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Verantwortung „live" gemacht - wie Salemer Schüler vorübergehende Selbstverwaltung durchsetzen

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SCHULKLASSE
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Salem, Mai 2016. Thorsten Peters baut sein geplantes Experiment zur Photosynthese wieder ab. Der Biologielehrer ist von seinen Schülern gerade des Amtes enthoben worden. Per Abstimmung entschieden die Zehntklässler der Salemer Mittelstufe, dass zwei Mitschülerinnen heute stattdessen den Theorieteil übernehmen.

Peters muss den Klassenraum im Salemer Schloss verlassen. Es ist der erste Schultag in der sogenannten Kevinwoche des Internatsgymnasiums. In diesen Tagen treten Lehrer und Mentoren der achten bis zehnten Klassen in den Hintergrund.

Die 15- bis 18-Jährigen üben sich in Eigenverantwortung - so, wie es der namensgebende Kevin 1990 in der US-Komödie "Kevin allein zu Haus" tat. Während der Achtjährige den Kampf mit Einbrechern aufnehmen muss, müssen die Salemer Schüler vor allem mit ihrem inneren Schweinehund ringen. Freiraum bedeutet Handlungsspielraum.

Im von Regeln bestimmten Internatsalltag eine Verlockung für Heranwachsende, sich der Fesseln des Alltags zu entledigen. Das fängt schon in der Biologiestunde an. "Soll ich mich wirklich damit befassen, was zum Welken eines Salatblattes führt oder mache ich einfach Quatsch?", scheint Anton sich gerade zu fragen, als Christina ihn auffordert, Aufgabe Drei zu lösen.

Die Mehrheit seiner Mitschüler hat sich für Ersteres entschieden und versenkt die Köpfe im Buch. Nicholas mahnt: "Wenn du hier jetzt nicht gut mitmachst, mache ich nachher auch nicht bei dir mit, wenn du Englisch unterrichtest." Anton schwenkt ein. Er weiß wie alle anderen, dass viel auf dem Spiel steht. Es gilt, den Erwachsenen zu beweisen, dass sie mehr können als über die Stränge zu schlagen, wenn die Zügel lose sind.

Ein 14-seitiges Konzept samt Strafenkatalog überzeugte die Lehrer

Es gab in der Vergangenheit Kevinwochen, die wegen Nicht-Einhaltung des Alkoholverbots abgebrochen wurden. Deshalb war es nicht leicht für den zehnten Jahrgang, die Schul- und Stufenleitung sowie das Lehrerkollegium davon zu überzeugen, dass eine vorübergehende Selbstverwaltung gelingen könne. "Wir wollten eine Chance für jeden von uns, sich zu beweisen", sagt Friederike, Schulsprecherin der Mittelstufe Salem.

Deshalb arbeitete die 17-Jährige mit ihrem Amtskollegen Philipp sowie weiteren Ämterträgern der Schülerschaft ein Konzept aus. Monatelang feilten sie an der Organisation der Internatsbereiche, der Rollenverteilung innerhalb der Schülerschaft, der Arbeitsstundenaufsicht, der außerschulischen Aktivitäten und Dienste.

Mit einem 14-seitigen Konzept samt Strafenkatalog und starken Argumenten überzeugten sie im März dann die Erwachsenen in Salem. Schließlich hatte bereits Schulgründer Kurt Hahn die Intention, Jugendlichen früh Verantwortung zu übertragen. "Die Kevinwoche ist ein ungewöhnlicher Impuls, Werte wie Verantwortung, Vertrauen, Mut und Gemeinschaft spürbar zu machen", sagt Mittelstufenleiter Joachim Dorn.

"Wir entlassen damit die Jugend ins echte Handeln, mit allen Konsequenzen." Für Dorn geht es darum, dass seine Schützlinge Verantwortung auch als Auseinandersetzung mit schwierigen Situationen erleben. "Dazu gehört die Notwendigkeit, das als recht Erkannte durchzusetzen und dafür gerade zu stehen.

