BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Peter Schönau Headshot

Das Paradies (Essay zum Thema Mystik)

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Niemand hat die Existenz von Dämonen bisher beweisen können, trotzdem haben sie seit Jahrtausenden im Gedächtnis der Menschen ihren festen Platz. Was umso erstaunlicher ist, wären sie tatsächlich nur Fantasiegebilde. Aber wer an Dämonen glaubt, glaubt auch an das Inferno und damit zwangsläufig an das Paradies.

Das Paradies liegt zwischen Euphrat und Tigris, zwischen dem Golf von Akaba und dem Roten Meer, dem Ursprung unserer modernen Zivilisation, und dem Hijaz, wo die letzte Weltreligion ihre Wiege hat, die Judaismus und Christentum in sich aufnahm. Deswegen haben viele Geschichten, die sich um das Paradies ranken, dort ihren Ursprung. Was nicht ausschließt, dass dies alles ein großer Irrtum ist und das Paradies gar nicht oder an einem ganz anderen Ort existiert.

Aber man kann es sich dort vorstellen, im Land von tausend und einer Nacht, wo der Kalif am Tische Salomos sitzt, der mit Perlen und Rubinen eingelegt ist und beinahe soviel Füße wie ein Jahr Tage hat, nämlich dreihundertsechzig, und Recht in alle vier Winde spricht, von Tellern aus Gold isst und auf Teppichen geht, deren Grund aus Gold ist, die Wege aus Silber und Wiesen durch Smaragde dargestellt werden, Flüsse Kaskaden von Perlen sind, Bäume, Blumen und Früchte durch Diamanten, Rubine und andere Edelsteine gebildet werden, tausend nach Ebenmaß ausgesuchte Perlen auf das hochzeitende Prinzenpaar herabregnen, das auf einem mit Edelsteinen eingelegten Teppich aus Gold sitzt, eingeschläfert vom Duft der Amberkerzen.
Wo im Sommer ständig und mit nahezu gleich bleibender Stärke der Shamal weht, die Luft trocken ist, keine Wolken den Himmel trüben und die Sonne die Ebene ausdörrt, sich auf die Dattelpalmen in den Flussniederungen der Staub legt, den der Shamal aufwirbelt und in Wolken vor sich hertreibt. Selbst wenn dieser Vorgang nicht ewig ist, so hat er sich mindestens in den letzten fünftausend Jahren nicht verändert und somit etwas Anspruch auf Ewigkeit. Denn gemessen an der Ewigkeit sind fünftausend Jahre wenig, doch gemessen an dem ständigen Wechsel, der in der bewohnten Welt herrscht, ist es eine kleine Ewigkeit.

Wo Damaskus sich befindet, die älteste Stadt der Welt, errichtet in einer großen Ebene, die von Flüssen bewässert wird, die ihren Weg von den umgrenzenden Gebirgszügen ins Flachland suchen. Seine Mauern sind fast sieben Meter hoch und fünf Meter stark. Die Tore krönen Türme, die sich über die ganze Mauer verteilen. Durch das Osttor hat schon der Apostel Paulus die Stadt betreten.

Wo zwischen Damaskus und dem Tigris grünes, von Blumen bunt gesprenkeltes und von Vögeln besungenes Weideland liegt, östlich des Jordan sich Land mit blühenden Weizen- und Gerstefeldern erstreckt und sich dazwischen mit schattenspendenden Eichen, Olivenbäumen und Sykomoren bestandene Lichtungen, Dickichte aus Myrte und Oleander befinden.
Zwischen dem Paradies und dem Reich der Sterblichen liegt der Nefud, ein Sandmeer mit hohen Dünen, das bisher noch kein Sterblicher überwunden hat, und der Fluss des Vergessens aus flüssigem Gold. Und wem es tatsächlich gelingt, die Dünen, Durst, Hitze und Kälte zu überwinden, dem wird der Sandsturm zum Verhängnis, der ohne Unterlass über dem Nefud tobt, oder er ertrinkt im Fluss des Vergessens. Wer den Fluss erreicht, auf den warten schlanke Nubier, tanzend im Papyrusdickicht, die einander so ähnlich sehen wie Zwillinge. Sie sind schwarz wie die Nacht und bilden eine lange Kette. Sie halten sich an den Händen, und erst wenn die Toten die Barke betreten, die sie über den Fluss trägt, lösen sie sich voneinander. Die Ruderer rudern wie Maschinen, und der Steuermann hat Augen aus blaugrünem Lapislazuli, die die Finsternis durchdringen und Löcher in das flüssige Gold brennen.

