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Was Dschihadisten mit Agent Smith gemein haben

06/08/2017 14:47 CEST | Aktualisiert 06/08/2017 14:47 CEST
dpa

Laut Umfragen fürchten sich die meisten Deutschen vor dem Terror. Vorübergehend soll die Terrorangst gar Platz eins unserer Ängste-Rangliste eingenommen haben. Der Großteil der Menschen hat dabei gewiss den islamistischen Terror im Sinn, der durch Anschläge wie jene in Paris, Brüssel und andernorts das stärkste Medienecho erzeugt.

Aber ist die Angst gerechtfertigt?

Aufgrund der viel höheren Wahrscheinlichkeit, am Essen zu ersticken oder durch Verkehrs- und Haushaltsunfälle zu sterben (und vermutlich sogar, vom Blitz getroffen zu werden), kann es für diese Angst auf den ersten Blick nur zwei Gründe geben: Panikmache in den Median oder geistige Beschränktheit.

Ich vermute allerdings, dass die meisten von uns seit 9/11 von der Rolle der Medien als Angstverstärker gehört haben und halte den durchschnittlichen Deutschen auch nicht für beschränkt, sondern eben für durchschnittlich.

Auch unser vermeintlich kurzes Gedächtnis hilft kaum auf der Suche nach einleuchtenden Erklärungen: Zwar gab es im Kalten Krieg mehr europäische Anschlagsopfer als heute, doch dürften sich gerade die Älteren noch gut an Baader-Meinhof, Landshut, Bloody Friday usw. erinnern.

Außerdem sind Vergleiche mit der schlimmen Vergangenheit ziemlich wirkungslos. Zahnschmerzen werden ja auch nicht erträglicher, nur weil der Zahnarztbesuch vor ein paar Jahrzehnten noch unangenehmer war.

Die Hauptursache für diese bisweilen überwältigende Angst liegt vielmehr in der Natur der Bedrohung selbst:

Zum einen haftet dem islamistischen Terror wegen seiner Fremdheit etwas Unheimliches an. Darüber hinaus richtet er sich nicht gegen eine bestimmte, stark begrenzte Gruppe, sondern gegen „uns alle", den okzidentalen Sündenpfuhl. Er verfolgt auch kein realistisches politisches Ziel (mit der Möglichkeit einer Kompromisslösung), sondern strebt die Aushöhlung der westlichen Moderne bzw. die islamische Weltherrschaft an.

Am wichtigsten jedoch: Die Terroristen sind wie Agent Smith

Richtig - der in seinem Anzug gefangene Agent Smith aus dem Film „Matrix". Darin verwandeln sich die harmlosesten Matrix-Bewohner urplötzlich in Agent Smith, um Neo und Co. das Leben schwer zu machen.

Genauso wie sich ein in der Küche hockendes Großmütterchen blitzschnell in den Messer werfenden Agenten verwandelt, stürmte ein Axt-schwingender Angreifer aus der Toilette eines Regionalzugs bei Würzburg. So wie das Großmütterchen war auch er ein „völlig unbeschriebenes Blatt".

Andere Blätter waren beschriebener, so wie die Brüsseler und Ansbacher Selbstmordattentäter (2016), die bereits früher durch Straftaten aufgefallen waren. Andererseits sind die wenigsten Kriminellen auch noch Terroristen - also kein zuverlässiger Anhaltspunkt für die Dschihadistenfrüherkennung.

Nicht nur die Täter, sondern auch die Anschlagsorte kommen oft wie aus dem Nichts: Berlin, Paris, Brüssel, London? Naheliegend. Aber Ansbach, ein Regionalzug bei Würzburg und Saint-Étienne-du-Rouvray (wo ein Priester enthauptet wurde)? Oder auch in Magnanville und Oignies (bzw. im Thalys-Zug)?

Das ist die Quelle dieser gar nicht so irrationalen Angst:

Bomben in Ansbach, Hieb- und Stichwaffen im Zug und bald kommt zu Heiligabend der Weihnachtsmann mit einer Sprengstoffweste durch den Kamin. Die Dschihadisten stürzen unvorhersehbar und auf absurdeste Art und Weise in unser Leben hinein - so unvorhersehbar wie Durchfall beim Vorstellungsgespräch und so absurd wie Monty Python.

Mein Fazit: Den Kamin zumauern und das Großmütterchen vom Küchenmesser fernhalten - man weiß ja nie, was als nächstes kommt.

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