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Der Ruf von Startups ist so schlecht wie nie, dabei wird die Szene jetzt erst richtig erfolgreich

24/04/2017 18:35 CEST | Aktualisiert 24/04/2017 19:45 CEST
Reuters

"In Startups zu arbeiten, ist die Hölle". "Alle wollen Rockstars sein". Die Startup-Kultur ist "giftig, vulgär und machomäßig".

Ich war schon sehr verdutzt, als ich in den vergangenen Tagen diese plakativen Statements lesen musste. Denn ich bin selbst in dieser Branche tätig und kenne die Menschen, gegen die diese Vorwürfe gerichtet sind.

Bin ich also auch ein Ausbeuter, nur weil ich Internet-Unternehmer bin und unter anderem den Bringdienst Lieferando mitgegründet habe? Sollte ich schnellstmöglich einen Betriebsrat gründen und so die vermeintlich soziale Ungerechtigkeit bekämpfen? Waren also alle Kisten Club Mate und teuren Designer-Tischkicker umsonst?

Ich würde alle drei Fragen mit "nein" beantworten.

Denn anhand meiner Karriere lässt sich gut nachvollziehen, was für ein Sprungbrett und Antreiber Startups in Deutschland sein können. Für die eigene Karriere, aber auch für die Innovationen, die unser Land so dringen benötigt.

Aber erst einmal zurück zum Anfang.

Ich war gerade einmal 20, als ich zum ersten Mal ein Praktikum bei einem Startup in Berlin machte. Es war ein typisch sibirischer Winter, damals zwischen den Jahren 2003 und 2004.

Mein Chef: Der in den Medien auch eher negativ dargestellte Oliver Samwer.

Das Projekt, an dem ich für wenige Monate arbeiten durfte: Jamba. Okay, zugegeben: Klingeltöne an eine breite Masse junger User mit ständig wiederkehrenden und vielfach nervigen Werbebotschaften zu verkaufen, war bestimmt nicht die sinnhafteste Beschäftigung meiner Karriere.

Mehr zum Thema: Die klassische Karriere gibt es nicht mehr - und das ist auch gut so

Dennoch bekam ich früh Einblicke in die sich nach dem Dot-Com-Crash wieder aufrappelnde Startup-Szene in Deutschland. Schon damals schaffte „Oli" Samwer es, ein Team von jungen, engagierten Managern für seine Ideen zu begeistern.

Es fiel auf, dass wenige Veteranen aus der Zeit der ersten Internet-Euphorie übrig geblieben waren. Es war, als ob man bewusst mit dem Hype der 1999/2000er Jahre nichts mehr zu tun haben und die Industrie auf einem rundum erneuerten, stabilen Fundament aufbauen wollte.

In den Jahren danach machte ich mir ein Bild über die verschiedenen Karriere-Optionen, die ich als BWLer haben könnte.

Kurze Einblicke in die Welt der Unternehmensberater gehörten ebenso mit dazu, wie das für einen Business School Absolventen fast schon obligatorische Praktikum bei einer Investmentbank im Ausland.

Doch obwohl ich diese Eindrücke niemals missen wollte, ertappte ich mich dabei, das eben Erlebte immer wieder mit meiner Zeit beim Berliner Startup zu vergleichen. Und immer gewann das Startup in meinem imaginären Praktikum-Quartett.

Doch warum war das so?

Kein Onboarding. Kein großes Hallo. Direkt ins kalte Wasser

Meine Zeit bei Jamba war davon geprägt, dass ich ab Tag eins regelrecht ins kalte Wasser gestoßen wurde. Kein Onboarding. Kein großes Hallo. Nur ein kurzes "Hier ist dein Rechner" und "auf geht's".

Schnell konnte ich mich in dem ungewohnten Set-Up zurechtfinden, stand es im Umkehrschluss ja auch dafür, dass man Projekte eigenverantwortlich starten und umsetzen konnte.

Sowas habe ich in meiner Zeit bei großen Unternehmen niemals auch nur im Ansatz wiedergesehen.

Mehr zum Thema: "So werdet ihr das nächste Facebook nicht gründen": Berliner Startup-Gründer hat einen flammenden Appell an die Generation Y

Genauso wenig wie die Vielzahl an spannenden Persönlichkeiten, die ich damals bei Jamba kennen lernen durfte. Mit vielen habe ich bis heute noch teils freundschaftliche Verhältnisse. Wiederum etwas das ich nicht nach meinen Erfahrungen in der Corporate Welt behaupten kann.

Kurz vor Ende meines Studiums war für mich also klar: Ich wollte mein eigenes Unternehmen gründen. Ich tat mich zusammen mit zwei Uni-Freunden und startete 2006 mit "sportme" eine Online Community für Sportler.

Wenngleich unser erstes Startup nicht wirklich von Erfolg gekrönt war, war für meine beiden Mitstreiter und mich klar, dass wir weitere Firmen im digitalen Bereich gründen wollten. Zu sehr waren wir von der schieren Energie und Geschwindigkeit der Branche angetan. Doch was hat sich in den letzten zehn Jahren geändert? Ist der neue Hype schon wieder vorbei?

