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Übersetzer und Sprache im Wandel der Zeit

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Übersetzer sind eine ungeschützte und oft gering geachtete Spezies. Manchmal zu Recht, was natürlich besonders in öffentlichkeitswirksamen Bereichen, wie der Übersetzung von Werken der Weltliteratur, nicht gerade zur Hebung des berufsständischen Image beiträgt und umso betrüblicher ist.

Ich möchte die Aufmerksamkeit auf ein herausragendes Beispiel für übersetzerische Missgriffe in der literarischen Welt lenken, auf das ich bei der Lektüre einer Neuausgabe der phantastischen Geschichten von Edgar A. Poe unter dem Titel "Die Maske des roten Todes", herausgegeben durch einen renommierten Schweizer Verlag, gestoßen bin und deren Übersetzung man getrost als Katastrophe bezeichnen kann, selbst eingedenk der Tatsache, dass jeder Übersetzer in der Sprache seiner Zeit gefangen ist. Die Übersetzung erschien mir so katastrophal, dass ich mich veranlasst sah, den Vertrag durch einige Beispiele, die ich der Erzählung "Das Manuskript in der Flasche" entnommen hatte, darauf hinzuweisen:

1. Das Schiff war mit dieser leichten Last fest gefüllt... = Das Schiff war mit dieser leichten Last fast gefüllt...

2. ...daß unser Schiff fünfzehn Faden lief... = daß unser Schiff fünfzehn Knoten lief... ["Faden" ist eine Maßeinheit der Länge und wird als nautische Tiefenangabe benutzt]

3. Eine auf dem Hinterdeck... = Eine auf dem Achterdeck... ["Achterdeck" wäre seemännisch korrekter]

4. Da aber der Kapitän sagte, er sehe keine Anzeichen einer drohenden Gefahr, und da wir quer zum Ufer standen... = Da aber der Kapitän sagte, er sehe keine Anzeichen einer drohenden Gefahr, und da wir querab zum Ufer standen...

5. ...so ließ er die Segel auftuchen... = ...so ließ er die Segel auffieren...

6. Trotzdem es vom Wasser überschwemmt worden war... = Obwohl es vom Wasser überschwemmt worden war...

7. ...zwischen dem Hintersteven und dem Steuer... = zwischen dem Achtersteven und dem Steuer...

8. ...so über alles Denken schrecklich war der Wirbel sich türmender schäumender Wasser... [hier müsste man für eine bessere Übersetzung den englischen Originaltext kennen - ohne ihn zu kennen, würde ich vorschlagen: ...so über alle Maßen schrecklich...

9. Nach einiger Zeit vernahm ich die Stimme eines alten Schweden, der sich kurz bevor wir den Hafen verließen, als Matrose bei uns verdingt hatte. Mit aller Kraft rief ich ihn an, und sogleich taumelte er zu mir... = Nach einiger Zeit vernahm ich die Stimme eines alten Schweden, der sich kurz bevor wir den Hafen verließen, als Matrose bei uns verdingt hatte. Mit aller Kraft rief ich ihn an, und sogleich taumelte er zu mir... [vielleicht statt "mit aller Kraft rief ich ihn an" = "So laut ich konnte, machte ich mich bemerkbar..."]

10. Alle an Deck mit Ausnahme von uns beiden waren über Bord gefegt worden; der Kapitän und die Maate mußten im Schlaf umgekommen sein, denn die Kajüten waren ganz unter Wasser gesetzt worden. = Alle an Deck mit Ausnahme von uns beiden waren über Bord gefegt worden; der Kapitän und die Maate mußten im Schlaf umgekommen sein, [Vorschlag von mir] denn die Kajüten waren vollständig überflutet.

11. Wir trieben mit furchtbarer Schnelligkeit dahin, und die Wasser machten alles um uns her zu Splittern [der gesamte Satz ist nicht gerade das "Gelbe vom Ei", aber mindestens "die Wasser" würde ich in "das Wasser" ändern.

12. Fünf volle Tage und Nächte - während deren unser einziger Unterhalt aus einer geringen Menge Zucker bestand... = Fünf volle Tage und Nächte - während denen unsere einzige Verpflegung aus einer geringen Menge Zucker bestand...