Vor dem Paradies halten die apokalyptischen Reiter Wache, die jedem den Eintritt verwehren, der sein persönliches Losungswort nicht aufsagen kann wie eine Sure des Korans, dann lösen sie sich in Nichts auf, und das Paradies öffnet sich in seiner ganzen Schönheit und Vollkommenheit.

Im Paradies schwimmen Fische aus Diamanten in flüssigem Gold; der Himmel ist ein riesiger Saphir, die Erde eine Kugel aus schwarzem Onyx; ihre Bewohner, jeder für sich, besetzen ein Stück des Himmels und gehen mit einem Netz auf die Jagd nach den diamantenen Fischen und legen Kanäle an, um das flüssige Gold abzuleiten.

Der Weg ins Paradies war einst im Totenbuch vorgezeichnet, er führt über das Jenseitsgericht. Unter dieser Bezeichnung kannten schon die alten Ägypter das Jüngste Gericht. Beim göttlichen Gericht nach dem Tode wird die Wahrheit durch Abwiegen des Herzens ermittelt. Im Mittelpunkt des Jenseitsgerichts, dem mehrere Gottheiten sowie zweiundvierzig Richter vorsitzen, steht die Waage, auf der das Herz (das Gewissen) des Verstorbenen gegen eine Feder als Symbol der Gerechtigkeit abgewogen und so festgestellt wird, ob das "negative" Sündenbekenntnis des Toten der Wahrheit entspricht. Ist das Herz schwerer als die Feder, wird der Verstorbene von einem Ungeheuer verschlungen, im anderen Fall ist er gerettet und "Ka" steht ihm zu Diensten, die Lebenskraft, die auch nach dem Tode für die Erhaltung und die Ernährung des Körpers sorgt.

Das Totenbuch ist nur noch bruchstückhaft erhalten. Deshalb ist der Weg, der ins Paradies führt, verworren, undurchsichtig und rätselhaft. Er ist wie ein Mosaik, von dem viele Steine fehlen, oder wie ein Wandteppich, von dem die Motten Besitz ergriffen haben. Man sieht nur einzelne Elemente, zwischen denen eine Verbindung herzustellen unmöglich ist. Aber liegt nicht in der Erhaltung des Mysteriums die Anziehungskraft des Paradieses, und begründet dieses nicht seine andauernde Faszination?

