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Wir müssen uns befreien, wenn Maschinen für uns arbeiten

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ROBOT DEMONSTRATION
Arnd Wiegmann / Reuters
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Wer am 30. April durch die Zürcher Bahnhofstrasse schlenderte, der traute seinen Augen kaum: Angeführt von einem goldenen Tesla zogen rund 100 tanzende Roboter durch die Flaniermeile, verteilten Flyer und diskutierten mit Passanten. Die Roboter demonstrierten für ein bedingungsloses Grundeinkommen, über dessen Einführung die Schweiz am 5. Juni abstimmt.

Den Tag vor dem Tag der Arbeit hatten die Initianten der Schweizer Volksinitiative kurzerhand zum „End of Labor"-Day erklärt. In ihrer Botschaft, dem „Roboter-Manifest", heißt es: „Wir nehmen euch die Arbeit ab, nicht das Einkommen!" Die Roboter gingen also in Zürich auf die Straße, um dafür zu kämpfen, den Menschen weiterhin die Arbeit, jedoch nicht das Einkommen streitig zu machen.

Bereits im Januar war beim World Economic Forum in Davos ein „Dancing Robot" der Grundeinkommensaktivisten aufgetaucht - und seine Botschaft in der „Erklärung von Davos" lautete ähnlich: „Wir Roboter fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen für die Menschen. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen von der Erwerbsarbeit zu entlasten. Wir arbeiten sehr gerne. Aber wir wollen den Menschen nicht die Jobs wegnehmen und sie dadurch in existenzielle Schwierigkeiten bringen."

Roboter fordern das Grundeinkommen für die Menschen

Was hat es mit diesem künstlerisch inszenierten Roboter-Humanismus auf sich, den die Grundeinkommensinitianten medienwirksam in Szene setzten?

Der Roboter-Humanismus erinnert uns daran, dass wir uns nicht mehr aufgrund eingebildeter Zwänge mit Aufgaben beschäftigen müssen, die wir längst an die strukturellen Sklaven der Neuzeit - die Maschinen - delegieren können. All jene entfremdeten Tätigkeiten, die auf dem Mittelalter-Bauernhof unbekannt und für die Industriegesellschaft selbstverständlich waren, können wir in einem fortgeschrittenen Stadium der Arbeitsteilung inzwischen gänzlich aufgeben. Die Arbeitsteilung der Zukunft findet nicht mehr zwischen Menschen, sondern zwischen Mensch und Maschine statt.

Neben der Entfremdung, die mit der Fließbandarbeit in den Fabrikhallen einherging, hat sich heute ebenfalls ein Fremdheitsgefühl gegenüber intelligenten Maschinen etabliert, die unsere Arbeit nicht bloß rationalisieren, sondern eliminieren. Ob das nun ein Fluch oder ein Segen ist, scheint unentschieden - jedenfalls müssen wir über Bezahlung und Bedeutung von Arbeit neu nachdenken, wenn von uns nicht mehr gefordert ist, im Schweiße des Angesichts unser tägliches Brot zu verdienen.

Sieht so die Zukunft der Arbeit aus?

Die Unsicherheit bezüglich der Automatisierung war auch auf der Zürcher Bahnhofstrasse zu spüren. Ein tanzender Roboter, der mich anspricht - was soll das? Soll der etwa meine Eltern pflegen? Oder meine Kinder unterrichten? Wollen wir uns wirklich in die Hände dieser Unwesen begeben?

Wer sich bereits gestört fühlt, wenn ihm Menschen mit verspiegelten Sonnenbrillen den Blickkontakt verweigern, der wirkt besonders irritiert, wenn ihm ein Mensch im Roboterkostüm auf den Leib rückt. Gleiche Augenhöhe ist nur möglich, wenn man sich in die Augen schauen kann - und diese Möglichkeit bietet der Maschinenpark gerade nicht.

Allerdings hält uns die Maschinenwelt einen Spiegel vor, in dem wir letztlich unser eigenes Verhältnis zu den anderen Menschen erblicken. Wir müssen die Tätigkeiten, die Roboter übernehmen, nicht als solche sehen, die sie uns wegnehmen, sondern als solche, die wir aus freien Stücken an sie abtreten - um andere Tätigkeiten antreten zu können.

Roboter arbeiten nicht für sich. Sie wollen nichts. Sie sind uneigennützig. Sie stehen uns zu Diensten. Und wir sollten uns fragen, welche Aufgaben wir uns zumuten wollen, wenn wir uns nicht mehr jenen Aufgaben zuwenden müssen, welche die Roboter für uns erledigen.

Der Roboter-Humanismus tritt einem technologischen Fatalismus entgegen, indem er die menschliche Phantasie würdigt, die den Roboter hervorbringt. Anstatt sie als alternativlos durchzuwinken, anerkennt der Roboter-Humanismus die Technik als Menschentat - und fragt uns nicht nur, wie wir mit den Robotern, sondern ebenfalls, wie wir mit uns selbst umgehen wollen.

Die Hälfte aller Jobs könnten sich bald in Luft auflösen

Wer jüngsten Prognosen Glauben schenkt, der sieht sich schon bald in einer Welt leben, in der wir von intelligenten Maschinen umgeben - und arbeitslos sind. Etwa die Hälfte aller heutigen Jobs könnte in den nächsten Jahrzehnten verschwinden, mutmaßen Wissenschaftler der Universität Oxford, der ETH Zürich sowie die Unternehmensberatung McKinsey. Was heißt das?

