Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Philipp Baar Headshot

Diese Burkaträgerin hat mir eine gehörige Lektion erteilt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
NIQAB
TanjalaGica via Getty Images
Drucken

Meinen ersten Kontakt mit einer Burkaträgerin hatte ich vor einigen Jahren in Marakkesch. Ich wollte ein Busticket nach Essaouira kaufen und die Schlange vor dem Schalter war so lang, dass sich alle Leute Sorgen machten, vor der Abfahrt des Busses kein Ticket mehr zu bekommen.

Je näher sie dem Schalter kam, desto mehr franste die Reihe aus, mutierte zu einer Traube vor der Glasscheibe, in der jeder für sich allein kämpfte. Ich kriegte einen Ellbogen in die Seite und war ziemlich perplex, als eine Frau in Burka (eigentlich war es ein Niqab, aber das interessiert in Deutschland ja keinen - wenn doch: hier) an mir vorbei rangelt.

Sie setzte alles ein, was sie hatte: Arme, Schultern, Hüften. Keine Angst vor Körperkontakt. Ich dagegen war zuerst schüchtern, unsicher, ob ich mich auf diesen Kampf einlassen soll. Damals war ich zum ersten Mal in Marokko, alle um mich herum sprachen Arabisch, waren traditionell gekleidet und beachteten den Ausländer in ihrer Mitte einfach nicht. Ein schlechter Ort, um sich mit einer Marokkanerin anzulegen, aber ich lasse mich auch nicht gern verarschen.

Also pflügte ich einen Weg durch die Menge, stürzte mich in den Kampf der Ellbogen. Und verlor. Sie kam vor mir an der Scheibe an, kaufte ihr Ticket und drehte sich vor dem Weggehen nochmal um, damit sie mir einen Blick zuwerfen kann. In ihren schönen Augen lachte der Spott und ich fragte mich, warum ihre Kleidung am Anfang überhaupt eine Rolle gespielt hatte.

Der Schleier hat mir jedenfalls ihre Augen gezeigt, die mir sonst vielleicht entgangen wären. Ihr Lächeln verhieß Geheimnisse unter den Stoffbahnen, Geschichten aus tausendundeiner Nacht. Darf es wirklich so einfach sein? Naive Freude am geheimnisvoll Orientalischen? Anscheinend nicht. In Deutschland hat man Angst vor dem Schleier. Und das nicht nur bei bildungsfernen Wutbürgern, sondern in allen Gesellschaftsschichten.

Der Niqab wird zum Statement

So zum Beispiel Peter von Becker, der mitten in Berlin einem Gespenst begegnen musste. Es hat ihm die Joggingrunde vermiest, so ganz in schwarz, mit den undefinierbaren Augen, die ihn sogar am Geschlecht der Erscheinung zweifeln lassen. Sowas aber auch - eine Burka (die wahrscheinlich ein Niqab war) mitten in Berlin. Auf seiner altbewährten Laufstrecke! Skandal!

Das Gespenst machte anscheinend gerade einem Kind Angst, vielleicht war es mit ihm verwandt. Was genau ablief, fand von Becker nicht heraus, sondern ergriff die Flucht. Wer redet schon mit Gespenstern? Geht das überhaupt? Als Aufhänger für einen Kommentar taugt es aber allemal...

Genau da liegt das Problem: Die Debatte wird ohne die Betroffenen geführt. Schon "der Kopftuchdiskurs [...] ist eine Debatte, in der es keine Sekunde lang um die Muslime geht. Er erzählt immer nur davon, was der Nichtmuslim denkt, fühlt, vermutet und wovon er sich bedroht oder beleidigt sieht", meint Mely Kiyak, Tochter kurdisch-türkischer Migranten und Journalistin, und das stimmt. Ihr Beitrag enthält die mit Abstand sinnvollsten Gedanken zum Thema, die in den letzten Wochen verzapft wurden.

Was fühlen also die Musliminnen? Bei Bento haben sie ein paar aufgetrieben, die von ihrer freiwilligen Verschleierung berichten. Der Niqab wird zum Statement gegen das Establishment. Gegen Konsum, gegen Marken, die Mode der Massen. Das kennt man. Ich war heute selbst noch in kurzen Hosen bei der Arbeit. („Oh, Hochsommer?", „Geht's in den Urlaub?") Es gibt sie also, die freiwillig-verschleierten. Aber gab es nicht auch Sklaven, die für die Sklaverei waren?

Nur eine kann Germanys next Topmodel werden

Glaubt denn jemand ernsthaft, ein Verbot bestimmter Kleidung würde irgendjemanden befreien? Nazi-Uniformen in der Öffentlichkeit zu verbieten ändert auch nichts an der rechten Einstellung ihrer Träger. Freiheit entsteht zuerst im Kopf und nicht im Kleiderschrank. Wenn meine atheistische Freundin morgens davor steht, kommt sie mir übrigens nie so wirklich frei vor. Weibliches Ankleiden ist voller Hemmungen. Ist der Rock zu kurz? Die Bluse zu sexy? Sind die Beine glatt rasiert? Wo bleibt meine Bikini-Figur?

Ich behaupte mal, die meisten westlichen Frauen ziehen sich an, um anderen zu gefallen. Was, wenn es bei Heidi Klum um Burkinis ginge? Ich bin nicht sicher, ob ihre Modellsuche für junge Mädchen nicht ebenso schädlich ist, wie ein Burka-Zwang. Die Show kreiert sicherlich keine emanzipierten Frauen mit einem gesunden Körpergefühl. Das ist dieselbe Form von männlicher Unterdrückung auf Grund von sexualisierter Wahrnehmung des weiblichen Körpers. Nur in anderer Verpackung, massen- und werbewirksamer nämlich - mit Schleiern lässt sich kein Shampoo verkaufen.

Nur eine kann Germanys next Topmodel werden, aber Integration soll für jedermann sein. Wenn Musliminnen endlich auch alle halbnackt herumlaufen, haben wir es geschafft. Wer das nicht will, soll doch wieder gehen, wird im Spiegel vorgeschlagen:

"Deutschland ist dann vielleicht nicht das Land, in dem ihr leben solltet. Auch dann nicht, wenn ihr Deutsche seid."

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Wahrscheinlich sieht Redakteurin Anna Reimann auch Gespenster, da kann es mit einem schonmal durchgehen. Wer sich nicht deutsch genug anzieht, soll also gehen? Auch ich mit meinen Urlaubsshorts? Muss man hinter jedem Gesetz eines Landes stehen, in dem man lebt?

Nein, wer hier nicht leben sollte, sind Leute, die bestimmte Basiswerte nicht teilen. Werte vermittelt man aber nicht mit Verboten, sondern mit Aufklärung. Das Problem ist nicht der materielle Stoff, sondern der intellektuelle. Dagegen kämpft man mit Gesprächen. Das geht übrigens auch durch den Schleier hindurch. Und vielleicht lernt man dabei ja sogar etwas über die Menschen unter dem Stoff.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: