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Vergangenheitsbewältigung

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HITLER GERMANY
Handout . / Reuters
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Auszug aus den Akten über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, in die ich in US-amerikanischen Archiven Einblick genommen habe. Sie belegen in mehreren Fällen, wie gut beleumundete deutsche Bürger sich an der so genannten "Arisierung" in den Jahren 1938-1939 bereichert haben.

Von den Arisierungen, die in der Zeit vom 9.11.1938 bis 8.2.1939 vom Gauwirtschaftsberater Strobl dem Regierungspräsidenten zur Genehmigung vorgelegt worden sind, heben sich besonders 3 Fälle ab. Hierbei ist festzustellen, dass unter teilweiser formeller Befolgung des vorgeschriebenen Verfahrens Ziele verfolgt worden sind, die den angegangenen Behörden in ihrer Tragweite unbekannt gewesen sind.

Fall: Transformatorenfabrik Magnus.

Für die Entjudung der Firma Transformatoren- und Apparatefabrik Magnus, Nürnberg, Galgenhofstraße interessierte sich Oberführer König, der Adjutant des Gauleiters. Da König wegen seiner exponierten Stellung als Bewerber persönlich nicht auftreten wollte, wurde der Ratsherr Max Schneider als "Strohmann" vorgeschoben. Schneider und König waren intern dahin übereingekommen, dass außer ihnen noch Kreiswirtschaftsberater Lang (Direktor der Autounion Nürnberg) und Brigadeführer Wurzbacher an dem Erwerb beteiligt werden.

Eine nur vorübergehende Abwesenheit des Juden Magnus, des Inhabers des Betriebes, wurde ausgenutzt, um einen Abwesenheitspfleger einsetzen zu lassen. Der Kreisobmann der DAF, Emmert, richtete an das Amtsgericht Nürnberg im Schreiben vom 17.11.1938 die Bitte, über das Vermögen des Magnus einen gewissen Friedrich Eberlein als Abwesenheitspfleger einzusetzen, da nach Ermittlungen der DAF und des Polizeipräsidiums Nürnberg Magnus flüchtig sei.

Eberlein ist bei derselben Dienststelle beschäftigt wie Emmert. Diesen Antrag unterstützten die Rechtsanwälte Dr. Oehl und Wegler namens des Ratsherrn Max Schneider durch Schreiben vom 17.11.1938. Auf diesem Schreiben findet sich der Vermerk, dass Strobl als Präsident der Industrie-und Handelskammer und Gauwirtschaftsberater des Gaues Franken sich ihrem Antrag anschließt.

Am Vormittag des 17.11.1938 bestellte das Vormundschaftsgericht Erbelein als Abwesenheitspfleger über das Vermögen des Juden Magnus. In einer Besprechung der Richter der Vormundschaftsabteilung Nürnberg, die einige Tage nach dem 9.11.1938 stattgefunden hatte, war festgelegt worden, dass die Abwesenheitspflegschaft angeordnet werden solle, wenn der Jude in einem Konzentrationslager in Schutzhaft oder flüchtig ist. Der Antrag auf Anordnung der Abwesenheitspflegschaft sollte von der DAF Nürnberg gestellt werden.

Man war sich darüber einig, dass bei Prüfung der Frage, ob Abwesenheitspflegschaft angeordnet werden solle, bei Juden großzügig verfahren werden solle. Am 17.11. wurde Eberlein vom Vormundschaftsgericht zum Abwesenheitspfleger bestellt und zur gewissenhaften Amtsführung verpflichtet. Am frühen Nachmittag des gleichen Tages wurde der Pfleger Eberlein zum Büro des Rechtsanwalts Oehl bestellt. Er wurde dort aufgefordert, den Betrieb Magnus an den Ratsherrn Schneider zu verkaufen.

Das Ansinnen, Blankounterschrift zu geben, damit die Vertragsbestimmungen später festgelegt werden könnten, lehnte Eberlein ab. Es wurde nunmehr ein Kaufvertrag geschlossen, gemäß dem die Transformatorenwerke zu einem Kaufpreis von 5.000,- RM an Schneider übergehen sollten.