Manchmal gehört Mut dazu, sich mit den Freunden, den Erwachsenen und den Regeln auseinanderzusetzen, vielleicht auch unbequeme Entscheidungen zu treffen." Für ihn und seine Kollegen bedeutet die Kevinwoche vor allem Vertrauen zu beweisen, dass die Mittelstufe diese Herausforderung meistert.

Auf dem Prüfstein liegen Werte wie Vertrauen, Respekt und Unterstützung

Anspannung liegt in der Luft, als Joachim Dorn am Montagmorgen den beiden Schulsprechern der Mittelstufe zwei Generaltransponder aushändigt. Philipp und Friederike sind nervös, aber strahlen dabei übers ganze Gesicht. Als Teil der "G 5" verkörpern sie nun die Stufenleitung. Während beide noch letzte Fragen aufgeregter Mitschüler beantworten, startet nebenan in Raum L 256 bereits der Geschichtsunterricht einer internationalen achten Klasse.

Leopold und Maria führen ihre Mitschüler, die u.a. aus Amerika, Russland und China stammen, auf Englisch in den Zweiten Weltkrieg ein. Mit Laptop und Beamer arbeiten sich die 13-Jährigen routiniert durch einen Stundenablauf, den sie selbstständig vorbereitet hatten. Lehrer Simon Caroll muss nur einmal helfend eingreifen, als der Beamer streikt.

An der Wand des Klassenraums definieren Schlagworte den Begriff Freundschaft. "Support" steht dort ebenso wie "Trust" und "Respect". Es sind solche Werte, die in der Kevinwoche auf dem Prüfstein liegen. Nur mit gegenseitiger Unterstützung, Vertrauen und Respekt vor den Anordnungen der Mitschüler kann die Selbstverwaltung gelingen.

Und diese wurde von den Ämterträgern wie Studienkapitän, Ratsvorsitzendem, Dienste- und Helfersprecher sorgfältig geplant. "Wir haben unser Vorhaben von unten aufgebaut", sagt Philipp. "Seit Februar haben wir mit den Flügeln gesprochen, wie die Kevinwoche ablaufen soll und uns Aktivitäten für die Abende überlegt, damit die Woche von allen als eigenes Werk angesehen werden kann." Dabei gingen die Zehntklässler strategisch vor: "Wir wussten, welche Schüler Leittiere sind und haben sie ins Boot geholt, verbunden mit der Bitte, auf ihre Mitschüler aufzupassen."

Ämterträger in Salem wissen seit jeher, dass sie für ihre Mitschüler eine Vorbildfunktion haben. Auf ihnen ruht das Augenmerk von Schülern wie Lehrern. G5-Mitglied Tim hat als Dienstesprecher schon Routine darin. Beim Nautikdienst übernimmt er an diesem Nachmittag den Segelunterricht im Spetzgarter Hafen.

Verantwortung zu tragen, hat er in Salem schon länger geübt: "Ich war vorher Klassensprecher und stellvertretender Schulsprecher, außerdem bin ich Schwimmkapitän." Seine Kommandos vom Boot aus setzen seine Mitschüler heute jedenfalls beherzt um. Die ruhige Art des 15-Jährigen strahlt Kompetenz aus.

Das erfolgreiche Nachahmen gilt übrigens auch fürs Schüler-Lehrer-Verhältnis. Joachim Dorn sagt, die Schüler hätten sich für ihre Leitungsfunktion viel von ihm und seinen Kollegen abgeguckt. Und so wissen die G5 am ersten Abend auch, dass der Verstoß eines Schülers gegen das Rauchverbot genauso streng geahndet werden muss wie sonst auch.

"Ich habe mich ein bisschen asozial gefühlt, als ich Max verknackt habe", sagt Eric, der die Rolle des Mentors auf dem Novizen 1-Flügel übernommen hat. Die Mentorenkonferenz am Abend, die von G5-Mitgliedern moderiert wird, ist sich dennoch einig: Der Verstoß muss Konsequenzen haben.

