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Warum Morgan nicht ausgewildert werden kann

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Immer wieder keimt sie auf: Die Diskussion um das Orcaweibchen Morgan und die Frage, ob sie nicht ausgewildert werden kann. Die Antwort ist: Nein. Eine Auswilderung wäre ihr Todesurteil. Weshalb, das soll dieser Blogbeitrag klären.

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Morgan lebt gesund und artgemäß im Loro Parque © Philipp J. Kroiß

Wie Morgan in den Loro Parque kam
Am 21.11.2011 wurde per Gericht verfügt, dass Morgan, ein im Juni 2010 hilflos und unterernährt im niederländischen Wattenmeer aufgefundener und von den Experten des Delfinariums Harderwijk wieder aufgepäppelter jugendlicher Orca, in den Loro Parque zu bringen sei.

Die Anlage, bestehend aus vier Becken mit insgesamt 21 Millionen Liter Wasser direkt aus dem Atlantik und zu bester Qualität gefiltert, bot die besten Umstände für das Tier. Recht schnell wurde sie Teil der Gruppe und nahm ihren Platz in der Rangordnung ein.

Seit dem sie im Loro Parque ist, besuchten immer wieder namhafte Experten sie und schauten wie es ihr ging. Ganz transparent veröffentliche der Loro Parque diese Expertisen auf seiner Seite http://www.loroparque.com/morgan/.

„As an independent veterinarian specialized in marine mammals for more than 20 years, I am also consulting at Loro Parque, where the killer whale "Morgan" is presently residing. [...] Loro Parque has a very high level of husbandry standard and the well being of theanimals under their care is of the outmost importance. [...] Morgan has had an excellent health record since her arrival with little or no problem (once an episode of lingual candidiasis) and has gained a substantial amount of
weight. She has good interaction with the other animals of the pod and, as all killer whales, she is
also having occasional rake marks on her body, which are a result of these social
interactions and a way to establish their relative position in the group. They are of no
medical consequences. She bonded very well with the youngest male, born 2 years ago
at that park. She also seeks trainers' interaction a lot and is a very vocal animal.
In my professional opinion, this animal is faring very well in this facility, not only
medically but also socially, which is very important for a killer whale." - Dr. Geraldine Lacave, Expertin für Meeressäugermedizin

Es geht ihr also gut, wo sie ist.

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Die unabhängige Expertin Dr. Geraldine Lacave überwacht den routinemäßigen Ultraschall eines Orcaweibchens im Loro Parque. © Philipp J. Kroiß

Morgans Hörbehinderung

„In November 2012, Klaus Lucke, James Finneran, and Dorian Houser travelled to Loro Parque to conduct electrophysiological measurements of hearing sensitivity on Morgan and the other whales at the facility. Behavioural observations by the trainers at Loro Parque indicated that Morgan did not show any reaction to purely acoustic cues. Only when paired with visual cues by the trainers or visually observable reactions/movements of other animals would Morgan show a behavioural reaction. This suggested that her ability to utilize auditory cues was compromised. The goal of the study reported here was to establish audiometric baseline information on Morgan relative to other killer whales held at Loro Parque and to determine whether Morgan suffered from hearing impairment." - IMARES - Institute for Marine Resources & Ecosystem Studies

Das IMARES-Institut ist ein unabhängiges Institut und somit genau richtig, um zu erforschen wie es um die Hörfähigkeiten von Morgan bestellt ist. Sie fanden folgendes heraus:

„The click-evoked AEPs measured in most of the killer whales at Loro Parque resemble the expected pattern of evoked responses to this stimulus type previously reported for this species (Szymanski et al. 1999). The lack of a click-evoked response in the killer whale, Morgan, suggests that this animal suffers from a hearing deficit. [...] [I] it can be concluded based upon the recording of click-evoked responses at varying click levels in other whales that Morgan's hearing ability is at least 20-30 dB worse than the hearing sensitivity of the other whales tested. It is possible that Morgan suffers
from a profound hearing deficit, or even complete loss of hearing [...]."- IMARES - Institute for Marine Resources & Ecosystem Studies

Damit ist klar: Morgan hört zu schlecht, um jemals wieder ausgewildert zu werden. Weitere Studien werden dieses Handycap genauer bestimmen, aber der Befund zeigt jetzt schon: keine Chance auf erfolgreiche Auswilderung.

Genauso sehen das auch andere unabhängige Experten. Prof. Dr. Dietmar Todt von der Freien Universität Berlin schreibt zum Thema Auswilderung:

„Demands to send Morgan back to the open sea contradict to good ethical standarts. Currently there are at least two reasons why a release should be forbidden: First, her hearing system is defect and need further examination. Second, her interest in contact with human beings is much too strong for any release." - Prof. Dr. Dietmar Todt, FU Berlin

Er war ebenfalls einer der Experten des NABU. Mit Wolfgang Rades und Heike Finke wurden klare Worte für die Vorgänge gefunden.