Eberlein fragte wegen der Angemessenheit dieses Kaufpreises bei dem Kreisobmann der DAF, Emmert, telefonisch nach. Ihm wurde angeblich die Richtigkeit der Höhe von Emmert bestätigt, was dieser jedoch bestreitet. Ohne den Betrieb auch nur gesehen zu haben und sich über den finanziellen Status des Unternehmens klar zu sein, unterschrieb Eberlein den Vertrag. Nachdem Eberlein die Fabrik am 17.11.1938 für 5.000,- RM. verkauft hatte, besichtigte er sie zum ersten Male am 18.11.1938.

Dort fiel ihm auf, dass allein Warenvorräte im Wert von etwa 20.000.- RM vorhanden waren. Er hielt es trotzdem nicht für nötig, hiervon das Vormundschaftsgericht zu verständigen oder von dem Vertrag zurückzutreten, sondern ließ am 21.11. die Übernahme der Fabrik durch Schneider zu. Er gibt zu, bereits am 18.11. mit Regressansprüchen gerechnet zu haben.

Der am 17.11. geschlossene Vertrag wurde noch am gleichen Tage dem Gauwirtschaftsberater zugeleitet. Dieser befürwortete als Gauwirtschaftsberater und Präsident der Industrie- und Handelskammer in dem üblichen Schreiben die Übernahme, obwohl er bei seiner Vernehmung ausdrücklich erklärt hat, dass es ihm am 17.11.1938 unmöglich gewesen war, die Verträge zu prüfen.

Der Hauptgeschäftsführer Dr. Hofmann unterschrieb wie üblich ohne jede Kenntnis des Sachverhalts das Schreiben der Industrie- und Handelskammer mit. Sämtliche Unterlagen wurden noch am Nachmittag des gleichen Tages von dem Ratsherrn Schneider der Regierung in Ansbach zur Genehmigung vorgelegt.

Der zuständige Dezernent war bereits vorher von Oberführer König telefonisch davon unterrichtet, dass der Vertrag umgehend genehmigt werden müsse. Die Genehmigung wurde noch am 17.11.38 verfügt und den Rechtsanwälten Oehl und Wegler und dem Pfleger Eberlein am 18.11.38 zugeleitet.

Der Kaufpreis von 5.000,- RM lag bei dem Übernehmer Schneider seit 21.11.38, dem Tag der Übernahme, zur Abholung bereit. Bei der erstmaligen Besichtigung des Werkes nach Vertragsabschluß bekam Schneider erhebliche Bedenken, ob er in der Lage sei, das Werk zu führen. Schneider ist gelernter Friseur, diente einige Jahre bei der Schutzpolizei; seit etwa 1927 ist er im Versicherungswesen tätig, jetzt arbeitet er für die Bayerische Witwen- und Waisenkasse.

Er setzte sich deshalb mit Oberführer König in Verbindung, der sich mit der Weiterveräußerung einverstanden erklärte. Am 29.11.38, also zwölf Tage nach dem Erwerb, verkaufte Schneider den Betrieb an den Ingenieur Metz, der Fachmann ist, zum Preis von 11.000,- RM. Der Vertrag wurde im Büro der Rechtsanwälte Dr. Oehl und Dr. Wegler geschlossen.

Schneider verlangte ursprünglich einen Betrag von 30.000,- RM. Auf Anregung von Rechtsanwalt Oehl wurde ein sogenannter Beratungsvertrag geschlossen. Hierdurch sollte der Unterschied zwischen dem Übernahmevertrag Eberlein / Schneider von 5.000,- RM und dem Kaufpreis Schneider / Metz verschleiert werden. Der Beratungsvertrag wurde auf drei Jahre geschlossen und sollte Schneider jährlich 5.000,- RM erbringen.

Tatsächlich war der Jude Magnus nicht flüchtig. Er war nur für einige Tage verreist, um freiwillig seinen Betrieb zu arisieren. Außerdem war sein Sohn (Mischling) als Bevollmächtigter in Nürnberg verblieben.

