Minderheit schafft es gerade über 700 Millionen Menschen, die Zoos, deren Arbeit und deren Bewohner lieben, zu übertönen. Wenn die Zoos und alle Zooverbände, die bisher Nutznießer engagierter Zoos und Verbände waren, nicht bald den Kopf aus dem Sand holen, wird es zu spät sein.

Glücklicherweise haben bereits einige Zoos und Verbände die Zeichen der Zeit erkannt und sind aktiv. Aber ich will mich nicht wiederholen, dazu habe ich ja auch schon in meinem Artikel „Das Appeasement ist gescheitert" berichtet.

Allerdings fängt es auch bei jedem selbst an, sich für moderne Zoos und somit für umfassenden Arten- und Naturschutz einzusetzen.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.