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Warum traumatisierte Kinder das eigentliche Problem der Flüchtlingskrise sind

21/04/2016 11:25 CEST | Aktualisiert 26/04/2017 11:12 CEST

Seit einem Jahr gibt es kaum ein Thema, das die Deutschen so sehr beschäftigt, wie die Flüchtlingskrise. Mich bewegt das Thema genauso. Ich glaube, dass die Dimension dieser Krise enorm ist, größer vielleicht, als es sich viele derzeit vorstellen können.

Und ich glaube, dass Politik wie auch Medien in dieser Krise Fehler machen - und Chancen vertun.

Vor ein paar Monaten habe ich einmal gesagt, dass ein trockener Schwamm nur eine bestimmte Menge Wasser aufnehmen kann. Irgendwann hat der Schwamm seine Grenze erreicht. Dieses Zitat hat eine gewisse Nachdenklichkeit ausgelöst. Ist es eine rechte Position, fragte man mich, ist es links?

"Jede Gesellschaft kann an eine Leistungsgrenze stoßen."


Tatsache ist, dass ich mit dem Gleichnis ansprechen wollte, dass jede Gesellschaft an eine Leistungsgrenze stoßen kann. Wenn sie die Hilfe schlecht organisiert, kommt dieser Zustand früher, wenn sie die richtigen Entscheidungen trifft, kann sie diese Grenze nach hinten verschieben. Doch verschwinden wird diese Leistungsgrenze nie.

Aktuell glaube ich, dass wir in vielen Bereichen die falschen Entscheidungen treffen - oder gar nicht erst entscheiden.

Das erlebe ich gerade persönlich: Bei uns Zuhause leben 20 Flüchtlinge, denen wir helfen wollen, sich möglichst schnell in Deutschland zu integrieren.

Sie glauben nicht, wie schwer uns das gemacht wird. Das beginnt bei der Jobsuche. Zunächst sind die Flüchtlinge gesperrt. Sie dürfen gar nicht arbeiten. Dürfen sie dann nach einigen Monaten loslegen, müssen wir mühsam Genehmigungen einholen - und schließlich muss ihr Arbeitslohn dem Amt gemeldet werden. Ein unglaubliches bürokratisches Wirrwarr.

"Sie würden sich gerne integrieren, dürfen es aber nicht."


So geht es Tausenden Flüchtlingen gerade: Sie würden gern arbeiten, sich integrieren, dürfen es aber nicht. Das zeigt, wie wenig wir der großen Integrationsaufgabe gewachsen sind.

Dabei gibt es nichts Wichtigeres für die Hilfesuchenden als zwei Dinge: Bildung für die Kinder und Arbeit für die Eltern.

Beides klappt nicht richtig. Was für eine paradoxe Situation in einem Land, in dem Unternehmen Stellen nicht besetzen können, weil sie keine Leute finden.

Wir müssen Flüchtlingen schneller die Chance geben, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Die Chance, sich und ihre Familien selbst zu versorgen. Dass sie das wollen, erlebe ich jeden Tag.

Schnell handeln


Aber wir müssen schnell handeln. Denn wir stehen vor einer schwierigen Situation: Deutschland ist ökonomisch zwar stark. Wenn aber der nächste wirtschaftliche Abschwung kommt - und der kann in Zyklen immer wieder kommen - drohen uns dramatische soziale Verwerfungen: Wer zahlt dann für die zusätzlichen Lasten für Schulen, Wohnungsbau und Kinderbetreuung, die für die vielen Hilfesuchenden nötig sind?

Schon heute sind viele Kommunen finanziell am Limit - wenn in Folge einer Krise die Steuereinnahmen ausbleiben, wird es für alle eng: Für die Menschen, die Schutz in Deutschland suchen und für die Menschen, die schon in unserem Land leben.

Je schneller die Flüchtlinge arbeiten und sich selbst versorgen dürfen, desto besser kommen wir durch die nächste Krise.

Doch es gibt ein weiteres, mindestens ebenso kritisches Thema: die Kinder, über die bislang kaum jemand spricht.

Abertausende junge Menschen kommen gerade in unser Land. Kinder und Jugendliche, deren Leben bislang vor allem eine Konstante hatte: den täglichen Horror. Denn sie kommen aus den aktuellen Krisenherden dieser Welt.

Ich frage mich, was für eine Generation wächst da heran?

Psychologen warnen heute schon, dass es in Deutschland bei weitem nicht genug Hilfseinrichtungen gibt, um die seelischen Verletzungen dieser Menschen zu heilen.

Wie sollen diese Kinder zu normalen Erwachsenen werden, die sich in unsere Gesellschaft eingliedern, zur Schule gehen, einen Beruf erlernen?