Gemäß der internen Vereinbarung übergab Schneider nach Abschluß des Vertrages mit Metz dem Kreiswirtschaftsberater Lang einen Scheck mit dem Betrag von 3.750,- RM. Diese Summe sollte zwischen Lang, Wurzbacher und König aufgeteilt werden. Lang hatte Bedenken, den Scheck einzulösen, und gab ihn nach Rücksprache mit König an Schneider zurück. Die Abwesenheitspflegschaft wurde am 19.12.38 aufgehoben, da dem Vormundschaftsgericht bekannt wurde, dass Magnus wieder in Nürnberg war.

Fall: Dampfwattefabrik Stern.

Für die Firma Dampfwattefabrik M. Stern u. Co., Nürnberg, Hochstraße 6, interessierte sich ebenfalls der erst erwähnte Adjutant des Gauleiters, Oberführer König. Für den jüdischen Inhaber trat als Bevollmächtigter auf Grund der unwiderruflichen Vollmacht vom 12.11.38 der Betriebsobmann Neubauer auf. Er schloß im Büro der Rechtsanwälte Oehl und Wegler am 17.11.38 einen Übernahmevertrag mit dem bekannten Ratsherrn Schneider. Als Kaufpreis wurde ein Betrag von 40.000,- RM vereinbart.

Der Verkäufer gewährte für soziale Aufwendungen im Vertrag einen Nachlass von 10.000,- RM Die Außenstände haben allein 28.756,- RM betragen, so dass tatsächlich der Kaufpreis für die übrigen Aktiven 1.244,- RM betrug. Wie bei der Entjudung der Firma Transformatoren- und Apparatefabrik Magnus befürwortete der Gauwirtschaftsberater und Präsident der Industrie- und Handelskammer Strobl die Verträge, ohne sie geprüft zu haben. Die Regierung in Ansbach verfügte ebenfalls am 17.11.38 die Genehmigung.

Der Übernehmer Schneider hatte, wie im Falle Magnus, das Unternehmen vor Kaufabschluss überhaupt nicht gesehen. Es war ihm auch bei Vertragsabschluß nicht bekannt, wer das Inventar und das Warenlager geschätzt hatte. Schneider handelte, wie im Falle Magnus, als Strohmann für den Stabsleiter König; außer ihnen sollten Kreiswirtschaftsberater Lang und Brigadeführer Wurzbacher beteiligt werden.

Am 3. Dezember 1938 verkaufte Schneider im Einvernehmen mit Oberführer König die Nürnberger Dampfwattefabrik an den Ingenieur Eberle in München. Eberle übernahm die Dampfwattefabrik zu denselben Bedingungen wie Schneider. Schneider verkaufte das Unternehmen an Eberle nur unter der Bedingung, dass gleichzeitig ein Beratungsvertrag auf drei Jahre abgeschlossen wird, der eine jährliche Vergütung von 10.000,- RM an Schneider vorsieht. Dieser Vertrag wurde ebenfalls geschlossen.

Schriftliche Vereinbarungen zwischen König, Wurzbacher, Lang und Schneider liegen nicht vor.

Fall: Lederwerke Cromwell AG

Die Lederwerke Cromwell AG in Nürnberg besitzen ein Aktienkapital von 1.000.000,- RM. Gemäß Vertrag vom 3.11.38 übernahmen Dr. Pfähler und Paul Harnischmacher das Unternehmen zum Preis von 1,5 Millionen RM. Der Gauwirtschaftsberater und Präsident der Industrie- und Handelskammer, Strobl, befürwortete mit Schreiben vom 17. November 1938 den Vertrag. Am selben Tage erteilte die Regierung in Ansbach die Genehmigung. Der Übernahmepreis von 1,5 Millionen ist bei dem Gewinn von 852.000,- RM im Jahre 1937 ungerechtfertigt niedrig.

