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Mit dieser einfachen Idee können wir Armut und Ausbeutung weltweit beenden

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Der größte und unmittelbarste Effekt zu einer Form globaler Marktwirtschaft, die das Zusatzprädikat »sozial« verdienen würde, kann durch eine global installierte Lohnuntergrenze erzielt werden. Wir schlagen hierfür eine Größenordnung vor, die einerseits die schlimmsten Formen ausbeuterischer Entlohnungen mit einem Schritt weltweit beseitigen würde und andererseits von der Weltökonomie nach unserer Überzeugung problemlos getragen werden könnte.

Unsere Forderung lautet: Einführung eines weltweit durchzusetzenden Mindestlohns von 1 Dollar pro Stunde als Untergrenze. Und: Einführung eines solchen globalen Mindestlohns als Menschenrecht. Um es klarzustellen: Diese Lohnuntergrenze von 1 Dollar ist netto, also zuzüglich der staatlich festgelegten Abgaben und Steuern, und sie darf nirgendwo unterschritten werden.

Eine global gültige Untergrenze ist ein absolutes Muss, wenn wir die »Sklaverei durch die Hintertür« nicht länger zulassen wollen und vor allem: wenn wir auch nur eines der globalen Probleme wirklich ernsthaft lösen möchten. Mindestlöhne sind keine Neuerfindung. Selbst in der Europäischen Union existieren inzwischen in nahezu allen Ländern Mindestlöhne, da es auch in dieser »Komfortzone« der Weltgesellschaft handfeste und offensichtlich zwingende Gründe dafür gibt.

Das Spektrum reicht hier - von Euro in US-Dollar umgerechnet - von etwa 1,20 Dollar in Bulgarien über 9,00 in Deutschland bis knapp 12,00 in Luxemburg. Selbstverständlich kann es nicht darum gehen, überall in der Welt einen gleich hohen Mindestlohn einzuführen. Die Mindestlöhne müssen in unterschiedlich wohlhabenden Ländern den unterschiedlichen Lebensbedingungen und -möglichkeiten angepasst sein.

Die Industrieländer haben dies bereits für sich entsprechend vollzogen. In Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen es einen Mindestlohn gibt, ist dieser jedoch so niedrig und so leicht umgehbar, dass eine global gültige und durchgesetzte Lohnuntergrenze überfällig ist. Die Lohnuntergrenze von 1 Dollar bedarf nach ihrer Einführung einer jährlichen Anpassung an die Entwicklung der relevanten Parameter, zum Beispiel das Weltwirtschaftswachstum.

Einführung von Stunden-Mindestlöhnen

Selbstverständlich muss dafür Sorge getragen werden, dass dieser Mindestlohn nicht umgangen werden kann. In vielen Ländern, selbst innerhalb der EU, sind die Richtlinien bezüglich des Mindestlohns allerdings so »weich« formuliert, dass die faktischen Minimallöhne durch Umgehungen wie unbezahlte Mehrarbeit teilweise gerade bei der Hälfte der offiziellen Mindestlöhne liegen.

Die massivste Umgehung von Mindestlöhnen findet überall dort statt, wo diese nicht auf »pro Stunde« geleisteter Arbeit bezogen sind. In Bangladesch wurde nach einer Katastrophenserie in Textilwerken Ende 2013 ein Mindestlohn von 50 Dollar eingeführt - pro Monat. Das entspräche einem Stundenlohn von etwa 30 Cent - wenn dem eine 40-Stunden-Woche zugrunde läge.

Tatsächlich arbeiten die Textilarbeiter wie auch die Arbeiter in vielen anderen Branchen in Entwicklungs- und Schwellenländern zwischen 50 und 100 Prozent mehr, also bis zum Doppelten der Wochenarbeitszeit, die wir in westlichen Ländern als normal ansehen. Dadurch reduziert sich der faktische Stundenlohn in Bangladesch auf 15 bis 20 Cent pro Stunde.

