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Beitrag zur Diskussion über die Globalisierung als eine der Wurzeln des weltweit erstarkten Terrorismus: geschrieben Ende des Jahres 2001

19/04/2017 12:52 CEST | Aktualisiert 19/04/2017 12:52 CEST

Mein Fazit, siehe Ende des Textes:

Wenn die Globalisierung sich darin erschöpfen sollte, dass im abgelegensten Winkel der Erde die goldenen Bögen von McDonald's und gleich daneben eine Filiale der Citibank die Überlegenheit abendländischer Kultur demonstrieren, dass Finanztransaktionen industrielle Investitionen ersetzen und dass weiterhin ein Fünftel der Weltbevölkerung nicht mehr als 2 Dollar am Tag verdienen, kann ich die Gegner der Globalisierung, jedenfalls teilweise, verstehen.

Solange 1,2 Milliarden Menschen weltweit in absoluter Armut leben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir - die anderen, und besonders die West- und Mitteleuropäer und die Bewohner des nordamerikanischen Subkontinents - für sie ein rotes Tuch sind, und werden den Terrorismus nicht besiegen.

"Der Zweifel am Segen der Globalisierung -

ein Augenzeugenbericht aus Südamerika

Buenos Aires

Dienstag, 18. Dez. 01

Mein Taxi gerät in eine Demonstration der Schuhgeschäfte und des Großhandels gegen brasilianische Dumpingpreise. Vielleicht sollten die Argentinier versuchen, billiger zu produzieren?

Mittwoch, 19. Dez. 01

Nach der Plünderung von Supermärkten, nun auch im Großraum Buenos Aires, und überall im Land aufflackernden Demonstrationen, die sich nicht nur gegen den (noch) amtierenden Wirtschaftsminister Cavallo, sondern gegen das gesamte politische Establishment richten, verhängt der argentinische Staatspräsident Fernando de La Rúa am Abend für 30 Tage den Ausnahmezustand über das Land - wohin steuert Argentinien?

Das Fernsehen zeigt den chinesischen Angestellten eines gebrandschatzten Supermarkts, dem die Tränen über das Gesicht laufen - er hat seinen Arbeitsplatz verloren, und auch die monatlichen Überweisungen an die Familie zu Hause in China sind damit gestrichen. In China, sagt er dem Reporter, der ihn interviewt, ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern, herrrsche mehr Ordnung als in Argentinien, einem Land mit nur 37 Millionen Einwohnern. Es ist nicht der Augenblick, Wang, so heißt der Chinese, darauf hinzuweisen, dass Ordnung und Demokratie manchmal getrennte Wege gehen.

Donnerstag, 20. Dez. 01

Schon am Morgen hat sich - trotz Ausnahmezustand - auf der Plaza de Mayo vor der Casa Rosada, dem Regierungssitz, eine große Menschenmenge versammelt. Noch demonstrieren sie friedlich, mit Pfeifkonzerten und "Cazerolazos", dem Gegeneinanderschlagen von Töpfen und Deckeln oder Löffeln und Gabeln, das sich anhört wie ein Chor aus dem Takt geratener Blechinstrumente und Urwaldtrommeln.

Die Situation spitzt sich zu, als die Polizei beginnt, die Demonstranten zu zerstreuen.

Die große Tageszeitung "La Nación" äußert in ihrem heutigen Leitartikel zwar Verständnis für die soziale Unruhe, die in den um sich greifenden Unruhen explodiert, schließlich hat sie einen realen Hintergrund: Mehr als 18% Arbeitslose, ungerechte Einkommensverteilung, Korruption der Führungsschicht des Landes, Angst vor einer Abwertung des Pesos und Verlust der Ersparnisse eines ganzen Lebens, eine Zukunft ohne Perspektiven und Notstandsverordnungen, die die Mittelklasse und die soziale Unterschicht treffen, nicht aber die wenigen, in deren Händen schon immer Macht, Einfluß und Wohlstand lagen.

Heute veröffentlicht die "La Nación" Anzeigen mehrerer Unternehmen, mit denen eine Reihe von Schecks für ungültig erklärt werden, die bei der Plünderung einer Filiale der Banco Francés mitten im Zentrum von Buenos Aires von den Plünderern erbeutet wurden.

Die Demonstranten auf der Plaza de Mayo, mit Gummigeschossen, Tränengas und von berittener Polizei zerstreut, sammeln sich immer wieder in den Nebenstraßen. Die Proteste und Scharmützel mit der Polizei dauern den ganzen Tag an.

Am Nachmittag wendet sich der Präsident noch einmal in einer Fernsehansprache an die Nation. Ein letzter verzweifelter Versuch, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Doch die Demonstrationen dauern an. Schließlich ist es so weit, am Abend geschieht, was alle erwarteten, der Präsident tritt zurück.

Auf dem Fernsehbildschirm erscheinen die Demonstrationen wie die pathetische Kehrseite der Armut, weil sie wahrscheinlich nichts ändern werden, selbst nachdem Fernando de la Rúa zurückgetreten ist. Nach Jahren der Mißwirtschaft und der Plünderung der öffentlichen Kassen ist das Land am Ende einer Einbahnstraße angelangt.

