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Sexuelle Gewalt: Was wir dabei nie vergessen dürfen

18/01/2016 14:10 CET | Aktualisiert 18/01/2017 11:12 CET
Nowhere via Getty Images

Die Diskussion über sexuelle Gewalt ist seit der skandalösen Silvesternacht in Köln gerade in den sozialen Netzwerken außerordentlich lebhaft. Neben den zu erwartenden Versuchen, diese Ereignisse für die jeweilige politische Gesinnung zu instrumentalisieren, gibt es mehr und mehr Stimmen, die darauf hinweisen, dass dieses Thema zum Einen nicht neu ist und zum Anderen in der öffentlichen Wahrnehmung schon immer zu kurz kommt.

Die intensive Diskussion über die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe dieser Übergriffe ist wichtig und unerlässlich. Wie so oft kommt aber ein Aspekt dabei zu kurz: Die Auswirkung sexueller Gewalt auf das individuelle Opfer.

Wir sind uns darüber einig, dass Missbrauchserfahrungen in Kindheit und Jugend besonders gravierende Folgen haben. Für die noch nicht gefestigte kindliche Psyche sind sexuelle Übergriffe eine traumatische Erfahrung, die zu schwer wiegenden Störungen führen kann.

In der Praxis sehen wir posttraumatische Belastungsstörungen, bei denen es noch Jahre und Jahrzehnte nach sexueller Gewalterfahrung zu Flashbacks (einschießende und äußerst lebhafte Erinnerungen) kommt. Depressionen, Angststörungen, selbstverletzendes Verhalten, Entwicklung schwerer Persönlichkeitsstörungen sind weitere Folgen.

Aber auch im Erwachsenenalter hat sexuelle Gewalt gravierende Auswirkungen auf die menschliche Seele. Dabei ist es unerheblich, ob das Opfer weiblich oder männlich ist.

Sexuelle Gewalt erniedrigt. Sie zerstört die Fähigkeit, vertrauen zu können. Sie erfüllt das Opfer mit Scham und Selbstzweifeln. Sie kann zu Selbsthass und Suizidalität führen.

Wer Opfer sexueller Übergriffe geworden ist, sollte sich in jedem Fall professionelle Hilfe suchen.

Warum hat gerade die sexuelle Gewalt solche katastrophalen Folgen?

Der Grund ist die Verletzung der Intimsphäre des Opfers. Das lateinische Wort intimus bedeutet dem Rand am fernsten, am weitesten innen. Die Intimsphäre des Menschen ist reserviert für die Intimität und somit ein weit über das somatische hinausgehender Bereich der Verletzlichkeit. Sie ist eine Zone, in der sich Körper und Seele so nahe sind wie nirgendwo sonst. Der Wächter über diesen sensiblen Ort ist der menschliche Wille. Er bestimmt, wer einem nahe kommen darf, mit wem man Intimität teilen will.

Bei allen Formen sexueller Gewalt wird der freie Wille des Opfers übergangen oder ausgeschaltet. Dabei muss es nicht zwingend zu schwer wiegenden körperlichen Übergriffen kommen. Sexuelle Gewalt beginnt weit vor der Vergewaltigung.

Das Eindringen in die Intimsphäre beschädigt die Selbstbestimmung ebenso wie die seelische Integrität. Es entreißt dem Opfer Kontrolle und Entscheidungsfreiheit. Sexuelle Gewalt wütet in einem Garten, in dem zarte Pflanzen wachsen: Sicherheit, Vertrauen, Liebe.

Sexuelle Gewalt ist bei aller politischer Diskussion vor allem eins: eine persönliche Katastrophe.

Peter Teuschel ist Autor des Buchs: Der Mann, der sich in die Zebrafrau verliebte

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