Wenn, in welchem Kontext und Land auch immer, von Mindestlöhnen gesprochen wird, sollte überall als Standard eingeführt werden, diesen grundsätzlich und ausschließlich auf Stunden-Mindestlöhne hin zu definieren. Erst damit würde man den wesentlichsten ausbeuterischen Versuchungen bei der Lohngestaltung und der Lohnhandhabung einen Riegel vorschieben.

Dies enthebt selbstverständlich nicht der Notwendigkeit von deren Kontrolle und von wirkungsvollen Sanktionierungsmechanismen bei Verstößen. Hierzu unterbreiten wir unsere Vorschläge im vorletzten Kapitel, »Made for Oneworld«. Das Konzept eines Mindestlohns ist nicht in allen Wirtschaftszweigen umsetzbar, insbesondere nicht im Bereich landwirtschaftlicher Rohstoffe wie Kaffee, Kakao oder Baumwolle.

Radikale Verbesserung der Lebenssituation

Aufgrund der Ernterhythmen mit sehr unterschiedlichen Arbeitsanforderungen je nach Jahreszeiten und anderer Spezifika ist hier ein Ansatz erforderlich, der bei den Preisen ansetzt. Für landwirtschaftliche Rohstoffe müssen Mindestpreise definiert werden, die so bemessen sind, dass sie dem globalen Mindeststundenlohn entsprechen. Damit wären auch diese Wirtschaftszweige in das Konzept eines wettbewerbsneutralen globalen Mindesteinkommens integriert.

Für die Textilarbeiterinnen und -arbeiter in Bangladesch wie für die über eine Milliarde Menschen weltweit, die unter ähnlich unwürdigen Lohnbedingungen arbeiten, würde ein tatsächlicher Mindestlohn von 1 Dollar pro Stunde beziehungsweise von entsprechenden Mindestpreisen eine doppelte radikale Verbesserung ihrer Lebenssituation bedeuten:

Da es sich für die Arbeitgeber nicht mehr lohnen würde, von ihren Angestellten faktische Arbeitszeiten von 70 bis 80 Stunden pro Woche zu fordern, denn sie müssten ja jede gearbeitete Stunde entlohnen, wäre der eine Effekt also: Sie würden sich eher dazu entscheiden, für ihre Mitarbeiter humane Arbeitszeiten einzuführen und die anfallende Arbeit durch mehr Mitarbeiter in mehr Schichten erledigen zu lassen.

Sie hätten dann ausgeschlafenere und motiviertere Mitarbeiter, und die Qualität der von diesen gefertigten Produkte würde sich verbessern. Volkswirtschaftlich kämen mehr Menschen in Lohn und Brot und hätten dadurch die Chance, von eigener Arbeit ihr Leben zu finanzieren. Mindestlohn wäre gerade in Entwicklungsländern ein Wundermittel auch zum Erreichen von Vollbeschäftigung.

Sobald Angestellte durch einen globalen Mindeststundenlohn human leben können bei humanen Arbeitszeiten, hat der Staat starke Motive, durch entsprechende ergänzende Regelsetzungen und »Anreize« gegenüber Unternehmen dafür Sorge zu tragen, dass möglichst viele Menschen in »Lohn und Brot« kommen und damit Steuerzahler werden und man sich insgesamt mehr in Richtung Vollbeschäftigung entwickelt.

Erhebliche Einkommenssteigerung

Der zweite Effekt wäre eine erhebliche Einkommenssteigerung. Zum Beispiel würde sich für die Angestellten in der Textilwirtschaft von Bangladesch das Monatseinkommen von 50 auf mindestens 160 Euro erhöhen. Es läge damit doppelt so hoch wie das durchschnittliche Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner in diesem Land. Die breite Masse der Ärmsten würde in Bangladesch und anderen heutigen Armutsländern in kürzester Zeit aus der Armut geholt.

Kinderarbeit wäre nicht mehr nötig, weil die Eltern genügend verdienen würden und ihre Kinder zur Schule schicken könnten. Sie könnten sich grundlegende Anschaffungen leisten, um ihre Lebenssituation spürbar zu verbessern. Sie könnten sich beispielsweise kleine Solaranlagen auf Kreditbasis von der Grameen Bank kaufen, um eine unabhängige und gesicherte Energieversorgung zu haben.