Unabhängig davon, ob diese Einschätzungen voreilig oder zurückhaltend sind, lässt sich prognostizieren: Alle Tätigkeiten, die berechnet werden können, werden wir früher oder später automatisieren. Was bleibt zu tun, wenn uns nur noch das Unberechenbare zu tun bleibt? Jede Menge! Je mehr wir von den berechenbaren Aufgaben befreit werden, desto mehr werden wir uns selbst zur Aufgabe. Es kommt darauf an, dass wir auf uns selbst und die anderen eingehen - auf all jene Bedürfnisse, die menschlich sind, und denen wir nur menschlich begegnen können.

Den heutigen Sozialstaat etablierte Bismarck vor über 100 Jahren als Antwort auf die Folgen der Industrialisierung. Er glich für damalige Verhältnisse einer Revolution von oben - um einer Revolution von unten vorzubeugen. Dass Alte und Arbeitslose weiterhin versorgt wurden, stellte ein Novum dar - und erwies sich als Begründung eines wohlfahrtsstaatlichen Jahrhunderts.

Bismarcks Antwort war eine Notlösung, um der unmenschlichen Nebenwirkungen der industriellen Revolution Herr zu werden. Ein bedingungsloses Grundeinkommen verhindert, dass wir im Zuge der digitalen Revolution erneut unmenschliche Nebenwirkungen zeitigen, sobald wir mit der Erwerbsarbeit auch die Einkommenssicherheit verlieren.

Während der Silicon-Valley-Pragmatismus das Grundeinkommen als Kompensation für geminderte Kaufkraft ansieht, lässt sich ebenfalls ein humanistischer Blick auf das Grundeinkommen werfen. Es spricht den Einzelnen nicht nur als Konsumenten, sondern als tätiges Wesen an. Es führt dazu, dass wir auf fremdbestimmte Tätigkeiten verzichten und uns selbstbestimmten Tätigkeiten widmen können.

Das Grundeinkommen hätte immense Auswirkung auf unsere Arbeit

Das bedingungslose Grundeinkommen setzt auf intrinsische Motivation anstatt auf extrinsische Anreize. Es entwertet nicht die Arbeit, sondern wertet sie auf. Es löst das Arbeitsbegriffsmonopol der Erwerbsarbeit auf und erweitert den Arbeitsbegriff zu einem Tätigkeitsbegriff. Es ist keine monetäre Planwirtschaft, sondern gebietet dem Zuckerbrot-und-Peitsche-Paternalismus Einhalt, den der heutige Schnüffelsozialstaat an den Tag legt.

Es gibt so viel zu tun, wie es Menschen gibt. Jedoch bleibt offen, wie wir diese Tätigkeiten künftig in Angriff nehmen wollen. Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir verschärfte Zwangsbeschäftigungsprogramme entwerfen, die den liberalen Sozialstaat endgültig zur Farce verkommen lassen. Wenn wir mittels Erwerbsarbeit weiterhin die anderen disziplinieren und integrieren wollen, dann missbrauchen wir die Arbeit für niedere Zwecke - anstatt sie sich höhere Zwecke suchen zu lassen.

Das bedingungslose Grundeinkommen befreit die Arbeit, indem es uns vom Arbeitszwang befreit. Außerdem moderiert es den Übergang von der Mangel- in die Überflussgesellschaft. Das Paradigma des Mangels in Sachen Existenzsicherung ist längst überholt. Dort, wo wir den Mangel dieser Tage noch immer ansiedeln, herrscht er längst nicht mehr. Wir leiden nicht an Nahrungsmittelknappheit, sondern an einer Ideenflaute.

Wir gehen noch immer einem Ellenbogenliberalismus auf den Leim, der uns glauben lässt, wir müssten uns im Kampf uns Dasein gegenüber unseren Konkurrenten behaupten. Das führt dazu, dass wir aus Freunden Feinde und aus Partnern Gegner werden lassen. Und es führt dazu, dass wir im Existenzwettbewerb Exzellenz ausbremsen.

Das Zürcher „Roboter-Manifest" zum „End of Labor"-Day endet mit den Zeilen: „Die Digitalisierung bietet den Menschen die Chance, in Zukunft jene Fähigkeiten auszubilden, welche sie als Menschen auszeichnen: Kreativität und soziales Geschick. Die Abstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen wird zeigen, ob wir unseren eigenen Erfindungen trauen oder hinter ihnen zurückbleiben."

Wir werden durch das bedingungslose Grundeinkommen herausgefordert, unsere eigenen Schritte ernster zu nehmen als bisher. Das Grundeinkommen ermöglicht, dass wir uns auf unsere Fragen besinnen und unsere Aufgaben finden - die nicht mehr dort liegen, wo die Roboter längst stehen.

Wir sehnen uns nach zwingenden Argumenten, obwohl sich niemand gerne zwingen lässt. Das bedingungslose Grundeinkommen ist keine zwingende, sondern eine freie Entscheidung.

Philip Kovce, 1986 geboren, ist Ökonom und Philosoph. Er forscht am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre und Philosophie der Universität Witten/Herdecke, gehört dem Think Tank 30 des Club of Rome an und veröffentlichte unter anderem das Buch „Was fehlt, wenn alles da ist? Warum das bedingungslose Grundeinkommen die richtigen Fragen stellt" (Orell Füssli).

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