Ist "Startup" schon wieder "Mainstream" geworden?

Seit den frühen Jahren der ersten PCs hat sich die digitale Branche nicht nur technologisch, sondern auch in Bezug auf ihre Arbeitswelt dramatisch weiterentwickelt. Zwar findet das Moore'sche Gesetz nicht direkt Anwendung auf die Arbeitsbedingungen in unserer Industrie, jedoch habe ich bereits einige tiefgreifenden Veränderungen in meiner Industrie gesehen.

Bei unserem ersten Venture waren wir noch selbst blutjunge Uni-Absolventen und fanden uns wenige Monate nach Start in der Rolle, ein Team von gut 30 - meist unerfahrenen - Mitarbeitern leiten zu müssen.

Da ist klar, dass man noch nicht auf den Erfahrungsschatz eines Managers mit mehr als 20 Jahren Erfahrung zurückgreifen kann und schlicht und ergreifend Fehler macht. Doch aus jedem einzelnen Fehler haben wir gelernt.

Aber wir werden dennoch auch in der Zukunft weiterhin Fehler machen. Wie soll man auch eine 100-prozentig passende Lösung haben, wenn man sich als digitaler Pionier immer wieder neuen Herausforderungen ultra-dynamischer Märkte stellt?

Life-Style-Unternehmer und Möchtegern-Gründer

Wenn man heute eine Karriere in einem Startup in Deutschland starten möchte, sollte man zunächst diese Entscheidung sehr bewusst treffen und am besten selbst "Due Diligence" auf das Startup der Wahl machen.

Mit der steigenden Beliebtheit unserer Branche in den letzten zehn Jahren, hat leider auch die Zahl der Life-Style-Unternehmer und Möchtegern-Gründer zugenommen. Gerade für die ersten Hundert- bis Fünfhunderttausende Euro Startkapital scheint es eine schier unendliche Schar an Investoren und Business Angels zu geben, die immer wieder Erstgründer zu Tage fördert.

Nicht selten handelt es sich dabei um gut ausgebildete Ex-Berater oder Banker, die nach den ersten ein bis zwei Bonusrunden im Corporate-Kontext den Gipfel ihrer Maslow-Pyramide erreicht haben und ein eigenes Startup der einzige Weg zu ihrer Selbstverwirklichung zu sein scheint.

Das dabei leider oft nach der ersten Finanzierungsrunde Schluss ist und somit Mitarbeiter kurze Zeit nach dem Start schon wieder auf der Straße landen, ist eine unschöne Entwicklung der letzten Jahre.

Die Startups wurden erwachsen

Auf der anderen Seite hat sich das Ökosystem, gerade in der Hauptstadt, über die Jahre immer mehr gefestigt; und zwar organisch. Durch die Weiterentwicklung jedes einzelnen Gründers hat auch der Erfahrungsschatz des Kollektivs stark zugenommen.

Entgegen der Dot-Com-Era haben wir es nun mit echten Experten zu tun. Wenn mir heute ein Bewerber erzählt, er habe zehn Jahre Online Marketing Erfahrung, so kann ich es ihm erstmals abnehmen.

Ähnlich verhält es sich mit den erfolgreichen Gründern unserer Szene selbst. Diese sind nur in den wenigsten Ausnahmefällen typische „First-Time-Founder" mit Anfang 20, sondern im Schnitt eher Mitte bis Ende 30 und haben vielfach mehr als 15 Jahre relevante Berufserfahrung.

Wo früher noch der sexy Arbeitsplatz inklusive Tischtennis- Arenas und Tischkicker-Turnieren im Bewerbungsgespräch als echte Assets angepriesen worden sind, herrscht heute eine professionellere Stimmung, die auch auf Weiterentwicklungsmöglichkeiten und allgemeine Lebensplanung der Bewerber Rücksicht nimmt.

Ich merke es an unserem eigenen Office-Design der letzten zehn Jahre: Statt Verspieltheit und bunter Farben rücken immer mehr funktionale Flächen und klare Formensprache in den Vordergrund. Zugegeben: Der Startup-typische Office-Hund sowie die Club Mate dürfen bei uns auch heute nicht fehlen.

Startups sind die Speerspitze des digitalen Wandels

Wer nun aber denkt, es handele sich bei Startups um eine kurze, langweilige Randerscheinung der Wirtschaft, der hat nicht verstanden, welchem gesellschaftlichen Wandel wir eigentlich bevorstehen.

Die fortschreitende Digitalisierung führt unweigerlich auch dazu, dass das klassische Bild eines Büroangestellten der Vergangenheit angehören wird. Und Startups, als Speerspitze des digitalen Wandels, geben schon jetzt einen Vorgeschmack auf die Anforderungen der Mitarbeiter in der Zukunft.

Internationale, extrem agile sowie interdisziplinäre Teams werden Einzug halten. Eine noch flexiblere Arbeitsgestaltung wird zunehmend gefordert werden, ebenso wie ein stärkeres Verschwimmen der Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem.

Ein jeder sollte sich Gedanken machen, inwieweit man sich neuen Berufsbildern der Zukunft schon heute öffnen kann.

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