"Wir müssen helfen."


Viele von ihnen werden lange, einige davon für immer, in unserem Land bleiben. Wir müssen ihnen deshalb jetzt helfen - nicht erst dann, wenn aus ihnen verhaltensauffällige Jugendliche geworden sind.

Wir müssen über die Probleme sprechen. Fehlende Bildungsintegration, fehlende Psychologen, fehlende Therapien.

Aber wir müssen auch über die Lösungen sprechen: Welche Projekte helfen den Flüchtlingskindern heute schon? Von welchen Ideen können wir bundesweit lernen? Das wollen wir heute, bei der Huffington Post, tun.

Aber es wäre ein Fehler, die Lösung der Flüchtlingskrise nur in Deutschland zu suchen. Dieser Weg würde scheitern.

Auch der Türkei- oder Libyen-Deal ist keine Lösung. Mit den aktuellen Kontingent-Plänen verschieben wir die Frage der Obergrenzen an die EU-Außengrenzen. Das ist verlogen.

Wir müssen helfen, die Probleme vor Ort zu lösen, zum Beispiel in Syrien. Denn erst dann, wenn das sinnlose Morden in dem Land aufhört, wird die Zahl der Flüchtlinge sinken. Leider sehe ich hier schon seit Jahren keine wirklichen Fortschritte.

Was mir auffällt: Viele Deutsche sind nicht mehr bereit, sich mit der Komplexität der Situation auseinanderzusetzen. Sie glauben den Politikern nicht mehr. Oder den Medien. Das sehen wir an den Wahlergebnissen.

"Medien sind gerade wichtiger denn je."


Dabei sind Medien gerade wichtiger denn je. In einer Demokratie können wir niemanden dazu bringen, eine bestimmte Haltung einzunehmen. Wir können nur versuchen, die Menschen bestmöglich aufzuklären.

Doch um diese Aufklärung ist es nicht gut bestellt. Ich kenne viele junge Menschen, die keine Ahnung davon haben, was sich in Deutschland zwischen 1933 und 1945 abgespielt hat.

Folglich ist ihnen auch nicht bewusst, in was für einer Gefahr wir uns befinden.

Ich finde es unglaublich, mit welchen Parolen ein Teil der Leute gerade auf die Straße geht. Der ein oder andere im Ausland muss sich fragen: Geht es in Deutschland schon wieder los?

"Wir haben nicht genug gelernt."


Und es stimmt ja auch: Hitler und der Zweite Weltkrieg sind nicht lange her. Aber wir haben nicht genug gelernt. Heute wird wieder kräftig an der Hass-Schraube gedreht. Und Tausende fahren darauf ab. Wir sind nicht wirklich weiter gekommen als wir es damals waren.

Diese Situation können wir nur mit Aufklärung entschärfen.

Gerade Radio und Fernsehen haben eine große Verpflichtung, diesen Aufklärungsprozess anzutreiben.

Doch was bietet das Radio? Die Sender betäuben die Masse mit seichtem Programm. Vor allem die Privaten. Doch auch die Öffentlich-Rechtlichen setzen zunehmend auf das, was die Masse anspricht - und üben ihren Bildungsauftrag unvollkommen aus.

Ein negativer Effekt


Das hat den negativen Effekt, dass Monokulturen entstehen. Damit stirbt die Vielschichtigkeit. Es kommt nur noch das, was der Zuhörer angeblich hören will. Die Harmonie darf nicht gestört werden durch komplizierte Zusammenhänge oder unbequeme Künstler, die möglicherweise unangenehme Themen abarbeiten.

Massenmedien haben eine Aufgabe, sie müssen informieren und vor allem aufklären. Das brauchen wir gerade jetzt dringend und das tun sie zu wenig.

Deutschland ist durch Zuwanderung immer stärker geworden. Ich weiß noch wie es war, hierher zu kommen und irgendwie weitermachen zu müssen. Das war schwer, aber wir hatten Hilfe. Gleichzeitig waren wir jederzeit bereit, uns in der Gesellschaft einzubringen.

All diese Fragen sind mir wichtig. Und ich bin davon überzeugt, dass wir sie diskutieren müssen. Deshalb bin ich heute bei der Huffington Post, die das Thema seit jeher intensiv von allen Seiten beleuchtet. Aber die HuffPost ist auch eine Plattform für Debatten und Kontroversen. Und davon brauchen wir in Deutschland mehr! Nicht weniger!

Wenn wir das ernst nehmen, können wir in Deutschland eines Tages wirklich sagen: Das schaffen wir.

Und zwar auch deshalb, weil wir das "Wie" kennen und praktizieren.

Daran arbeiten wir.

Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.

Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen.

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