Santiago de Chile

Freitag, 21. Dez. 01

Ich habe noch keine größere Verkehrsverstopfung gesehen als in der Umgebung des Hauptbahnhofs von Santiago, und würde jemand die CO-Werte der Straßenluft an diesem Ort messen, würden sich sicher Konzentrationen ergeben, die in Europa längst einen Smogalarm ausgelöst hätten. Doch hier scheint die Sonne glühend von einem wolkenlosen Himmel, und Lärm und Dieselgestank wirken weniger bedrohlich. Auf der Straße verkeilen sich drei Busse, zwei Taxis und ein weiteres Auto in einer tödlichen Umarmung. Es ist ein Kampf um Zentimeter, bei dem die Lurft im Taxi immer heßer und stickiger wird.

Die Geschäfte haben geöffnet, die Leute erledigen letzte Weihnachtseinkäufe, auf den Straßen herrscht ein einziges Chaos.

Nach meinem Besuch in Buenos Aires frage ich mich manchmal, wie stabil die Demokratie in Südamerika wirklich verankert ist. Chile wird im Augenblick demokratisch regiert. Aber ist es wirklich ausgeschlossen, dass soziale Unruhen nicht erneut zu einer Machtübernahme durch das Militär führen?

Auch Chile befindet sich in einem schwieriger werdenden wirtschaftlichen Umfeld, die Arbeitslosenquote nähert sich der 10%-Marke. Der Rechtsblock hat bei den Wahlen im Dezember an Stimmen dazugewonnen. Die weltweite Rezession bleibt auch hier nicht ohne Folgen. Im Augenblick jedoch ist die Lage immer noch von einem vorsichtigen Optimismus über die zukünftige Entwicklung geprägt.

Diese Länder sind wie ein Minenfeld, in dem niemand die Lage der Minen kennt. Der Sand ist über sie hinweggeweht und hat sie zugedeckt. Doch jeder weiß, dass die Minen existieren und dass er einen großen Bogen um sie machen muß. Je kleiner der Bogen, um so größer die Gefahr, dass eine Mine explodiert. Doch irgendwann wird jemand eine Abkürzung suchen, und dann...

La Paz

Mittwoch, 26. Dez. 01

Auch in Bolivien kann von einer demokratischen Stabilität keine Rede sein.

Im Zentrum von La Paz finden praktisch tagtäglich Demonstrationen statt. Mal sind es die Arbeitslosen oder - wie heute - Demonstranten, die ihre Rentenansprüche einfordern, ein Verlangen, das die Regierung mit Hinweis auf die jüngste Gesetzesänderung ablehnt. Ab und zu höre ich den entfernten Knall detonierender Tränengasgranaten.

Übrigens verkündet der Präsident der Zentralbank heute in einem Interview des "El Diario", dass er die in der Öffentlichkeit zirkulierenden Arbeitslosenzahlen für überhöht hält. Schließlich sei ein neu aufgelegtes Arbeitsbeschaffungsprogramm auf keine große Resonanz gestoßen. Wahrscheinlich wegen der niedrigen Löhne, die es versprach. Was bedeute, dass die Situation so kritisch nicht sein könne.

im Licht der Scheinwerfer, die das Denkmal von Cristoforo Colombo am Prado anleuchten, liest ein junger Mann ein Buch. Möglicherweise lebt er noch in einem dieser Favelas, wo die Beleuchtung Glücksache ist. Obgleich man zugeben muss, dass in den letzten Jahrzehnten in La Paz sehr viel gebaut worden ist. Von Wolkenkratzern bis zu protzigen Bürokomplexen, teuren Eigentumswohnanlagen und (auch) Billigwohnraum für die, die sich Mieten von 300 Dollar und mehr nicht leisten können.

Trotzdem muss man sich fragen, wem alle diese neuen Hochhäuser, die ein Klein-Manhattan darstellen, nützen.

Sicher nicht dem Polizisten, der US$ 90 im Monat verdient, oder dem kleinen Angestellten, der es gerade auf US$ 100 im Monat bringt.

Das Bild im Zentrum bestimmen heute die Banken. Wenn die Globalisierung sich darin erschöpfen sollte, dass im abgelegensten Winkel der Erde die goldenen Bögen von McDonald's und gleich daneben eine Filiale der Citibank die Überlegenheit abendländischer Kultur demonstrieren, dass Finanztransaktionen industrielle Investitionen ersetzen und dass weiterhin ein Fünftel der Weltbevölkerung nicht mehr als 2 Dollar am Tag verdienen, kann ich die Gegner der Globalisierung, jedenfalls teilweise, verstehen.

Solange 1,2 Milliarden Menschen weltweit in absoluter Armut leben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir - die anderen, und besonders die West- und Mitteleuropäer und die Bewohner des nordamerikanischen Subkontinents - für sie ein rotes Tuch sind, und werden den Terrorismus nicht besiegen."

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Lesenswert:

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