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Kurz vor der Oscar-Verleihung steht Amerika vor einem Rätsel

27/02/2016 12:51 CET | Aktualisiert 27/02/2017 11:12 CET
Anthony Harvey via Getty Images

Ganz Amerika rätselt, was eigentlich "The Revenant" zu bedeuten hat. Und es ist längst nicht das erste Mal, dass Hollywood mit einem Filmtitel Verwirrung stiftet. Kurz vor der Oscar-Verleihung ist es also Zeit für eine kleine Englisch-Nachhilfestunde.

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Mit ihrem eindrucksvollen Film "The Revenant" haben Leonardo DiCaprio und Alejandro G. Iñárritu wieder eine Diskussion ausgelöst: über die Geschichte und das Leid der Indianer in Nordamerika. Doch ob die beiden Hollywoodstars auch das große Rätselraten über den Titel ihres Film beabsichtigt haben?

Scharen von Menschen in den USA - und weit darüber hinaus - stellen sich schon seit Wochen dieselbe Frage wie etwa Dwight Coleman, ein Mitarbeiter der Versicherungsgesellschaft Koning & Associates:

I watched the movie. It was great, but what does ,Revenant' mean?

Zu Deutsch: Was um alles im Wilden Westen bedeutet dieser Filmtitel?

In allen möglichen Kanälen lässt sich zurzeit eine heftige kollektive Erörterung auf der sprachlichen Metaebene nachlesen. Klar: auf Facebook. Auf Twitter. Und ganz besonders auf den Kommentarseiten der einschlägigen Wörterbücher wie "Merriam Webster", eine Art amerikanischer "Duden" - der am Rande bemerkt der britischen "Encyclopædia Britannica" gehört.

Die Redaktion von "Merriam Webster" erklärt zu "The Revenant":

In Anspielung auf den roten Teppich stellt die Redaktion von "Merriam Webster" eine Reihe von "Movie-related red carpet word trends" zusammen und erklärt speziell zu "The Revenant":

"The new film sent people to the dictionary to look up the title - der neue Film hat die Menschen zum Nachschlagen bewegt."

Weiter erklärt die Redaktion: "The word was the most searched term on Merriam-Webster.com for weeks following the film's release, and spiked again after the 2016 Golden Globe Awards - das Wort war mehrere Wochen nach dem Filmstart der meist gesuchte Begriff und erreichte einen weiteren Höhepunkt nachdem die Golden Globes 2016 verliehen wurden."

Dann kommt "Merriam Webster" zur sagenhaften Schlussfolgerung:

"The Revenant is our top lookup of 2016 so far." Also: Das Wort, das 1818 zum ersten Mal in der englischen Sprache verzeichnet wurde, ist bisher das meist nachgeschlagene Wort des Jahres 2016!

Das mag zunächst unglaublich erscheinen, weil "revenant" ein ziemlich hochgestochenen Fremdwort mit ziemlich komplexen Bedeutung ist. Doch auch die populärsten Begriffe im Jahr 2015 waren nicht gerade federleicht: "Socialism", "Racism", "Feminism", "Communism", "Capitalism", "Terrorism". Da sie alle gleich enden, kürte "Merriam Webster" kurzerhand die Endung "ism" zum "Word of the Year 2015".

Doch was bedeutet nun "The Revenant"?

Das Wort geht zurück auf das französische Verb "revenir" (zurückkehren) und stammt ursprünglich aus dem Lateinischen. Die Definition bei "Merriam Webster" lautet: "One that returns after death or a long absence - jemand der nach dem Tod oder einer langen Abwesenheit wiederkehrt."

Schon vor Wochen war auch mir in den USA aufgefallen, dass vielen Amerikanern nicht nur die Darstellungen Films sondern auch der Name zu schaffen machen. Als ich Ende Januar in New York im prächtigen Kino der Brooklyn Academy of Music (BAM) den Film sah, befragte ich rund 50 Besucher und Kinomitarbeiter:

I'm a visitor from Germany: Can you please explain to me what ,The Revenant" means?

Die Vielfalt der Antworten war genauso bemerkenswert wie die Ratlosigkeit und das Schweigen! Debbie und June, zwei junge Türsteherinnen des BAM wussten, dass es sich um einen Rückkehrer, von den Toten handelt. "Ich habe es nachgeschlagen", sagte Debbie. "Meine Familie führte eines Abends eine Diskussion darüber."

Bernie, mein Nachbar in der Sitzreihe, der mir schon während des Films durch sein verstörtes Zucken und Zischen und das Herumrutschen auf dem Kinositz aufgefallen war, erklärte kurz und knapp, er wisse es nicht. "Probably something to do with ,revenge' and ,covenant'" - also mit "Rache" und einen "Pakt". Das war eine gute Ahnung. Aber offen gesagt: Berne, ein Professor für Physik, wusste es dennoch nicht.

Auch Filmtitel wie "Inception" haben Menschen verunsichert

Schon viele frühere Filmtitel wie etwa "Inception" oder "Oblivion" haben viele Menschen verunsichert - und das nicht nur im englischen Sprachraum sondern genauso außerhalb! So habe ich mich (auch in einem Kapitel meines aktuellen Buchs) mit den zahlreichen Interpretationen von "American Hustle" beschäftigt. (http://spon.de/aedXG) Manche Leute, die ich befragt hatte, hielten es für einen Porno. Andere für einen Film über Alltagsstress. Und beides war auch ein bisschen richtig!

Ich habe mich schon oft gefragt, ob Hollywood womöglich absichtlich verwirrende und burleske Filmtitel auswählt, vielleicht nach der Regel: Wenn die Leute ein Produkt nicht eindeutig verstehen, werden sie sich länger und eingehender damit beschäftigen.

Übrigens basiert der Film "The Revenant" auf dem Buch »The Revenant. A Novel of Revenge« des US-amerikanischen Autors Michael Punke. Im Deutschen hat der Malik Verlag der Übersetzung nicht etwa den Titel »Der Rückkehrer« oder vielleicht »Der Wiederkehrer« gegeben. Es heißt vielmehr: »Der Totgeglaubte«!

Gespenst; Geist, der aus einer anderen Welt wiederkehrt

Das ist keineswegs irreführend, sondern spiegelt eine der vielen Bedeutungsvarianten von "revenant". In deutschen Wörterbüchern findet sich auch noch eine weitere Erklärung des ausdrücklich als "bildungssprachlich" klassifizierten Worts "Revenant": "Gespenst; Geist, der aus einer anderen Welt wiederkehrt".

Das deckt sich gut mit einer abschließenden Deutung, die "Merriam Webster" aus aktuellem Anlass wagt: "The ,Revenant' was first used to mean ,ghost', ,specter', or ,wraith', and then developed the meaning ,one who returns to a former place after prolonged absence'; both meanings seem to fit the new film, since DiCaprio's character is left for dead (not a spoiler - it's in the trailer) and returns to find his former companions."

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Der Beitrag wurder von dem Autor des Buches "The devil lies in the detail: Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblingsfremdsprache" verfasst.

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