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Wie zuverlässig ist Wikipedia? Die UDV mahnt zur Vorsicht!

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David Lees via Getty Images
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Wikipedia ist mehr als ein Lexikon, es ist ein Leitmedium unserer Tage. Wer Kontrolle über dieses Werkzeug hat, bestimmt was real ist und was nicht. Die Enzyklopädie kommt als nettes harmloses Grüppchen daher, das um Spenden bittet und davon träumt, Weltkulturerbe zu werden. Bei genauerem Hinsehen wird allerdings klar: es gibt nicht die eine Wikipedia. "Die digitale Enzyklopädie ist inzwischen so groß geworden, dass sich in ihr Gruppen und Seilschaften bilden konnten, die bewusst Einfluss auf die Tendenz der Inhalte nehmen. Von einer echten Schwarmintelligenz im Sinne eines freien Wettbewerbs der Gedanken ist gerade in gesellschaftlich relevanten Themenbereichen nicht mehr viel übrig", so Online-Experin Carina Angermann von der Union deutscher Verbraucher (UDV).

Wikipedia-Veteran und ehemaliges Führungsmitglied der deutschen Wikimedia, Jens Best, twitterte am 14.11., "Vor einer Nutzung der dt. #Wikipedia bei Artikeln zu Erdogan und Kurdenkonflikt ist abzuraten. Deutlich von Erdogan-Anhängern unterwandert." Am 13.11. warnte er "(...) Dass z.B. aktuell etliche wiki-erfahrene Rechtspopulisten und Erdogan-Verharmloser durch deWP ziehen, ist erschreckend". Schon früher schlug der Netzaktivist und intime Wikipedia-Kenner Alarm: "Man kann nur davor warnen, #Wikipedia-Artikel, die nur ansatzweise politische Bezüge haben, zu lesen. Kaum ein Artikel ist ohne Propaganda." Die zitierten Tweets liegen der UDV gesichert vor.

Der Blog Wiki-Watch warnte bereits im Sommer recht drastisch: "Auch Wikipedia bleibt nicht verschon von neuen Formen der Gewalt im Netz. In einer 2015 durchgeführten, nicht repräsentativen Studie mit weltweit 3.845 Teilnehmern hat sich die Wikimedia Foundation erstmals mit diesem Phänomen beschäftigt. 38 Prozent der Teilnehmenden gaben in der Umfrage an, selbst Belästigung auf Wikimedia-Projekten erlebt zu haben (Seite 4 der Studie). Dabei waren Verwüstungen auf der eigenen Benutzerseite oder ein gezieltes Entfernen oder Abwerten von Artikelbearbeitungen, sogenannter Content-Vandalismus, Beschimpfungen ("name calling") die häufigste Form (Seite 17 und 18 der Studie). Häufig genannt wurden auch "trolling/flaming". Sogar Revenge Porn (das Veröffentlichen von Nacktfotos im Netz aus Rache), Hacking oder Gewaltandrohung wurden genannt. Gefragt nach konkreten Erfahrungen schilderten die teilnehmenden Nutzer teils erschreckende Erfahrungen. Sie berichten von Morddrohungen oder vom Anlegen einer Porno-Webseite auf den Nutzernamen des Opfers. Andere Nutzer berichten von herablassenden und beleidigenden Kommentaren (viele krasse Beispiele auf Seite 27 der Studie). Ein Nutzer aus dem deutschsprachigen Bereich berichtete sogar von Telefonterror.

Aktuell tobte ein Kampf um den Beitrag zu Donald Trump. Die SHZ berichtet: "Immer wieder änderten Nutzer Passagen - und andere änderten sie zurück. Viele sogenannte Edits waren dem aktuellen Geschehen geschuldet, einige waren Korrekturen von Rechtschreibfehlern oder Vorschläge zur Gliederung. Funktioniert sie also, die Schwarmintelligenz? (...) Was man erfährt, hängt (...) davon ab, wessen Version der Welt man zu fassen bekommt.

Auch der Focus berichtet: "Das Online-Lexikon Wikipedia stellt die Wahl Trumps zum US-Präsidenten als Katastrophe dar. Unter dem heutigen Tag wird in der Enzyklopädie unter anderem die Pogromnacht aufgeführt. Darunter wird nun auch die Wahl des neuen US-Präsidenten aufgeführt".

Aufgrund dieser Tendenzen und zahlreicher weiterer derartiger Berichte warnt die Union deutscher Verbraucher (UDV) vor einer Leichgläubigkeit bei Inhalten auf Wikipedia. Jeder Nutzer sollte Fakten gegenprüfen, etwa durch die Nutzung anderer Online-Nachschlagewerke oder die Nutzung der Funktion "Bücher" bzw. "Books" auf Google, wo man mit einem Klick Zugang zu einer erheblichen Fülle an Fach- und Sachliteratur bekommt - völlig gratis und ohne sich auf undurchschaubare Schreiberlinge im Dunkel des Internets verlassen zu müssen, über deren wahre Motive man nur spekulieren kann.