„Morgan's rescue by the experts of Dolfinarium Harderwijk and Loro Parque can be decribed as successful. Acutally Morgan is not apt to live in the wild." - NABU -Naturschutzbund Deutschland e.V.

Dass sie eventuell taub sein könnte, wurde bereits 2010 vermutet von im „Expert advice on the releasability of the rescued killer whale (Orcinus orca) Morgan" formuliert:

„Even though individuals might leave pods temporarily they should have no trouble finding back their pod. Reasons for permanent separation may be that the lone animal is not healthy (e.g. deaf or physically unable to keep up with the pod), mortality of the whole pod but the remaining loner, or severe disturbance, e.g. acoustic disturbance separating the loner from the pod permanently. Should Morgan be deaf, or otherwise be physically or socially unable to team up with conspecifics, it would be unfeasible to set her free, hoping she might find back and subsequently live with her natal pod." - Mardik Leopold, IMARES

Bis auf dieses Handycap bezüglich des Gehörs geht es Morgan allerdings gut:

„In general, with the exception of her hearing deficit, Morgan's physical condition and health are excellent. From what I was able to see from her behaviour, her psychological health is also good. I was satisfied that she was being given the best of care." - Andrew G. Greenwood, International Zoo Veterinary Group

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Morgan springt während einer der Trainingssessions, an denen sie freiwillig teilnimmt, einen so genannten "Kicker". © Philipp J. Kroiß

Die Forderung nach ihrer Auswilderung bedeutet, sie töten zu wollen
Unabhängige Experten sind sich also völlig einig: Es ist keine tiergerechte Auswilderung möglich. Das erkannte auch bereits die höchste gerichtliche Instanz der Niederlande an, die die Entscheidung aus dem Jahr 2011 im April 2014 bestätigte.

Trotzdem gibt es ein paar Menschen, die mit der Masche, Morgan könne noch ausgewildert werden, Spenden sammeln. Sie sind natürlich nicht unabhängig, weil die Spenden versiegen würden, wenn sie die wissenschaftliche Realität anerkennen würden.

Allen voran steht der Name Dr. Ingrid Visser. Sie sprach davon, dass sie Morgan lieber tot als im Loro Parque sehen würde. Über das Treffen, worauf sie diese Worte sprach, berichtete ausführlichst Awesome Ocean.

Visser war vor einigen Jahren tatsächlich mal eine ordentliche Forscherin, disqualifizierte sich allerdings in der internationalen Gemeinschaft durch schlichtweg falsche Aussagen und Taten.

Über die jüngste Peinlichkeit wurde bereits berichtet, aber viel schwerwiegender waren weitere Enthüllungen. Es kam ans Licht, dass Visser vorsätzlich wilde Orcas an Boote gewöhnte um mit ihnen nah in Kontakt zu treten. Das ein ein No Go für einen Wissenschaftler, da gerade diese Gewöhnung an Booten gefährlich für die Meeressäuger ist.

Viele Wale und Delfine erleiden einen furchtbaren Tod, wenn sie mit Booten kollidieren, was logischerweise geschieht - gerade, wenn man sie daran gewöhnt hat. Stark kritisiert wurde sie ebenfalls wegen einem rein kommerziellen Angebots, bei dem sie mit Touristen die Orcapopulation in Norwegen bedrängen will.

Sie hat somit ihre Bankrotterklärung als Wissenschaftlerin unterzeichnet und muss sich nun natürlich noch über Wasser halten. Dadurch ist sie in hohem Maße abhängig davon, die Frage, ob Morgan ausgewildert werden kann, so lange wie möglich am Leben zu erhalten und zu vermarkten.

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Morgan würde in der Wildbahn nicht überleben. Eine Auswilderung wäre ihr Todesurteil. © Philipp J. Kroiß

Andere Fälle von Orcas
Es gab drei Fälle, die sich mit Morgan vergleichen ließen. Luna war ein junger Orca, der alleine in Nootka Sound an Canadas Westküste gefunden wurde. Vier Jahre war er dort im Meer und unternahm keinen Versuch, seinen Pod wieder zu finden oder sich, sondern suchte vielmehr die Nähe des Menschen und wurde so zu einer Gefahr für sich und eben diese. Eine Gefahr, die ihm zum Verhängnis wurde: er starb an der Wunde, die ihm ein Propeller eines Bootes zufügte.

