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Deutschland hält den Atem an: Weniger Radio-Werbung beim WDR.

02/02/2016 14:16 CET | Aktualisiert 02/02/2017 11:12 CET

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Es ist geschehen. Der Wirtschaftsstandort Deutschland wurde beschädigt. So meint es jedenfalls Oliver Adrian, Geschäftsführer des Radiovermarkters AS&S Radio. Ja, Radio. Und es geht sogar nur um die Werbung im Radio und nur um Radio im Sendegebiet des WDR. Also ganz weit im Westen, da, wo allabendlich der blanke Horror beim Streaming droht. Und WDR-Intendant Tom Buhrow nun auf Grund des ungeheuerlichen Radio-Vorgangs "bittere Konsequenzen" befürchtet.

Was ist passiert? Der Landtag in Nordrhein-Westfalen, insbesondere die regierenden Sozialdemokraten und Grünen, sind der Auffassung, dass insgesamt 90 Minuten Radio-Spots auf drei WDR-Sendern pro Tag zu viel seien. Man solle dies erst einmal auf 75 Minuten reduzieren und ab 2019 dem Gebührenzahler nur noch 60 Minuten tägliche Werbespots auf dann nur noch einem Hörfunkprogramm zumuten.

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Mer losse d'r Dom en Kölle

Okay, in Köln ist gerade Karneval und Prinz, Bauer und Jungfrau sind auf den Straßen unterwegs. Aber selbst in tief alkoholisierten Hallen gilt immer noch "Mer losse d'r Dom en Kölle" und den Zusammenhang zwischen dem Gedudel der ewig gleichen Hits aus manchen Lautsprechern und dem Wirtschaftsstandort bekomme ich auch nach dem zehnten Glas Kölsch nicht gebacken.

Radio? Ach ja, da war doch mal was. Ich bin alt und kann mich erinnern. Als Kind saß ich gespannt vor dem großen Kasten meiner Eltern. Der war aus massivem Holz und hatte ein Auge, welches geheimnisvoll irgendwelche Hinweise auf den Empfangszustand der laufenden "Mittelwelle" leuchten ließ. Ich weiß noch, dass ich einem erregten Korrespondenten zuhörte, der voller Begeisterung über den unerhörten Plan zum Bau einer Brücke über den Bosporus berichtete.

Transistorradios oder Whats auch immer

Später versuchten wir mit unseren batteriegetriebenen "Transistorradios" die Dorfschönheiten auf den Spielplatz zum Gespräch zu locken. Jetzt ist es schon wieder 20 Jahre her, dass ich über die Bosporus-Brücke gefahren bin und mit den aktuellen Dorfschönheiten ist kein Gespräch mehr möglich.

Die tragen alle Kopfhörer, aus denen laut ihre frisch gestreamten Helden singen und sie so sehr effektiv von der Außenwelt abschirmen. Wohl deshalb sind die Jungs von heute alle bei WhatsApp oder Whats auch immer und schicken der Hübschen neben ihnen an der Bushaltestelle ihr "Hi- wie geht's?" dann eben über das Smartphone.

Wann haben Sie das letzte Mal jemanden beim Radio hören erwischt? Laut vielen Analysen und Studien müsste das eigentlich immer noch mehrmals täglich der Fall sein. Lassen sie mich raten: Es ist länger her. Und wenn sie sich noch daran erinnern können, dann war es bestimmt in einem Auto.

Wahrscheinlich um das endgültig auch noch zu unterbinden, wollen die neuen Herrscher der Musik im Stream, Apple und Google, jetzt Autos bauen. Und Amazon versucht es mit einem Lautsprecher, der auch hören kann.

Lustige Konferenzen sogenannter "Regulierer"

Wie zum Thema Fernsehen gibt es auch zum Thema Radio in Deutschland jede Menge ratloser, befremdlicher, aber dafür oft lustiger Konferenzen sogenannter "Regulierer". Denn ebenso wie Fernsehen ist Radio ja "Rundfunk" und Rundfunk muss bleiben, weil Rundfunk reguliert werden muss und wenn der Rundfunk weg ist, sind die ganzen Konferenzen und Regulierer nicht mehr wichtig.

Oder vielleicht gar arbeitslos. Damit das nicht passieren kann, schicken diese Regulierer dann Vorschläge für neue Rundfunk-Gesetze an eigentlich unschuldige Landtage wie in NRW. Und wenn es ganz schlimm kommt, dann verabschieden die was und der Tom Buhrow hat dann "bittere Konsequenzen".

Böse Gerüchte sagen nun, die einem Erdbeben gleichen neuesten Beschlüsse der rot-grünen Landesregierung in NRW für weniger Werbung im Radio zielten weniger auf die Schonung der Ohren der Gebührenzahler als darauf, notleidende Privatradios im Lande durch Verschiebung von Werbemillionen noch eine Weile über die Runden zu retten.

Denn "Rundfunk" allein ist in Deutschland immer noch nicht genug, er muss stets auch noch auf privaten und öffentlich-rechtlichen Beinen gleichzeitig stehen. Die Grundidee ist also quasi, vom einen Bein etwas wegzusägen und das Stück am anderen Bein anzuflanschen, damit der Radio-"Rundfunk" wieder gerade steht und nicht umkippt.

Das wird bestimmt toll funktionieren. Die Hübsche an der Bushaltestelle wird es nicht merken. Bleibt also das Auto. Google bietet Maps, Echtzeit-Stauprognosen, individuelle Playlists für jeden Geschmack und man kann sogar fragen, wo der nächste Italiener ist. Die Regulierer fragen sich seit mehr als zehn Jahren auf unzähligen Konferenzen, warum fast niemand den tollen neuen Rundfunk "Digitalradio" hören will. Obwohl er doch fast das gleiche sendet wie UKW, nur ein wenig komplizierter.

Radio wird verschwindeen, so oder so

Die Mittelwelle hat Deutschland übrigens kürzlich als eines der letzten Länder abgeschaltet. Wahrscheinlich ist die Sterbeurkunde des letzten Hörers bei einer Landesmedienanstalt hinterlegt worden. Dennoch besteht wie immer ein klein wenig Hoffnung. In die Idee der NRW-Landesregierung, man solle nur noch auf einem statt drei öffentlich-rechtlicher Radiosender werben, könnte man ja auch mit etwas gutem Willen einen dezenten Hinweis hineininterpretieren.

Ja, der Tom Burow hat den Hinweis sogar schon verstanden und "droht" jetzt damit, zu "prüfen", ob man nicht wegen der entgangenen Werbemilionen eines von vielen Hörfunkprogrammen abschalten solle. Das ist dann sicher nicht schön für die daran Beteiligten, aber irgendwie logisch. Denn Radio verschwindet einfach.

Keiner muss es heimtückisch ermorden und keine Regulierung wird etwas daran ändern. Denn für den Transport von Musik und Nachrichten zum Konsumenten gibt es jetzt ganz einfach bessere und überlegene Technologien. Fragen sie die Hübsche an der Bushaltestelle. Am besten per WhatsApp oder Whats auch immer.

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