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Geschlagene Männer sind die blinden Flecken unserer Gesellschaft

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An manchen Tagen überkommt mich diese unendliche Traurigkeit, die schnell umschlägt in Wut. Auf die Politik, auf die Gesellschaft, auch auf einige meiner Bekannten, die einfach nicht wahrhaben wollen, was sich hinter verschlossenen Türen in manchen Familien abspielt.

Dinge, die nicht in unser Klischee-Weltbild passen, wollen wir einfach nicht wahrhaben. Aber ich sehe sie fast jeden Tag.

Männer, die Angst vor ihren Frauen haben. Männer, die von ihren Frauen terrorisiert, geschlagen und mit dem Küchenmesser bedroht werden. Männer, die nicht mehr wissen, wohin mit ihrem kleinen Kind.

Selbst Bekannte wollen mir nicht glauben

Wenn ich Bekannten erzähle, was ich mache - dass ich als Berater mit Männern arbeite, die von ihren Partnerinnen schlecht behandelt oder sogar geschlagen werden - gibt es eigentlich nur zwei Reaktionen.

Entweder: Die Menschen verdrehen die Augen, nach dem Motto "Ja klar, die armen Männer". Oder sie sind ganz verwundert.

"Männerberatung? Das ist doch nur was für Schwule", haben mir schon welche gesagt. "Das kann ich mir gar nicht vorstellen, dass es Frauen gibt, die ihre Männer schlagen", sagen andere. "Das glaube ich aber nicht."

Und genau da liegt das Problem. Menschen verschließen die Augen vor einem Problem, das größer ist, als es die Gesellschaft wahrhaben will.

Mehr zum Thema: Männer sind öfter Opfer von häuslicher Gewalt, als gemeinhin bekannt ist

Geschlagene Männer sind blinde Flecken in unserer Gesellschaft, Tabus. Darüber spricht man nicht. Manchmal habe ich schon fast das Gefühl, dass es der Gesellschaft Angst macht, dass auch Frauen ihre Männer schlagen. Geschlagene Männer müssen sich fühlen wie Muslime im AfD-Milieu.

Politiker würden sagen "Das sind alles nur Einzelfälle" - aber das stimmt nicht. Genauso wenig wie das Vorurteil, dass Frauen nicht zur Gewalt neigen.

Vom Senat habe ich nur eine dumme Antwort bekommen

In mindestens 20 Prozent der Fälle von Beziehungsgewalt in Deutschland sind Frauen die Täterinnen. Also müsste es theoretisch auch mindestens 20 Prozent öffentlich finanzierte Männerhausplätze geben. Aber bis vor Kurzem gab es keinen einzigen.

In meiner Praxis berate ich seit Jahren Männer, die geschlagen werden, die ihr Zuhause am liebsten verlassen würden. Zumindest eine Zeit lang. Und ich dachte mir: Das darf doch nicht wahr sein, dass es keine Männerhauser für diese Menschen gibt.

Das wollte ich ändern. Im Jahr 2000 habe ich deshalb einen Antrag beim Berliner Senat eingereicht. Ich wollte Unterstützung bekommen, die Politik für mein Vorhaben gewinnen und auf das Thema aufmerksam machen.

Aber vom Senat habe ich nur eine dumme Antwort bekommen. Also haben sechs meiner Mitarbeiter und ich gesagt, wir stellen selbst was auf die Beine. Ehrenamtlich. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, mehr nicht. Aber es ist alles, was wir tun können. Und wir müssen etwas tun.

Die Männer wissen nicht mehr, wohin mit sich

Daraus entstanden ist das Berliner Männerhaus. Auch, wenn es das Wort "Haus" kaum verdient hat. In Wirklichkeit ist es nur eine Wohnung, die wir den Männern hier in Berlin bieten können. Ein möbliertes Zimmer, eine Dusche, eine Toilette. Es ist nicht viel, aber es ist besser als nichts.

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, wir würden unglaublich viele Anrufe bekommen. Es sind vielleicht drei in der Woche. Aber ich denke, dass wir mehr Anrufe bekommen würden, wenn wir bekannter wären. Die meisten betroffenen Männer werden gar nicht von uns wissen.

Die Menschen, die uns anrufen, sind nicht nur die Betroffenen selbst, sondern kommen von Krankenhäusern, der Polizei oder von Sozialarbeitern, die irgendwann mal zufällig von uns gehört haben.

Mehr zum Thema: Warum Männer Depressionen so oft verstecken

Manchmal werden geschlagene Männer in problematischen Milieus sogar mit dem Tode bedroht. Die verweisen wir immer sofort an die Polizei, da solche Fälle unser ehrenamtliches Hilfsangebot sprengen würden.

In den meisten Fällen handelt es sich um leichte oder mittelschwere Formen von Beziehungsgewalt. Wir sehen in der Regel keine Männer, die schwer misshandelt wurden. Wir lernen Männer kennen, die verängstigt sind, die nicht mehr wissen, wohin mit sich.

Uns fehlt oft auch die Kraft

Wie schlimm es bei ihnen Zuhause ist, wissen wir oft nicht wirklich. Wir sind auf das angewiesen, was die Männer uns sagen, können es nicht überprüfen. Zum einen fehlt uns dafür die Zeit, zum anderen sind wir auch keine Ermittlungsbehörde, deren Aufgabe das wäre, um abzuklären, ob eine Straftat vorliegt.

Wir hätten gerne mehr Zeit für die Männer, um ihnen eine umfassendere Unterstützung zu geben, doch dies ist auf ehrenamtlicher Basis nicht zu leisten. Wir geben unser Bestes. Wir sprechen so viel wie möglich mit ihnen, kümmern uns um sie.

Aber kein Mann kann länger als ein paar Tage, maximal eine oder zwei Wochen, bei uns bleiben. Keinen von ihnen können wir rund um die Uhr betreuen, so wie das in Frauenhäusern für Frauen in ähnlichen Situationen üblich ist. Dazu haben wir nicht die Mittel, weil der Berliner Senat sich hier seiner Verantwortung entzieht.

Und, das muss ich auch sagen: Wir haben auch nicht die Kraft.

Bis heute wird keine unserer Wohnungen gefördert

Denn diese Männer, die zu uns kommen, sind natürlich nicht unkompliziert. Es sind oft sehr schwierige Menschen, die mehr bräuchten, als die Hilfe, die wir ihnen in den wenigen Tagen, die sie bei uns sind, geben können.

Aber, wenn es niemanden interessiert, wenn wir keine finanzielle Unterstützung bekommen, ist das einfach nicht möglich.

Frauenhäuser bekommen viel Unterstützung. Die Senatsverwaltung fördert 633 Frauenhausplätze. Wir haben beim Berliner Senat schon vor Jahren einen Kostenantrag für nur acht Wohnungen eingereicht. Bis heute wird keine einzige gefördert.

Kein Politiker will der Männerversteher sein

Mein Gefühl ist: Viele Politiker gefallen sich in der Rolle des Frauenverstehers. Aber der Männerversteher will niemand sein.

Ich weiß, dass auch die Frauenbewegung noch nicht dort angekommen ist, wo sie sein möchte. Aber manchmal werde ich das Gefühl einfach nicht los: Ein Männerleben ist weniger wert als das einer Frau.

Es scheint einfach niemanden zu interessieren, das auch Männer Gewalt ausgesetzt sind. Und das ist es, was mich so unendlich wütend macht.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Amelie Graen

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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