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Mit "Homeland" und Sat.1 in die Nacht - eine bipolare Störung

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TV SERIE HOMELAND
Lucy Nicholson / Reuters
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Berlin tut Carrie offensichtlich gut. Sie geht schlafen, einfach so- das alte und gesundheitsschädliche Ritual (ordentliche Dosis Weißwein, Tabletten, Ohrstöpsel, Augenbinde) aus den gefährlichen Zeiten in Islamabad ist erst einmal weg.

Und es gab sogar deutsche Steuermittel in Millionenhöhe für die Produktion. "Homeland" ist zurück und besser denn je- egal ob man das CIA-Drama und seine Sicht auf die Welt nun mag oder auch nicht.

Es ist sicher kein Spoiler, zu prophezeien, dass Carrie auch in Berlin den Weltfrieden wieder nicht abschließend sicherstellen kann. In Babelsberg aber haben die traditionsreichen Studios das Jahr 2015 mit einem ordentlichen Gewinn beendet und so ist sicher wenigstens der Frieden unter deren Gesellschaftern ein Stück weit wahrscheinlicher.

"Homeland" für die fünfte Staffel

Und, für den deutschen Markt sicher eigentlich fast noch wichtiger: Carrie, Saul und Peter Quinn haben ein "Homeland" für ihre fünfte Staffel auf einem echten deutschen Fernsehsender gefunden. Entgegen allen Erfahrungen hat Sat.1 für die Mega-Serie noch einmal Geld ausgegeben und sendet jetzt die aktuellen Folgen im Doppelpack Sonntags nach 23 Uhr. Als Qualitäts-Offensive für Nachteulen, sozusagen.

Tja. Die Welt ist meist wie das Fernsehen- also eine endlose Wiederholung der immer gleichen Banalitäten. Carries neue Normalität in Berlin wird schnell und erwartungsgemäß wieder von Terror und Geheimdienst-Intrigen überschattet und genau so erwartungsgemäß bleiben die Zuschauer für Sat.1 und "Homeland" am Sonntag Abend nach 23 Uhr größtenteils weg.

Man habe sich bei Sat.1 zusätzliche Zuschauer durch den Drehort Berlin versprochen, so hört man. Okay, es ist etwas Neues, wenn CIA-Leute sich in brandenburgischen Provinznestern Schießereien mit russischen Geheimdienstlern auf offener Straße liefern oder Amsterdam plötzlich ein Teil von Potsdam ist.

Und der eine oder andere Berliner, der als Statist mitwirken durfte, schaut auch vielleicht zusätzlich zu. Aber es gibt auch nicht wenige sehr erfolgreiche Serien im deutschen Fernsehen, deren Erfolg vor allem darauf beruht, dass sie nicht in Berlin spielen.

"Bipolare affektive Störung"

Agentin Carrie aber ist weiterhin "bipolar gestört"- und damit geradezu ein Sinnbild für die Welt des deutschen Fernsehens. Die "bipolare affektive Störung", so informiert uns Wikipedia, hat "manische Episoden" mit "gesteigertem Antrieb und Rastlosigkeit", welche "oft mit inadäquat euphorischer oder gereizter Stimmung einhergehen" und in denen "die Fähigkeit zur Prüfung der Realität mitunter stark eingeschränkt" ist. Wer längere Zeit bei einem echten TV-Sender beschäftigt war, wird diese Symptome bestimmt nicht nur aus "Homeland" kennen.

Über die Fähigkeit des Schreiberlings zur Prüfung der Realität muss natürlich der geneigte Leser urteilen und der Weg zur ultimativen Erkenntnis ist und bleibt die Konfrontation und der Selbstversuch. Also habe ich es wieder versucht. Ja, ich gebe es zu, am späten Sonntag Abend wurde ich zum Sat.1-Zuschauer. Denn, man merkt es sicher bereits, ich bin ein "Homeland"-Fan. Die Serie ist einfach großartig. Völlig egal, wie realistisch das Ganze ist: Es fasziniert immer wieder neu, wie Carrie's Geschichte geschrieben, inszeniert, geschauspielert und erzählt wird.

Ein fünf Sterne Gourmet-Dinner für die Zuschauer

Im Vergleich dazu arbeitete sich gerade die ARD in drei Filmen am NSU-Thema ab. Die "Homeland"-Macher liefern dem Zuschauer ein fünf Sterne Gourmet-Dinner. Und wer fragt eigentlich die "Game of Thrones"-Macher nach dem Realismus in ihrer Geschichte.

Die ARD bot im Vergleich dazu zum NSU-Thema einen halben Teller lauwarme Kartoffelsuppe. Aber den durfte man dann unterbrechungsfrei löffeln, zur Hauptsendezeit, direkt nach der "Tagesschau". Und genau da kommt der Punkt, warum "Homeland" bei Sat.1 nicht funktioniert, obwohl die Serie eigentlich deutlich besseres Entertainment ist.

Irgendwann zwischen Mitternacht und ein Uhr früh bin jedenfalls ich meistens an der Hürde eines weiteren von vielen gefühlt mehrstündigen Werbeblocks gescheitert und ausgestiegen. Dann habe ich es am Folgetag auch mal mit einer "ganzen Episode" auf Abruf bei sat1.de nochmals versucht. Aber auch da waren die Werbeblöcke oft deutlich länger als die Haltbarkeit der Spannung im internationalen Geheimdienst-Milieu.

"Nicht mit mir."

Nein, daraus wird nichts. Jedenfalls nicht mit mir. Wer die großen Qualitäts-Serien für die "Zukunft des Fernsehens" hält, der ist für mich bipolar gestört. Zumindest in dem Teil, der die "Fähigkeit zur Prüfung der Realität" betrifft und das werbefinanzierte Free-TV. Selbst bei deutlich simpler gestrickten Serien als "Homeland", wie zum Beispiel "Bones", war zumindest bei mir der Effekt ja schon deutlich zu merken. Die klassische Unterbrecher-Werbung zerstört diese Serien. Früher war das egal. Aber jetzt gibt eine Alternative.

Die Zukunft von Sat.1, RTL und Co. muss deswegen nicht endgültig manisch depressiv sein, nur weil das private "Free-TV" die Werbung logischerweise nicht weglassen kann. Event-Filme könnten eine Lösung sein, wie kürzlich bei RTL über die Dassler-Brüder. Oder leichtere, eher in den Häppchen zwischen den Werbeblöcken konsumierbare Qualität. Und dazu bleiben ja auch noch die Castings, Reality-TV, die Koch-Shows und Guido Maria Kretschmer.

Die hochwertigen "Drama"-Serien aber wurden für das Streaming im werbefreien Abonnement bei Netflix, Amazon oder Maxdome erfunden- lange bevor es das überhaupt gab.

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