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Das ist der wahre Grund, warum ein Flüchtling Syrien verließ

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FLUECHTLING
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Bomben, Grenzen, Schlepperbanden, Seenot, Flüchtlingslager. Bilder, die ganz Europa bewegen. Aber wer sind diese Leute, die da kommen? Wieso verlässt ein Flüchtling seine Heimat? Welchen Schrecken muss man erleben, um alles hinter sich zu lassen? Wie kommt man illegal über Grenzen und wie viel kostet eigentlich ein Schlepper?

Für dieses Buch haben Flüchtlinge ihre Geschichten erzählt. Geschichten über Not und Unterdrückung, aber auch über Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Sein Mechatronik-Studium schließt Qaisar als einer der besten seines Jahrgangs ab und so ist es auch kein Wunder, dass er ein lukratives Jobangebot erhält: Qaisar wird Wartungs- Ingenieur bei einer großen Maschinenbaufirma in Saudi- Arabien.

Er ist gut in seinem Job, arbeitet gern und genießt es, sich anzustrengen. Der beste Moment des Tages ist für ihn der, wenn er völlig erschöpft nach einem langen Tag nach Hause kommt. Schon nach sechs Monaten machen sie ihn zum Chef der gesamten Abteilung. Anderthalb Jahre später hat er in seiner syrischen Heimatstadt Homs ein Haus gebaut.

Zwei Jahre nach seinem Abschluss winkt dann schon ein neuer Job. Qaisar soll Ausbilder für angehende Wartungs- Ingenieure werden. In Dschidda, am Roten Meer, gut 70 Kilometer östlich von Mekka. Er nimmt an und erwirbt in den nächsten Monaten viel Geld und noch mehr Erfahrung. Der Grundstein für seine Karriere ist gelegt.

Die Welt muss doch wissen, was in Syrien passiert.

Es ist Anfang 2011 und in Nordafrika beginnen die Demonstrationen des Arabischen Frühlings. Auch in Syrien schielt man auf die neuen Freiheitsbewegungen. Im März hat Qaisar Urlaub. Er fliegt nach Homs, um seine Familie zu besuchen. Mitte des Monats startet dort die Revolution.

Qaisar geht mit seinen sechs anderen Brüdern auf die Straße. Sein ältester Bruder ist Anwalt und wird Chef des Oppositionskomitees. Am zweiten Tag auf der Straße erhält Qaisar einen Anruf von einem Freund, der meint, dass er jemanden beim Nachrichtensender Al Jazeera kenne und es doch klasse wäre, wenn sie die Demonstrationen filmen würden.

„Die Welt muss doch wissen, was in Syrien passiert." Qaisar stimmt zu. In Saudi-Arabien hat er sich ein iPhone zugelegt, mit dem er nun Videos macht. Auf Al Jazeera und kurze Zeit später auch auf anderen Sendern sind Banner und Fahnen schwingende Menschen zu sehen, deren Forderungen alle auf dasselbe hinauslaufen: Präsident Assad muss weg!

Die Soldaten eröffnen das Feuer.

Die wichtigste Waffe der Revolutionäre sind Wörter. Es bleibt fünf Tage lang friedlich. Bis Assad und seine Leute sich überlegen, dass es nun genug ist. Am Sonntag kommen den Protestlern Soldaten entgegen. Die Demonstration sei sofort zu beenden, verlangt ein Offizier.

„Aber wir sind friedlich..."
„Sofort beenden!"
„Sonst?"
„Sehen wir uns gezwungen, zu schießen."
„Ihr würdet auf eure eigenen Landsleute schießen?"
Die Menge ist nicht zu beruhigen.
„Wir wollen unsere Freiheit!" und „Weg mit Assad!" tönt es von irgendwoher.

Die Soldaten eröffnen das Feuer. Vierzig Männer, Frauen und Kinder werden an diesem Tag erschossen. Wer in Homs bisher noch nicht an die Notwendigkeit einer Revolution geglaubt hat, wird an diesem Tag eines Besseren belehrt. Die Ermordung der Demonstranten mobilisiert die
ganze Stadt. Nachdem die Regierungstruppen weg sind, wird erstmal sauber gemacht.

Vierzig Männer, Frauen und Kinder werden erschossen

Die Bewohner von Homs kehren symbolisch den Dreck aus der Stadt. Jeder ist auf den Beinen und schwingt einen Besen. Qaisar filmt fleißig mit. Das Fegen der Straßen wird zum Ritual. Nach jedem Besuch der Truppen Assads sieht man Leute, die sauber machen. Abgesehen vom symbolischen Wert ist die Aktion auch wirklich nötig.

Um die Ordnung aufrecht zu erhalten, schickt die Regierung gern den einen oder anderen Panzer durch die Stadt. Und so ein Panzer ist schmutzig. Seine Ketten reißen die Straße auf und er hinterlässt Öl. Dazu kommen die Hinterlassenschaften der zu Fuß durchziehenden Soldaten.

