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Es ist nicht die schwule Welt, die zerschossen wurde

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CLUB GAY
Diverse Images/UIG via Getty Images
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Der bekennende schwule Autor und Redakteur Adriano Sack erklärte den Lesern der Welt kürzlich: "Es ist nicht unsere gemeinsame Welt, die da mit Maschinengewehrsalven zerschossen wurde. Sondern es ist meine." Er beschreibt den schwulen Club als Schutzraum für die Queer Community.

Viele meiner Freunde stimmten ein "Warum ignorieren die Medien, dass es ein Anschlag gegen Schwule war?" oder "Schwulenclubs sind heilig." Und selbst die Kanzlerin hat gerade auf Druck des Schwulen- und Lesbenverbands den Massenmord von Orlando mit Homophobie zusammengebracht.
Ich möchte sagen: Es gibt keinen Grund den Terrorakt von Orlando als Akt gegen Schwule zu begreifen.


Nach jedem Terrorakt heißt es schnell "Sie gegen uns". Die Terroristen gegen die freie Welt im Westen. Dabei kommen die Terroristen selbst oft mitten aus diesen, unseren Gesellschaften. Ob Paris, London oder Brüssel, die allermeisten von ihnen verübten die Anschläge in ihrer Heimat.

Statt Schuldzuweisungen wäre also Selbstreflektion angebracht. Auch die schwule Gemeinschaft in Orlando muss sich fragen, wie jemand aus ihrer Mitte heraus so etwas tun konnte. Denn wie wir inzwischen wissen, war Mateen Omar ein regelmäßiger Besucher im Club Puls und auch in den einschlägigen Chat-Apps ein oft gesehener User.

Vielleicht stellt die schwule Community bei der Selbstreflektion fest, dass sie ihr eigenes Diskriminierungs-Regime führt. Und dass Schwulenfeindlichkeit nicht das richtige gedankliche Konzept ist, den Terrorakt zu erklären oder zu lernen, wie zukünftige Tragödien dieser Art verhindert werden können.

Wie Sie als Leser vielleicht inzwischen ahnen, bin ich selbst schwul. Und wie der Welt-Autor Sack, und viele andere Schwule, habe ich Ausgrenzung erfahren: In der Grundschule wurde ich eine Zeit lang auf dem Hof oft von einer ganzen Gruppe von Klassenkameraden verkloppt.

Um der Meuterei auf dem Schulhof zu umgehen, habe ich mich dann in der Nähe des Schultors versteckt und auf das Klingeln zum Unterrichtsbeginn gewartet. Die wenigen Male, die ich Fußball gespielt habe, diente ich im Tor als Zielscheibe und nicht als Hindernis.

Später auf dem Gymnasium wurde die Diskriminierung subtiler

Vielleicht änderte sich auch die Dynamik. Ich verstand, dass ich mit den meisten anderen Jungs nicht viel gemeinsam hatte. Mir war zu dem Zeitpunkt bereits klar, dass ich schwul bin.

Nun wäre es für mich sicher einfach gewesen, mein schwieriges Erwachsenwerden auf das Schwulsein zu schieben. Aber das habe ich nicht gemacht. Schließlich wurde die fette Zahnarzt-Tochter und der brillentragende Linksintellektuelle mindestens genauso schlecht behandelt.

Ich war eben einfach anders. Weil ich zum Trompetenunterricht und zur Christenlehre ging und nicht wie die echten Jungs im Marzahner Neubaublock auf dem Spielplatz die ersten Zigaretten rauchte. Auf mein Schwulsein lieĂź sich das aber nicht reduzieren.

Im Zusammenleben von Menschen wird erst mal Gleichsein gefördert. Das gilt besonders in der brutalen Welt der Kinder und Jugendlichen. Gleiches Aussehen, gleiche Interessen, gleicher Sprachgebrauch. Erst später verstehen soziale Gruppen, dass Eigenheiten auch sehr wertvoll für die Gemeinschaft sein können.

Dann geht der Balance-Akt los: Wie viel Andersartigkeit kann die Gruppe vertragen. Das war auch noch in meinem fortgeschrittenen Berufsleben so. Mit 30 arbeitete ich bei dem Technologie-Riesen Philips als PR-Mensch. Nach zwei Jahren "erfolgreicher Firmenzugehörigkeit" kam ein neuer Chef, der mich oft und gerne und vor allen anderen Mitarbeitern "The Freak and the Brain" nannte.

Das war natürlich niemals böse gemeint. Ich trug eben diese neonfarbenen Sportschuhe zur Anzughose und lachte gerne laut und exzentrische (Das Büro befand sich im unterkühlten Hamburg).

