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Parteien-Populismus gegen Delfinarien

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Marco Simoni via Getty Images
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Es ist mal wieder Wahl und ein paar Parteien fischen am falschen Rand und versuchen mit hohlen Phrasen Wahlvolk zu gewinnen. Ich werde mich hier nicht über die aktuell heiß diskutierten Themen auslassen, sondern, ganz gemäß des Blog-Themas, mich allein auf die Thematik Delfinarien beschränken.

2015-11-17-1447754505-3675510-ZVollesDelfinariumDuisburg.JPGDer Besucherandrang im Delfinarium Duisburg ist ungebrochen. © Philipp J. Kroiß

Grüne Delfinarien-Ablehnung?

„Eine Mehrheit der Menschen in unserem Land will wie wir keine Pelzfarmen dulden und das Leid von Wildtieren im Zirkus und von Delfinen in Gefangenschaft beenden. [...] Um den Tierschutz effektiver durchsetzen zu können, werden wir ein bundesweites Verbandsklagerecht für Tierschutzorganisationen schaffen." - Grüner Bundestagswahlprogrammentwurf (2017)

Das ist Populismus auf mehreren Ebenen:

1. Es existiert kein „Leid [...] von Delfinen in Gefangenschaft" in Deutschland, das man beenden könne. Selbst Grüne Behörden haben es nicht geschafft ein solches Leid je nachzuweisen, geschweige denn, die Delfinhaltung bundesweit zu verbieten. Wenn die Grünen also „Leid [...] von Delfinen in Gefangenschaft" in Deutschland abschaffen wollen - Bingo! Das Ziel ist schon längst erreicht.

2. Es ist völlig falsch den Eindruck zu erwecken, die Mehrheit der Menschen wende sich gegen Delfinhaltung. Die Besucherzahlen steigen seit Jahren, was man immer wieder an den Meldungen aus Nürnberg zum Beispiel hört. Im Delfinarium Duisburg sind die Vorführungen enorm gut besucht. Zudem demonstrieren kaum Menschen gegen die Haltung - Demonstrationen sind nicht mal dreistellig, während aber die Besucher des Zoos während dieser Zeit locker drei bis vierstellig sind.

3. Delfinarien mit Pelzfarmen und Zirkus in eine Schublade zu stecken ist völlig realitätsfremd. Zoos haben in Deutschland einen Bildungsauftrag, ermöglichen wichtige Forschung und betreiben aktiv Artenschutz. Diese Bedeutung für das Gemeinwohl haben die beiden anderen Institutionen nicht. Es ist schon erschreckend wie wenig Kenntnis diese Grünen hier aufzeigen.

Kommen wir nun zum „Verbandsklagerecht für Tierschutzorganisationen". Es wird der Eindruck erweckt, das würde dabei helfen, Tierschutz effektiver durchzusetzen. In Wirklichkeit handelt es sich um Delegierung von Aufgaben. Wie die Grünen selbst feststellen, ist Tierschutz „Staatsziel". Das bedeutet der Staat muss sich darum kümmern.

Tatsächlich stärkt dieses vielmehr Tierrechtler. Warum? Mit dem „Verbandsklagerecht für Tierschutzorganisationen" wollten Tierrechtler, vereinfacht gesagt, im Namen der Tiere klagen, was das deutsche Recht richtigerweise bundesweit bisher nicht vorsieht.

Das „Verbandsklagerecht für Tierschutzorganisationen" ist in gewissen Bundesländern bereits eingeführt. Hat sich dadurch irgendwas für Tiere signifikant verbessert? Nein. Dieses Recht ist ein Geschenk an die Tierrechtslobby - weiter nichts. Hier soll mit unwirksamen, aber lobbymäßig hochgepushten, Geschenken am Tierrechts-Rand gefischt werden. Nur am Rande sei erwähnt, dass diese extremistischen Tierrechtler sich liebend gerne der Spendengelder wirklicher Tierfreunde ohne sich tatsächlich für den Tierschutz einzusetzen.

Lobbyorganisationen fallen auf diese Häppchen, die man ihnen vorwirft, natürlich herein und machen Wahlwerbung. Die Lobby-Organisation WDC schreibt, man wolle „Haltung von Delfinen in Gefangenschaft beenden". Das gibt der Text, der ohnehin nur ein Entwurf ist, eigentlich nicht so direkt her. Die Grünen schreiben nur, dass eine Mehrheit im Land angeblich das Leid in Delfinarien beenden wolle. Da es aber weder diese Mehrheit, noch dieses Land gibt, handelt es sich nur um eine Formulierungshülse, die nichts aussagt.