Als wieder Bürger von Homs erschossen werden, entscheidet Qaisar, sich von seinem Job beurlauben zu lassen, damit er sich voll und ganz für sein Land in der Opposition engagieren
kann. In seiner Garage arbeitet er an einem acht Meter langen Banner. Darauf ist eine Botschaft an die Regierung: „Raus mit euch!" Jeder Buchstabe des Schriftzuges besteht aus den Namen
der Ermordeten.

Die Bewohner von Homs kehren symbolisch den Dreck aus der Stadt

Auch seine Videoberichterstattung setzt er fort. Und macht dabei im August einen entscheidenden Fehler. Qaisar geht am Rand der Menschenmenge, die sein Banner trägt, und ist über Skype per Video mit einem Fernsehredakteur verbunden.

„Bist du bereit?", fragt der Redakteur.
„Ja."
„Gut, was du jetzt filmst, streamen wir sofort live."
„Ok. Es geht los."
Qaisar dreht das Handy um und richtet es auf die Demonstranten. Das Banner zieht langsam vorüber, Parolen erfüllen die Luft.

„Funktioniert es?", fragt Qaisar gegen die Rückseite des Handys. Keine Antwort. Qaisar wiederholt seine Frage. Nichts. Wahrscheinlich ist etwas schiefgelaufen. Qaisar dreht das Handy um und starrt einen Moment lang in die Kamera, während er die Videoübertragung beendet.

Er will Qaisars Namen auf einer „bösen Liste" gesehen haben.

Plötzlich ist der Redakteur wieder dran: „Bist du wahnsinnig, dein Gesicht live in die Kamera zu halten?" „Ich hab nichts mehr gehört. Da dachte ich, es gibt ein Problem." „Höchstens mit dem Ton. Dein Bild ist gerade über den Sender gelaufen."

Am Abend tagt der Familienrat; seine Mutter, sein Vater, seine Brüder. Alle halten es einstimmig für das Beste, wenn Qaisar Syrien sofort verlässt. Es ist so gut wie sicher, dass Assads Geheimdienst die Bilder gesehen hat und nun versucht, Qaisar ausfindig zu machen. Sollten sie das schaffen, könnte es seinen Tod bedeuten, wenn sie ihn als federführend in der Revolution darstellen.

Seine Firma will einen Mann nach China schicken, um beim Bau einer neuen Fabrik zu helfen. Qaisar spricht fließend Englisch und hat in Dschidda einige Erfolge verzeichnet, daher fällt die Wahl nach seiner Bewerbung schnell auf ihn und er wird Bauleiter für die Chinesen.

Die Revolution in Syrien nimmt ohne Qaisar ihren Lauf. Assad wirft nun auch Bomben und sein Bruder wird schwer verletzt. Qaisar würde ihn gern besuchen, hat aber zu viel Angst, festgenommen zu werden. Ein mit der Opposition in Homs verbundener Regierungsinsider will Qaisars Namen auf einer„bösen Liste" gesehen haben.

Alle halten es für das Beste, wenn Qaisar Syrien sofort verlässt.

Die Fabrik im Norden Chinas entsteht in Windeseile und auf Qaisar wartet noch vor ihrer Fertigstellung das nächste Jobangebot: Ein italienischer Konzern möchte ihn als Agent für die Golfstaaten haben. Die Firma stellt vollautomatische Werkzeugmaschinen her. Ein Englisch sprechender arabischer Ingenieur wie Qaisar passt perfekt für den Job.

Für das Vorstellungsgespräch muss er sich mit einem indischen Manager treffen. Sie verabreden sich im Libanon, da Qaisar nicht riskieren will, in Syrien einzureisen. Doch der Inder muss zwei Monate auf sein Visum warten. Qaisar sitzt in Beirut im Hotel fest und seine Uhr tickt, denn Visa und Pass laufen ab.

Als die Wartezeit beiden Beteiligten zu lang zu werden beginnt, schmieden sie einen neuen Plan und verabreden ein Treffen in Dubai. Qaisar beantragt ein Visum für die Vereinigten Arabischen Emirate. Sein Antrag wird abgelehnt.

Für Syrer sind die Grenzen der Emirate zur Zeit dicht. Nun steht er vor einem echten Problem: Sein Visum für den Libanon läuft aus, er kann aber nicht nach China zurück, da er dafür ebenfalls ein neues Visum beantragen müsste. Sein syrischer Pass ist aber mittlerweile abgelaufen und ohne gültigen Ausweis kann er weder im einen, noch im anderen Land ein Visum bekommen.

Wenn er sich nicht weiter illegal im Libanon aufhalten will, bleibt ihm nur eine Alternative: zurück nach Syrien. Das ist gefährlich, soviel ist ihm klar. Qaisar will trotzdem gehen. Und trifft damit die folgenschwerste Entscheidung seines Lebens.

(.......)

Der Beitrag basiert auf dem Buch Flüchtlinge unterwegs nach Europa
bookcover baar
128 Seiten; Softcover
ISBN: 978-3-95544-049-7

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