13. ...als irgendein Sturm, den ich vordem erlebte... = ...als irgendein Sturm, den ich jemals erlebte... [außerdem müsste hier die Zeitform des Plusquamperfekt angewendet werden, also "jemals erlebt hatte".

14. Am fünften Tage wurde die Kälte unerträglich, trotzdem der Wind ein wenig mehr aus Norden kam. = Am fünften Tage wurde die Kälte unerträglich, obwohl der Wind ein wenig mehr aus Norden kam. [außerdem sei hier der logische Einwand erlaubt, daß man Nordwind normalerweise nicht mit Wärme assoziiert]

15. ...als liefen alle ihre Strahlen in einen Punkt zusammen. = ...als liefen alle ihre Strahlen in einem Punkt zusammen. [halte ich für korrekter].

16. Ich wandte den Blick nach oben und sah ein Schauspiel, das mir das Blut in den Adern erstarren machte. = Ich wandte den Blick nach oben und sah ein Schauspiel, das mir das Blut in den Adern erstarren ließ.

17. Als wir es zuerst entdeckten, sah man nur den Zug, der langsam aus irgendeinem fürchterlichen Abgrund auftauchte. = Als wir es zuerst entdeckten, sah man nur den Zug [das Schiff? - "Zug" macht jedenfalls keinen Sinn], der [das] langsam aus irgendeinem fürchterlichen Abgrund auftauchte.

18. Unser eigenes Schiff hatte mittlerweile den Kampf aufgegeben und versank mit seinem Vorderteil ins Meer... = Unser eigenes Schiff hatte mittlerweile den Kampf aufgegeben und versank mit seinem Bug im Meer...

19. Als ich niederfiel, stand das Schiff in dem Wind und wendete... = Als ich niederfiel, lag das Schiff am Wind und wendete...

20. ...daß ein kleiner freier Raum zwischen den ungeheuren Schiffsrippen für mich entstand. = ...daß ein kleiner freier Raum zwischen den ungeheuren Schiffsspanten für mich entstand.

21. ...als nahende Schritte mich zwangen, in meinen Winkel zu kriechen. = ...als nahende Schritte mich zwangen, in einen Winkel zu kriechen.

22. Wieder hat sich etwas ereignet, meinen Grübeleien neue Nahrung zu geben. = Wieder hat sich etwas ereignet, um meinen Grübeleien neue Nahrung zu geben.

23. Ich habe die Schiffsrippen untersucht. = habe die Schiffsspanten untersucht.

24. ...Hissen eines Leesegels... [da von einem furchtbaren Sturm die Rede ist, das Schiff wird vom "Winde umhergeworfen", kann es sich eigentlich nicht um ein Leesegel handeln, das bei leichtem, raumen Wind auf Rahseglern gefahren wird.]

25. ...schien seine Stimme wie aus Meilenferne zu mir herzudringen. = ...schien seine Stimme wie aus Meilenferne zu mir zu dringen.

26. ...wie ich es nie zuvor empfand, trotzdem ich mich mein Leben lang... = ...wie ich es nie zuvor empfand, obwohl ich mich mein Leben lang...

Daraufhin erhielt ich einen freundlichen Brief von einer Lektorin des Verlags, in dem sie Fehler zugab, aber die Übersetzung insgesamt mit dem Hinweis verteidigte, dass es Leser gebe, denen die zum Teil altertümelnde Sprache gefalle. Auf die in vielen Fällen unfachmännische Ausdrucksweise ging sie mit keinem Wort ein.

Auf das gleiche Problem stieß ich bei einer Neuausgabe der gesammelten Werke "Sherlock Holmes" von Arthur Conan Doyle durch den Anaconda Verlag. Auf meine Mail an den Verlag, in der ich meine Kritik äußerte, erhielt ich praktisch die gleiche Antwort (Rechtfertigung), wie ich sie vorher schon in Bezug auf die Neuausgabe der phantastischen Geschichten von Edgar A. Poe von dem Schweizer Verlag erhalten hatte.

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