Grüne von Links überholt?

Die Anti-Delfinarien-Organisation WDC aber nennt eine weitere Partei: Die Linke.

„Wildlebende Tiere müssen besser geschützt werden. DIE LINKE will Wilderei und illegalen Wildtierhandel bekämpfen. Die Haltung bestimmter Wildtierarten in Zirkussen und Delfinarien wollen wir ebenso beenden wie den Handel mit Wildfängen auf gewerblichen Tierbörsen." - Erster Walprogramm-Entwurf der Linken

Man will also die „Haltung bestimmter Wildtierarten in [...] Delfinarien" beenden. Es gibt aktuell zwei Tierarten in deutschen Delfinarien. Die eine Haltung läuft ohnehin aus und langfristig gibt es nur eine Art: den Großen Tümmler. Bei den Tieren in den Anlagen handelt es sich um bereits in der Wildbahn nicht mehr überlebensfähigen Tieren. Wie kann also die Beendigung der Haltung wildlebenden Tieren nützen? Gar nicht.

Allerdings schadet eine Beendigung der Haltung den wildlebenden Tieren. Warum? Delfinarien ermöglichen wichtige Forschungen, die in der Wildbahn unmöglich sind. Ein Beispiel:
Jedes Jahr sterben 300.000 Wale durch Beifang. Um den zu bekämpfen braucht es Grundlagenforschung an den Tieren - besonders in Bezug auf die Echolokation.

Das kann man in der Wildbahn nicht erforschen - alles, was wir darüber an signifikantem Wissen gewonnen haben, stammt aus den Delfinarien. Hier ist man auch lange nicht am Ende der Forschung angelangt. Eine Liste von Beispielen ließe sich lange fortführen.

Wenn diese Forschung wegfällt, wird der Artenschutz und somit der Schutz wildlebender Tiere maßgeblich geschädigt.

Letztendlich ist aber auch diese Formulierung sehr schwammig: Man wolle die „Haltung bestimmter Wildtierarten in Zirkussen und Delfinarien [...] beenden". Das ist zwar um einiges konkreter als das von den Grünen, aber die komplette Beendung der Cetaceenhaltung, was aus Sicht wirklicher Experten auch widersinnig wäre, wird hier auch nicht zugesagt - nur von bestimmten Arten.

2015-12-15-1450179878-6496139-P6180012.JPGDie Jungtiere im Zoo Duisburg sind immer wieder neugierig und schauen sich die Besucher an, die vor der Präsentation an den Unterwasserscheiben vorgehen. © Philipp J. Kroiß

Beendigung der Walhaltung oder Walschutz - beides geht nicht

Schauen wir mal über den Tellerrand nach Vancouver. Hier hat gerade das Park Board die Beendigung der Walhaltung im Vancouver Aquarium angeregt. Damit beenden sie nicht nur die Cetaceenhaltung, sondern auch millionenschwere Artenschutz-, Forschungs- und Rettungsprogramme des Aquariums für die Meeressäuger. So wird zum Beispiel das einzige Meeressäuger-Rettungszentrum von Kanada bald Geschichte sein.

Über 80 Wissenschaftler haben sich bereits im letzten Jahr gegen die Beendigung der Meeressäugerhaltung ausgesprochen und betont, wie wichtig sie für den Schutz dieser Tiere ist . Dabei handelt es sich überwiegend um unabhängige Experten. Zudem enthält diese Liste sämtliche bedeutenden wissenschaftlichen Kapazitäten auf diesem Gebiet.

Unter anderem zusammen mit der Organisation Yaqu Pacha werden deutsche Delfinarien aktiv im Schutz dieser wundervollen Tiere. Zudem ermöglichen und unterstützen sie weitere Forschungen und Schutzprojekte auf verschiedenste Arten. Diese Unterstützung wäre im Fall eines Verbotes der Haltung nicht mehr möglich. Nicht, weil die Zoos das nicht mehr wollten, sondern, weil sie es schlicht nicht mehr könnten.

Die Schließung eines Delfinariums schadet den Zoos. Wir haben es in Münster gesehen. Die Besucher Zahlen stiegen in diesem Jahrzehnt immer weiter (2010 - 871.427, 2010 - 935.918, 2012 - 938.360, 2013 - 976.032). Dann wurde das Delfinarium im Jahr 2013 geschlossen.