Mit Alkoholtestgerät und Kissenschlacht in die Nacht

Dabei liegt der wirklich aufregende Teil noch vor den Schülern: Halten sich alle an die Nachtruhe? Wird es schwerer als sonst, Handys und Laptops zur Schlafenszeit einzukassieren? Und droht heimlicher Alkoholkonsum? Das Konzept der Schüler überlässt nichts dem Zufall. Zur Ausstattung der Schüler in Mentorenrolle gehören Alkoholtestgeräte.

Bei Verdacht führen sie während ihrer abendlichen Flügelrundgänge Alkoholkontrollen durch. Damit enge persönliche Verbindungen die Objektivität möglichst wenig beeinträchtigen, sind Flügelfremde als Mentor im Einsatz. Doch erstmal steht eine gemeinsame Kissenschlacht in der Turnhalle auf dem Programm.

Hip-Hop dröhnt aus den Lautsprecherboxen, der Sanitätsdienst bezieht Stellung im Hintergrund. Und dann nutzen Jungs wie Mädchen die Chance zum entfesselten Zweikampf. Jenseits von Schuluniform, Regeln und Pflichten haben hier Heranwachsende einfach Spaß. Die Anspannung des ersten Tages in Eigenregie fällt vorübergehend ab.

Selbst die G5-Mitglieder lassen für einen Moment die Last der Verantwortung hinter sich. Die Leichtigkeit rettet sich in die Flügelzeit hinüber. Heute darf auch noch nach 21 Uhr, dem offiziellen Beginn der gemeinsamen Zeit als Wohngemeinschaft in den Schlossflügeln, geduscht und gekocht werden.

So viel Gestaltungsfreiheit gönnen sich die Internatsschüler dann doch. Als um 22 Uhr die Handys und Laptops eingesammelt und weggeschlossen werden, sind selbst die Mentoren erstaunt, wie reibungslos sich ihre Mitschüler fügen.

Während manch einer schon einschlummert, laufen die G5-Schüler noch bis zwei Uhr nachts durch die Flügel, um die Nachtruhe zu kontrollieren. Zu groß ist die Angst, dass Entgleisungen für einen Abbruch des Projektes sorgen könnten. "Es war alles ruhig", berichtet Friederike am nächsten Morgen stolz.

Ob Outward-Bound-Expedition oder Kevinwoche - beides ein Ausloten von Gemeinschaft und Grenzen

Der Wille aller Beteiligten, die Kevinwoche dieses Mal zu einem Erfolg werden zu lassen, ist ausgeprägt. Zwar räumt der 15-jährige Tigran ein, dass es streng sei, weil es so viele Kontrollen gäbe. "Aber die Strenge von Schülern ist besser zu akzeptieren. Es herrscht eine gute Atmosphäre." Und so wirkt es auch für den Außenstehenden.

Am zweiten Tag gehen die Salemer erneut routiniert ihrem Tageswerk nach, leisten Freiwilligendienste im Spetzgarter Hafen als DLRG-Unterstützung, bei der Freiwilligen Feuerwehr, beim Technischen Hilfswerk oder in der Flüchtlingshilfe. So wie die 14-jährige Antonia, die seit dem vergangenen Sommer die neunte Klasse in Salem besucht.

"Ich mache den Feuerwehrdienst und betreue im Sozialdienst Flüchtlingskinder. Ich bringe ihnen Deutsch bei und spiele mit ihnen." Für Antonia hat die Kevinwoche Parallelen zur sogenannten Outward-Bound-Expedition, die alle Neuntklässler in Salem absolvieren. 12 Tage lang meistern die Schüler unter Anleitung von Lehrern das Leben in der Wildnis Norwegens und anderen europäischen Naturlandschaften.

Als Höhepunkt sind sie 24 Stunden lang auf sich allein gestellt. Eine Reise an die eigenen Grenzen, die Gemeinschaft wird auf eine Probe gestellt. "Alles, was du tust, hat Konsequenzen und wird sofort spürbar", sagt Antonia. "Man lernt sich da neu kennen. Und man hat gemerkt: Jeder will es meistern." Und das gilt auch für die Kevinwoche. "Wir lernen uns tatsächlich neu kennen", sagt Philipp. "Und manch einer ist vernünftiger, als ich dachte."