Das Paradies ist das berühmte Land, wo Milch und Honig fließen...
Das Paradies ist der große Zirkus, wo Gaukler die Toten zum Lachen bringen...
Auf allen Straßen des Paradieses verkünden Boten ohne Unterbrechung die Gräuel, die sich sekündlich auf der Erde ereignen, um die Freude am Paradies zu erhöhen.
Das Paradies ist das Nirwana der ewig Glücklichen...
Das Paradies ist weder Vergangenheit, Gegenwart noch Zukunft, sondern ein Ort des Vergessens, wo die Zeit nicht existiert...
Auch Kamele, Maulesel, Pferde und Elefanten leben ewig im Paradies, und es gibt weder Herren noch Knechte; sie sind den Menschen nicht untertan...
Das Paradies ist der Kelch, der sich nie leert, den niemand bis zur Neige trinkt...
Das Paradies ist der Duft eines Parfüms, der sich nie verliert, die Fata Morgana einer schönen Königin...
Das Paradies ist ein Haus, das nur aus Türen und Fenstern besteht, die den Weg und den Blick auf smaragdene Wiesen und Bäume mit goldenem Stamm und silbernen Blättern freigeben...
Das Paradies ist das Ende aller Wünsche, der Ort, wo alles in Erfüllung geht...
Das Paradies kennt weder Schuld noch Unschuld, weder Recht noch Unrecht, weder Glück noch Unglück, weder Tugend noch Sünde, es ist der Ort, der alle gleich macht...
Das Paradies ist ein Ort des Entzückens, der weder Ungeduld noch Langeweile, weder Neid noch Gier, weder Eifersucht noch Missgunst kennt...
Das Paradies ist der tägliche Alptraum des Teufels...
Das Paradies ist die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis, die immer nach mehr schmeckt...
Der Glaube an das Paradies ist eines der wenigen Bekenntnisse, die nichts kosten und sich als segensreicher erwiesen haben als die vielen Bekenntnisse, die die Irdischen Schweiß, Blut und Tränen gekostet haben.
Das Paradies ist das Labyrinth der Körperlosen, das weder Ausgang noch Eingang hat...
Wer ins Paradies eingeht, gibt seinen Körper an der Garderobe ab, im Paradies zählt nur noch die Seele...
Das Paradies ist das Inferno der gefallenen Engel, denn alles Paradiesische ist ihnen ein Gräuel...
Das Paradies schließt seine Pforten nie, es ist gleichermaßen ein Obdachlosenasyl für die, die wissen, was sie tun, und die, die nicht wissen, was sie tun...
Das Paradies ist der Schlussstein der Offenbarung, die Mauerkrone der Burg des Lichtes, von deren Zinnen der Muezzin das Lob des einen Gottes singt...
Das Paradies ist der Ort, wo alles erlaubt und nichts verboten ist, keine Tabus gelten und niemand aus Scham errötet oder aus Angst erbleicht...
Das Paradies kennt keine Krankheit, niemand wird alt, seine Bewohner bleiben auf ewig jung. Sie lieben sich, ohne dass Kinder geboren werden, und essen und trinken, wann immer sie die Lust dazu überkommt. Sie kennen weder Reue noch ein schlechtes Gewissen...
Das Paradies existiert wirklich, denn sonst würden nicht so viele Menschen daran glauben, und selbst wenn es nur in ihrer Einbildung existierte, beweist dies nicht, dass es nicht existieren könnte...
Das Paradies ist ein Selbstzweck, es dient nur sich selbst. Und ist nicht jeder gute Zweck ein Selbstzweck...
Das Paradies ist der Fluch der Ungläubigen, denn die, die nicht an das Paradies glauben, sind verblendet und wissen nicht, welche Vorteile ihnen der Glaube an das Paradies bringen würde...
Das Paradies ist der Kern des Alls, alles andere ist seine Hülle...
Das Paradies ist ein Ort der immerwährenden Freude, die weder Leid noch Unglück trübt. Die Tragödien finden nur unter den Sterblichen mit ihrem Hang zur Selbstzerstörung statt...
Das Paradies ist wie eine Kugel, es gibt kein Oben oder Unten, alles schwebt schwerelos im luftleeren Raum, hier sind alle Gesetze aufgehoben...
Das Paradies ist das Nadelöhr des Kamels, das jedem Durchlass bietet, der da sagt: ich glaube...