Das Phänomen der Abgrenzung von Andersartigkeit nennt sich Xenophobie

Und in meinem Fall stand es selten oder niemals in Zusammenhang mit meiner schwulen Sexualität. Was ich stattdessen bis dato bei meinen Arbeitgebern oft feststellen konnte: Schwule Kollegen waren oft vorbildlich integriert. Wenn sie die Marketing-Gel-Frisur trugen und den blauen Pullunder.

Stellen wir uns den Täter Omar Mateen jetzt einmal in der schwulen Welt vor. Jemand, der ein Doppelleben führte: Ein schwules in Orlando - und ein muslimisches Hetero-Leben mit Frau und Kind. Jemand, der auch sonst anders ist, weil er einen anderen Namen trägt und einer anderen Religion folgt.

Dieser Omar hat für seine „second reality" nur Apps und schwule Clubs zur Verfügung. Wie sieht diese „second reality", die Welt seines anderen Ichs, aus: Ich würde behaupten: Ziemlich xenophob und menschenfeindlich. Im schwulen Club herrscht ein quasi faschistisches Regime: Wer akzeptiert werden will, der muss entweder den entsprechenden Gym-Body im Tank-Top ausstellen, oder reich und berühmt sein. Und in den Apps? Da zählen allein die Schwanzlänge und ob er aktiv oder passiv fickt. Schließlich: Wie gehen viele Schwule ihrerseits mit Andersartigkeit um? Sicher nicht viel besser als Heteros.

Omar Mateen - eine innerlich zerrissene, von vielen als latent aggressiv beschriebene Person. Jemand, der mit sich und seinem Platz in der Welt nicht zufrieden war. Wie hat er wohl das schwule Regime wahrgenommen? Oder andersherum gefragt: Wie werden wohl die schwulen Kontakte im Club Pulse oder in den Dating Apps auf Omar Mateen und seine komplexe Lebensrealität reagiert haben?

Es liegt mir fern, die schwule Community zu verurteilen oder die gelebte Homophobie in den USA zu verharmlosen. Ich möchte aber vorschlagen, dass es andere Hintergründe zur Tat gibt, die sich vielleicht nicht auf Homophobie reduzieren lassen. Ich möchte hinterfragen, welche Rolle wohl Xenophobie, also die Ausgrenzung von Andersartigkeit, bei Omar Mateen gespielt haben mag.

Ich möchte zu bedenken geben, dass die schwule Szene genauso diskriminierend sein kann, wie alle anderen Teile der Gesellschaft.

Und weil wir wahrscheinlich niemals mit Sicherheit wissen werden, was Mateen zu seiner Tat bewegte, ist es auch falsch, vom Schwulen- und Lesbenverband diesen Fall fĂĽr seine eigene Interessenarbeit zu nutzen.

Das Doppelleben von Mateen war von Zwängen gekennzeichnet: Seine Familie, seine Religion, die schwule Welt. In diesem komplizierten Geflecht wurde die schwule Welt nun zu einer Zielscheibe für seinen Selbsthass und seine Unzufriedenheit.

Vielleicht hätte es auch seine Familie oder einen ehemaligen Arbeitgeber treffen können: Florida, am 18. April diesen Jahres. Ein Mann wartet spät abends auf die Heimkehr seiner Frau daheim. Er sticht mehrmals auf sie ein, flieht, sammelt später die beiden Kinder auf, wird von Polizisten in die Flucht getrieben und erschießt dabei sich und seine Nachkommen.

Vorfälle wie diese sind in den USA keine Seltenheit

Es wird zwar oftmals argumentiert, dass unter den jährlich 13.000 Schusswaffentoten ein Großteil Selbstmorde sind und die Zahl insgesamt seit den 90er Jahren zurückgeht. Trotzdem war es nur eine Frage der Zeit, bis eine der vielen Massenschießerein in einem schwulen Kontext stattfinden würde.

Wie naheliegend und einfach ist es, das Tatmotiv auf Schwulenfeindlichkeit zu reduzieren? Aber würde das als Erklärung den Angehörigen der Opfer auch nur annähernd gerecht werden können?

Einfachen Auto-Reaktionen nach der Art "Sie gegen uns" müssen wir widerstehen. Die freie Welt gegen die Terroristen, das war schon nach dem 11. September eine ziemlich populäre Haltung. Aber wozu hat sie geführt? Die heteronormative Welt gegen die schwule Welt, auch das bringt uns nicht weiter.

Stattdessen sollten wir uns wachsamer selbst beobachten: Wie wir mit Menschen umgehen, die anders sind als wir. Die hässlich sind, oder alt. Die den ganzen Tag Unterschichten-Fernsehen gucken oder fremden Glaubensgemeinschaften angehören. Wie wir auf sie reagieren, ob wir sie gleich ihrer Eigenarten ernst nehmen und respektieren, ob wir uns um sie sorgen.

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