Eine Prüfung seitens des Gauwirtschaftsberaters und der Regierung in Ansbach nach sachlichen Gesichtspunkten kann im Hinblick hierauf nicht vorgenommen worden sein. Die Zahlung eines Kaufpreisteils von 174.360,- RM (ursprünglich sogar von 344.360,- RM) ist rechtswidrig von der Kreisleitung Nürnberg zu ihren Gunsten verlangt worden. Der Betrag liegt noch jetzt bei der Städt. Sparkasse. Weitere 9.306,- RM mussten auf Verlangen der DAF auf das Konto ,,Arisierung Industrie'' Nr 7111 gezahlt werden. Darüber hinaus mussten die Erwerber eine Spende in Höhe von 22.500,- RM an den Gauwirtschaftsberater abführen.

Etwa Mitte Juni des vorigen Jahres fragte Wirtschaftsberater Dr. König, ob Schneider Interesse an der Übernahme einiger jüdischer Hopfenfirmen habe. Im Verlauf längerer Verhandlungen, die sich vom Juni bis zum November 1938 hinzogen, wurden die jüdischen Hopfenfirmen: Moritz Rosenheim, Siegmund Neuburger u. Co., Philipp Tuchmann, Fritz Hirschmann, Erlanger u. Co., Hopf u. Söhne, Gebr. Hesselberger, S. Krackenberger und die Fa. Fleischmann u. Weilheimer in Form einer Kommanditgesellschaft unter dem Namen "Riedl, Ludwig u. Co." arisiert.

Der Organisationsdirektor Schneider ist an dieser Gesellschaft zu 51% mit einem Kapital von 37.500,- RM beteiligt. Als sich bei der Übernahme der Firma Fleischmann u. Weilheimer Schwierigkeiten bemerkbar machten, will Schneider den Eindruck gehabt haben, als versuche der Stabsleiter König, diese Arisierung zu hintertreiben. Er setzte sich daraufhin mit König in Verbindung, um die Angelegenheit mit ihm zu besprechen. Dabei hat König aber in Abrede gestellt, sich in irgendeiner Form gegen die Arisierung dieses Unternehmens gestellt zu haben. Er versprach aber, sich dafür einzusetzen, dass die Handelskammer die erforderliche Genehmigung erteilen würde.

Nach Aussagen des Organisationsdirektors Schneider eröffnete ihm der Stabsleiter König bei dieser Gelegenheit, er beabsichtige, für sich, den SA Brigadeführer Wurzbacher, den Direktor Lang von der Auto Union einen Rückhalt für die Zukunft zu schaffen. Er wollte daher eine oder mehrere jüdische Firmen arisieren und er, Schneider, solle für die geplante Interessengemeinschaft seinen Namen hergeben.

König wollte nämlich vermeiden, wegen seiner politischen Stellung nach außen hin in Erscheinung zu treten. Wenige Tage nach dem 10. November 1938 fand zwischen dem SA Oberführer König, Direktor Schneider, SA Brigadeführer Wurzbacher, Lang und Rechtsanwalt Dr. Oehl eine Besprechung im Hotel Viktoria statt. Bei dieser Gelegenheit erklärte König, dass er das jüdische Unternehmen "Transformatoren- und Apparatebau Magnus" für sich erwerben wolle.

Es wurde auch davon gesprochen, dass Ratsherr Schneider diese Firma als "Strohmann" für König zu kaufen hatte und dass das Unternehmen später in Form einer Kommanditgesellschaft, an der König, Wurzbacher Lang und Schneider je zu einem Viertel beteiligt sein sollten, übernommen würde. Stadtrat Schneider kaufte dann für König, Lang und Wurzbacher die jüdische Firma Magnus; ferner die Dampfwattefabrik Stern und verkaufte diese Firmen mit erheblichem Gewinn, wobei der Gewinn am Verkauf durch Wirtschaftsbeiratsverträge getarnt wurde.

In einem Falle wurden jährlich 5.000,- und in einem anderen jährlich 10.000,- RM für wirtschaftliche Beratungen Schneiders, die mit König, Wurzbacher und Lang geteilt werden sollten, vereinbart.

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