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Nach den Anschlägen: Ihr wollt das nicht lesen

19/11/2015 11:12 CET | Aktualisiert 19/11/2016 11:12 CET
dpa

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Ihr wollt das nicht lesen und es macht mir keine Freude, es zu schreiben. Niemand will es jetzt hören. Aber ich glaube, es muss gesagt werden.

Ich schließe mich der Welt an, die um die Toten in Paris trauert. Ich trauere noch immer um die Opfer vom 11. September - um die Australier, die 2002 bei Terroranschlägen auf Bali starben, um die Londoner, die bei den Anschlägen 2005 starben, um die französischen Bürger, die bei den Angriffen auf Charlie Hebdo im Januar dieses Jahres starben, um die Russen deren Flugzeug vor einer Woche über dem Sinai abstürzte.

Um die vielen nicht westlichen Toten, die von den Medien kaum bemerkt werden. Ich trauere auch um die, die bei kleineren Anschlägen getötet wurden, die schon in den Tiefen unseres Gedächtnis verschwunden sind.

Jetzt twittern wir also Hashtags und Sätze in unserem Schulfranzösisch und veröffentlichen Gifs bei Facebook. Wir wissen, was wir tun müssen. Wir haben es schon oft gemacht.

Aber wir müssen angesichts der kranken Wiederholung der immer gleichen Ereignisse feststellen: Der Terror ist trotz des mehr als 14 Jahre dauernden Kriegs so präsent wie eh und je. Vielleicht sogar präsenter. Es ist Zeit, zu überdenken, was wir getan haben und tun.

Seit jenem Tag 2001, jener mit dem furchtbar blauen Himmel in New York, haben wir die Welt ausspioniert. Wir haben Amerikaner in ihren Häusern ausspioniert und Menschen im Ausland. Trotzdem hat niemand etwas bemerkt, dass die Attacken in Paris verhindert hätte. Wir haben für dieses Spionieren viel geopfert und nichts zurück bekommen.

Seit 2001 haben die USA Länder wie Großbritannien, Frankreich, Australien und andere in Kriege im Irak, in Afghanistan, Lybien und Syrien verwickelt. Wir starteten Drohnenangriffe auf Menschen von den Philippinen bis nach Pakistan und bis in alle Teile von Afrika. Wir haben trotzdem so gut wie keine Erfolge vorzuweisen.

Seit 2001 haben die USA enorme Anstrengungen unternommen, um ein paar Männer zu töten - bin Laden, al-Zarqawi, al-Awlaki, und dieses Wochenende, Jihadi John. Andere, viele namenlose, wurden abseits der Öffentlichkeit umgebracht oder zu Tode gefoltert oder sie verrotten immer noch in der Strafkolonie Guantanamo oder in der dunklen Hölle des Salzlochs in Afghanistan.

Und es hat nichts geholfen. Dieses Wochenende in Paris, und der nächste Anschlag, der irgendwann irgendwo passieren wird, sind der Beweis.

Wir haben viele unserer Freiheiten aufgegeben, um Terroristen zu besiegen. Es hat nicht funktioniert. Wir haben die Leben von 4.000 amerikanischen Männern und Frauen im Irak geopfert, dazu Tausende weitere in Afghanistan, um die Terroristen zu besiegen und wir weigern uns, zu fragen, wofür sie gestorben sind.

Wir haben Zehntausende Menschen in diesen Ländern getötet. Es hat nicht funktioniert. Wir haben einen neuen Krieg im Irak begonnen und jetzt in Syrien, davor in Lybien und nur noch weitere gescheiterte Staaten und unregierte Räume erschaffen. Sie sind eine Zuflucht für Terroristen und der Terror spirtzt von dort wie nasse Farbe über die Grenzen.

Wir unterdrücken und demütigen unsere eigene muslimische Bevölkerung und wundern uns dann, dass sie sich radikalisieren. Und dann geben wir dem IS die Schuld daran, weil er Nachrichten über Twitter verbreitet.

Es ist eine Strategie des islamistischen Terrors, in Frankreich harte Maßnahmen zu provozieren, damit sich die französischen Muslime radikalisieren. Hunderte französischer Bürger sind schon nach Syrien gereist, um dort mit Gruppen wie dem IS zu kämpfen.

Als einer der klügsten Kommentatoren sagte der Autor Bill Johnson, dass es beim Terrorismus darum ginge, den Bauern zu töten, um dem König zu schaden. Bei den Anschlägen in Paris ging es nicht um den Mord an 150 unschuldigen Menschen. Verdammt, so viele sterben fast jeden Tag im Irak und in Syrien. Der wahre Test für Frankreich besteht darin, wie es auf lange Sicht auf den Terror reagiert.

Amerika ist bei diesem Test nach dem 11. September gescheitert. Trotzdem klingt es nicht, als hätte Frankreich daraus gelernt. "Wir werden einen Krieg führen, der gnadenlos ist", sagte der französische Präsident Hollande vor der Bataclan-Halle - dem Ort, an dem das meiste Blut vergossen wurde.

Wenn ich genau die richtige Strategie hätte, würde ich sie euch sagen. Und ich würde versuchen, es den Menschen in Washington und Paris und überall sonst sagen. Aber ich weiß nicht, was wir genau tun sollen und ich zweifle daran, dass sie überhaupt auf mich hören würden.

Aber ich weiß Folgendes: Hört auf mit dem, was wir in den vergangenen 14 Jahren gemacht haben. Es hat nicht funktioniert. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es jemals funktionieren wird. Hau-den-Maulwurf ist ein Spiel, kein Plan.

Lasst den Nahen Osten in Ruhe. Hört auf, noch mehr gescheiterte Staaten zu schaffen. Hört auf, unsere Freiheit für Lügen wegzuwerfen. Hört auf, die Muslime zu entrechten, die unter uns leben. Versteht den Krieg als das, was er ist: Er ist ein Krieg gegen Ideen - religöse, anti-westliche und anti-imperialistische Ideen. Und man kann eine Idee nicht mit Bomben bewerfen.

Westliche Soldaten im Nahen Osten zu stationieren und westliche Flugzeuge dorthin zu schicken, facht die Flammen nur weiter an. Vergeltung kann eine Idee nicht auslöschen.

Fangt mit diesen Dingen an und schaut, was passiert. Selbst wenn ihr nicht weitere 14 Jahre warten wollt, bis ihr Ergebnisse seht. Schaut, ob sich die Dinge nicht verbessern. Die Zahl der Todesopfer steigt immer weiter - ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch schlechter laufen könnte als jetzt.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich bei wemeantwell.com