Viele weitere Beispiele dafür, worin Menschen mit einem Mindeststundenlohn von 1 Dollar vermutlich als Erstes investieren würden, werden im weiteren Verlauf dieses Buches angesprochen. Für die volkswirtschaftliche Situation der Entwicklungs- und Schwellenländer würden sich weitere, außerordentlich wichtige und wertvolle Effekte ergeben:

Der Lohndumping-Wettbewerb zwischen den konkurrierenden Armutsländern wäre nach unten deutlich gedeckelt. Ihre Position in der Weltwirtschaft würde sich, zumindest was die Ärmsten in ihrem Land betrifft, spürbar verbessern.

Das Wandern ganzer Industriezweige von armen Ländern, in denen sich die Löhne auch nur minimal erhöht haben, in solche mit noch ausbeuterischeren Lohnverhältnissen und noch »günstigeren« Produktionsbedingungen - so wie gegenwärtig die Verlagerung der Textilbranche von China, Indien, Vietnam und Bangladesch nach Äthiopien, Kenia und Uganda - würde, wenn nicht aufhören, so sich doch deutlich reduzieren.

Mehr Steuereinnahmen

Alle Entwicklungsländer könnten sich dann im globalen Wettbewerb mit anderen Ländern durch eine bessere Ausbildung ihrer »Mindestlöhner« und ähnliche Aspekte unterscheiden, die das Land insgesamt nach oben führen. Sie würden ferner in kürzester Zeit von vielen Nebeneffekten bitterster Armut befreit werden, weil die Mindestlöhne diese beseitigen. Außerdem würden sich die Lohnsteigerungen all jener Bürger, die bisher unter der neuen Mindestlohngrenze lagen, für die Regierungen als Steigerungen der Steuereinnahmen auswirken.

Mehr Steuereinnahmen bedeuten mehr Investitionsspielräume für den Infrastrukturausbau im eigenen Land und damit die Verbesserung der Rahmenbedingungen für die gedeihliche Entwicklung der Bürger. Aber wäre ein solcher radikaler Schritt zu einem globalen Mindeststundenlohn von 1 Dollar überhaupt wirtschaftlich vertretbar? Würde dies die Wirtschaft nicht völlig überfordern und in große Turbulenzen führen?

Die für viele Menschen sicher überraschende Antwort ist ein sehr klares und eindeutiges Nein. Es gibt eine Voraussetzung, eine Rahmenbedingung, unter der selbst sehr radikale und fundamentale Veränderungen sowie spürbare Mehrbelastungen der Wirtschaft kein Problem für die Unternehmen darstellen. Das Zauberwort für diese Rahmenbedingung von Konzepten und Maßnahmen lautet »Wettbewerbsneutralität«.

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Was dies konkret bedeutet, wie es umsetzbar ist und warum unter dieser Voraussetzung ausgerechnet die Wirtschaft ein sogar ganz besonders starkes Interesse an grundlegenden Verbesserungen der Lage der Armen in der Welt hat, wird im nächsten Kapitel ausführlich behandelt.

Sollten die Wirtschaft und ihre Lobbyisten Gegenargumente zur Einführung eines globalen Mindestlohns bringen, sollten sie diese sehr genau begründen und belegen, und andererseits sollten diese Gegenargumente einer äußerst kritischen fachlichen wie öffentlichen Prüfung unterzogen werden. Sollten, was eher nicht zu erwarten ist, wirklich triftige Gründe für eine stufenweise Hinführung zu der 1-Dollar-Marke gefunden werden, würde sich die Weltgemeinschaft dem nicht unbedingt verschließen.

Aber die Diskussion sollte keinesfalls besonders kompromissbereit geführt werden, denn es geht um nicht weniger als die Beseitigung einer monströsen Schande einer insgesamt unermesslich reich gewordenen Menschheit und um die Beseitigung eines gigantischen Ursachenpakets, das für viele weitere globale Probleme verantwortlich ist.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Die 1-Dollar Revolution"

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Verlag: Piper

ISBN: 978-3-492-05779-0

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