Springer war eine junge Orcadame, die ebenfalls allein gefunden wurde. Anders als im vorigen Fall wurde entschieden, sie kurzfristig einzufangen. Ihr Zustand war wesentlich besser als der von Morgan und sie konnte nach kurzer Zeit wieder freigelassen werden. Weil ihr Zustand wesentlich besser war als der von Morgan, und zudem der Aufenthaltsort ihres Pods bekannt war, konnte Springer nach kurzer Zeit wieder freigelassen und in ihren Familienverband integriert werden.

Keiko ist vielen als „Free Willy" bekannt. Doch als man „Willy" „befreien" wollte, ging das nicht so leicht wie im Film. Die 20-Millionen-Dollar-Unternehmung scheiterte. Man konnte dem Tier nicht beibringen zu jagen. Keiko war zwar für einige Tage nicht in menschlicher Obhut, aber wissenschaftliche Untersuchungen konnten keine erfolgreiche Jagd nachweisen.

Seine Unternehmung endete in einem Fjord, wo er um Futter bettelte. Die erste Einschätzung, er hätte erfolgreich gejagt, stellte sich als Fehlinterpretation heraus und man nahm ihn wieder in Obhut. Er starb 2003 an Lungenentzündung.

Man hat also mit Springer nur einen Fall, der wieder integriert werden konnte. Sein Fall unterschied sich aber sehr stark mit dem von Morgan, die nicht nach ein paar Tagen hätte wieder in die Wildbahn gebracht werden können.

Luna beweist, warum Prof. Dr. Todt Recht hat mit seiner Sorge aufgrund der Sympathie, die Morgan für menschlichen Kontakt hegt und Keiko zeigt, dass Orcas sich sehr schnell an die Haltungssituation gewöhnen und nach so langer Zeit nicht mehr auswilderungsfähig sind - und Keiko war an sich ein gesundes Tier. Wenn es bei ihm schon nicht klappt, wie sollte es dann bei einem Tier mit so einem Handycap klappen? Das ist nicht möglich.

Orcas, die in Norwegen jagen kooperativ und verständigen sich dabei über Kommunikationslaute. Wenn Morgan die nicht hört, kann sie nicht teilnehmen und nicht erfolgreich in der Gruppe jagen. Das Wasser in Norwegen ist nicht gerade klar - also kann sie sich auch nicht nur auf die Optik verlassen, sondern muss sich mit der Echolokalisation orientieren. Die funktioniert über das Gehör und das ist bei ihr stark gehandicapt. In der Wildbahn hätte sie schlicht keine Chance.

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Morgan ist in der sozialen Gruppe des Loro Parque integriert. © Philipp J. Kroiß

Im Loro Parque geht es ihr gut
Durch meine journalistische Arbeit im Loro Parque konnte ich mich selbst davon überzeugen, dass es Morgan gut geht. Ich schrieb schon mehrere Artikel zu diesem Thema. Den aktuell jüngsten findet man bei flashing-lights. Ich beschäftige mich schon lange mit der Frage und der Haltung und sehe schon seit einigen Jahren, die tolle Entwicklung, die Morgan vollzieht.

Sie war sehr schnell in einer Gruppe integriert, die sie nehmen konnte wie sie ist. Die Tiere haben nicht den Druck einer wilden Orca-Gruppe, sich jeden Tag das Essen hart erkämpfen zu müssen und konnten so Rücksicht nehmen auf die behinderte Orca-Dame. Sie versteht sich unglaublich gut mit den anderen Tieren - ganz besonders mit Adán mit dem sie gerne und auch häufig spielt.

Wenn man sie nun aus dieser Gruppenstruktur reißen würde und allein in einen Sea Pen setzt (die Probleme von Sea/Bay Pens habe ich ja bereits erläutert), würde das dem Tier, das die Interaktion mit den anderen Tieren und den Trainern sichtlich genießt, wahrscheinlich enorm schaden.

Dazu käme noch die Aussichtslosigkeit dieses Projektes, weil man Morgan nicht so vergleichsweise einfach trainieren kann - man kann ja zum Beispiel keinen Belohnungspfiff gebrauchen, weil sie den nicht hört.

Alles in allem ist der Loro Parque also, wie die Experten ja auch bestätigen, die bestmögliche Unterbringung für das Tier. Man hat alles versucht, was tiergerecht möglich war, um das Tier auszuwildern, aber es zeigte sich, dass das ein unmögliches Unterfangen war.

Dann muss man für das Tier die beste Entscheidung fällen und das wurde dann auch höchstrichterlich getan: sie kam in den Loro Parque, wo sie nicht nur eine tolle Gruppe vorfand, sondern auch ein Team von Menschen, die sich mit viel Liebe und höchsten Respekt um sie sorgt. Für das Tier gibt es keinen besseren Ort, wo sie jetzt sein könnte.

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Die Trainer kümmern sich liebevoll um das gerettete Orcaweibchen. © Philipp J. Kroiß

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