Und schon sanken die Besucherzahlen (2013 - 976.032, 2014 - 947.730, 2015 - 921.088). Auch im Jahr 2016 sind die Zahlen wieder gesunken. Schauen wir demgegenüber nach Nürnberg sehen wir Schwankungen, aber eine Konsolidierung der Besucherzahlen bei über einer Million. In den letzten Jahren gab es sogar noch eine grundsätzlich steigende Tendenz.

Es muss sich einiges ändern im Walschutz

Die Regierung, welche auch immer gewählt wird, muss sich mehr für den Walschutz engagieren. Es ist ein Armutszeugnis, dass wir weder an Nord-, noch Ostsee ein Zoologisches Rettungszentrum für Cetaceen haben. Ein Bau eines solchen Zentrums mit angeschlossenem Delfinarium, das die nicht wieder auswilderungsfähigen Tiere beherbergt, analog der Seehundrettungsstationen, ist längst überfällig.

Es braucht eine stärkere Unterstützung der vorhandenen Delfinarien, um noch mehr Forschung und so auch Artenschutz zu finanzieren. Das erreicht man durch Umverteilung der Fördermittel für kulturelle Einrichtungen durch Argumentation mit Besucherzahlen. Zoos holen meist Millionen Besucher pro Jahr in die Stadt - Zahlen von denen andere kulturelle Einrichtungen nur träumen können.

Im Verhältnis dazu gibt es ein Missverhältnis zwischen politischen Einfluss und Subventionierung, die wiederum im Verhältnis zur Besuchersituation in keinem sinnvollen Verhältnis steht. Man hat in Deutschland Delfinarien und dazu gehörige Experten mit Weltruf, die es wert sind, stärker unterstützt zu werden.

Walschutz kann man nicht von einer lauten und wirklichkeitsfremden Minderheit abhängig machen. Lobbyorganisationen, die gegen Zoos und somit auch gegen Delfinarien sind, bilden keine Mehrheit, sondern eine sehr kleine Minderheit.

Vor dem Zoo Duisburg konnte man das im Vorjahr gut beobachten: Mehrere Delfinariengegner-Organisationen brachten gerade mal rund 20 Aktivisten zusammen, während der Förderverein des Zoos am gleichen Mittwochmorgen weit über dreimal so viele Menschen bei einer Kundgebung für das Delfinarien versammeln konnte. Zudem besuchten zu selben Zeit viele Menschen den Zoo.

Diese kleine Minderheit extremistischer Tierrechtler versucht nun durch gezielte Lobbyarbeit Parteien zu überzeugen. Dazu werden alle Aufplusterungsoptionen des Online-Marketings benutzt von gekaufter Google-Listung, gesponserten Beiträgen, erkauften Likes, Bots bei Petitionen oder Abstimmungen über vieles mehr. In der Realität sieht man diese tausenden Liker aber nie.

Es gab und gibt keine Demo gegen Delfinarien mit nennenswerten Teilnehmerzahlen - die Organisationen haben Probleme überhaupt hundert zusammen zu bekommen. Derweil erhalten diesen intransparenten Lobbyorganisationen, die kaum bis gar keinen Walschutz betreiben finanzielle Rückendeckung vom Staat, der sogar, je nach Geschäftsform, Gesetzeslücken bietet, Spendengelder in das eigene Vermögen fließen zu lassen - völlig legal.

Jeder Zoo mit Delfinen bewirkt mehr im Walschutz als diese Gegner- und Lobbyorganisationen: sie bieten Millionen von Besuchern Bildungsprogramme, finanzieren und ermöglichen Forschung unterstützen Artenschutz mit Geld und Know-How, veranstalten spezielle Artenschutz-Events und vieles mehr.

Dabei werden sie unterstützt von Millionen Menschen, die Jahr für Jahr den Weg in diese Einrichtungen finden. Hier braucht es sogar noch mehr staatliche Unterstützung, um weiter zu informieren, optimieren, sowie Forschung und Artenschutz zu betreiben noch viel intensiver zu betreiben.

Unabhängig davon, ob sich man persönlich diese Einrichtungen mag oder nicht: wer gegen Delfinarien ist, ist gegen umfassenden Walschutz. Denn Walschutz braucht Erkenntnisse aus Labor, Wildbahn und Menschenobhut, um umfassend zu sein. Zerstört man eine diese drei tragenden Säulen, stürzt das ganze Gebäude in sich zusammen.

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