Viele helfende Hände tragen zum gemeinsamen Gelingen bei

Vernunft herrscht auch bei Studienkapitän David vor. Der 15-Jährige ist verantwortlich für den Lehrer- und Vertretungsplan, die Arbeitsstundenaufsicht, die Kontrolle der Klassenbücher und das Durchsetzen des Strafenkatalogs, der, so hatten sie es im Konzept formuliert, erhöhte Auflagen umfasst, "da der Verstoß besonders der Gemeinschaft schadet und den MitschülerInnen gegenüber respektlos ist."

Sie hätten viel Arbeit in die Vorbereitung gesteckt, sagt David, "jetzt ernten wir die Früchte." Wie alle Ämterträger muss auch er neben seinen Aufgaben den regulären Unterricht besuchen.

Eine Mehrbelastung, die alle gern in Kauf nehmen. "Uns wird viel Respekt entgegengebracht, das ist toll", sagt Friederike. Ihr Mitschüler Andrey bringt es auf den Punkt: "Wir wissen, was die G5 für das Stattfinden der Kevinwoche getan haben. Wir sind alle motiviert, uns an die Regeln zu halten." Ein Statement, was sich vermutlich manch Lehrer auch im Alltag wünschen würde.

Dass der Alltag funktioniert, daran haben Helfer und sogenannte Assi-Helfer besonders in der Kevinwoche großen Anteil. Schüler, die sonst im Amt des Helfers als Bindeglied zwischen Schüler und Mentoren fungieren, haben nun als Mentor eine entscheidende Rolle: Sie müssen für geordnete Abläufe und das Einhalten der Regeln achten. Die Assi-Helfer nehmen die Rolle der Helfer wahr, d.h. sie wecken den Flügel, teilen Taschengeld aus, stellen die Ausführung der Flügeldienste sicher und sammeln Handys ein.

"Es sind so viele Kleinigkeiten zu bedenken", sagt Helferkapitän Nicholas. "Wer hat den Schlüssel für den Handyschrank, wann muss welcher Mentor auf welchem Flügel sein und vieles mehr." Wie viel Logistik im Internatsalltag steckt, bleibt für Schüler sonst häufig im Verborgenen. "Die Helfer fangen viele kleine Dinge auf", sagt Philipp, "das ist enorm wichtig für uns." An diesem Abend stärkt auch der Feuerwehrdienst den Veranstaltern den Rücken, als am Sportplatz ein großes Lagerfeuer entzündet wird. Und dort, rund ums Feuer stehend und sitzend, spielen Funktionen und Aufgaben keine große Rolle mehr.

Lehrer loben Einsatz und Organisation der Schüler

Am vierten Tag endet die Kevinwoche morgens. Nicht etwa, weil die Klubparty am Vorabend aus dem Ruder lief. Hier feierten die Schüler vielmehr eine gelungene Selbstverwaltung. Der anstehende Feiertag von Christi Himmelfahrt bereitet dem Projekt ein natürliches Ende. Stufenleiter Joachim Dorn nimmt die Generaltransponder wieder entgegen - und ist voller Bewunderung für seine Schützlinge: "Es waren ruhige Kevin-Tage mit einem unglaublichen Einsatz seitens der Schülerinnen und Schüler, die eine Aufgabe übernommen haben.

Unser Kontakt mit den Verantwortlichen konnte sich auf wenige kurze Treffen beschränken. Wir wurden nicht gebraucht." Es habe kaum Konflikte gegeben. Auftauchende Probleme seien im gut vernetzten Ämterträgerteam sofort angegangen und gelöst worden, so Dorn. Auch Philipp ist zufrieden: "Wir konnten zeigen, dass Salem auch ohne Lehrer funktioniert." Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Und in diesem Moment scheint ein Vergleich mit dem "Kevin allein zu Haus" so abwegig wie eine Schule Schloss Salem ohne Gemeinschaftsgeist.

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