Das Paradies ist das größte aller Wunder, es stellt alle Wunder auf der Erde in den Schatten, denn diese sind endlich...
Das Paradies ist ein Ort der Gewissenlosigkeit, denn das Gewissen steht der Freude entgegen; nur wer kein Gewissen hat, kann ohne Selbstkasteiung genießen...
Das Paradies ist ein Zauberspiegel, der die Wirklichkeit in einen Traum verwandelt und den Traum zur Wirklichkeit macht, denn nur im Traum sind wir in der Lage so zu leben wie im Paradies, nur im Traum fallen alle materiellen und geistigen Fesseln von uns ab...
Das Paradies ist der Anfang und das Ende, in ihm herrschen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, und keiner dünkt sich dem anderen überlegen oder leidet darunter, weniger wert zu sein als der andere...
Das Paradies ist die Glocke und die Erde der schimmelnde und stinkende Käse darunter...
Im Paradies steht die Zeit still, natürlich steht sie nicht wirklich still, aber es existiert keine Erinnerung, und es gibt keine Zeit ohne Erinnerung...
Der Shamal weht auch im Paradies, er sorgt für ein immer gleichbleibendes angenehmes Klima. Wie ein Hauch von Seide liebkost er die Gesichter und lädt zur Muße ein, über die die Unsterblichen mehr als alles andere verfügen...
Im Paradies wirft das Licht keinen Schatten, und Geld spielt keine Rolle; es gibt alles im Überfluss, deswegen neidet niemand dem anderen etwas, jeder nimmt sich, was ihm gefällt, denn es gibt keinen Mangel...
Im Paradies leidet niemand, das Paradies ist ein Ort immerwährender Heiterkeit und Gelassenheit, wie ein wolkenloser Himmel oder die spiegelglatte Meeresoberfläche. Das Paradies ist wie eine Waage, deren zwei Schalen sich im ewigen Gleichgewicht befinden...
Das Paradies ist das linke und das rechte Land, das Land davor und das Land dahinter, Norden, Süden, Westen und Osten, das Reich, in dem die Sonne nicht auf- und nicht untergeht...
Das Paradies ist Genuss ohne Reue, Freude ohne Trauer, Glück ohne Leid, Vergehen ohne Sühne, Rechtschaffenheit ohne Heuchelei...
Im Paradies gibt es keinen Überlebenskampf, niemand muss sich dem anderen gegenüber behaupten, niemand muss seine Stärke beweisen, niemand sich seiner Schwäche schämen...
Im Paradies werden nur Tränen der Freude geweint. Wie Perlen einer Schnur düngen sie als winzige Saphire den Boden, auf den sie fallen, und bringen die schönsten Blüten hervor...
Im Paradies lässt der Mensch den Menschen hinter sich, zurück bleiben auf der Erde seine sterbliche Hülle und alle Namen, die man ihm gegeben hat. Im Paradies gibt es weder Über- noch Untermenschen, Gläubige oder Ungläubige, Erfolgreiche oder Versager, Sieger oder Besiegte, Gewinner oder Verlierer. Im Paradies überlebt nur die Seele...
Nur im Paradies gibt es die klassenlose Gesellschaft, sind alle Unterschiede aufgehoben, ist der Neandertaler genauso viel wert wie der Roboter des einundzwanzigsten Jahrhunderts...
Das ist das Besondere am Paradies: es gibt für alles ein Netz, niemand kann ins Bodenlose fallen...
Das Paradies ist die Ausnahme, vor der die Regel versagt, im Gegenteil: es setzt die Regeln der Sterblichen außer Kraft...
Im Paradies schlagen alle Herzen im gleichen Takt, nichts kann ihren Gleichklang stören...
Im Paradies herrscht keine Dunkelheit, alles ist hell und klar, durchsichtig und durchschaubar...
Das Paradies kennt keinen Schmerz und kein Leid, und das Gefühl ewigen Glückes, das im Paradies herrscht, ist eine Liebkosung wie ein weicher Wüstenwind...
Im Paradies reduziert sich alles auf den Kern, wir sind nur noch wir selbst...

Oft wird mir die bange Frage gestellt, ob das Paradies nicht irgendwann wegen Überfüllung schließen muss. Ich kann die Fragesteller beruhigen: In der Phantasie gibt es immer Platz.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');