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Trump-Sieg: Eine Rettung des europäischen Projekts?

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DONALD TRUMP
Andrew Kelly / Reuters
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Der Ironie abgeneigt zu sein, ist ein Vorwurf, den man der Weltgeschichte wirklich nicht machen kann. Bisweilen ist sie gar ein wenig überschwänglich. In dieser Tradition liegt die unsinkbare Titanic auf dem Meeresgrund, führte uns die einzigartige menschliche ratio in eine Situation, welche trefflich als MAD (mutually assured destruction) bezeichnet wurde und zählen die Wikinger heute zu den Vorbildern menschlicher Entwicklung und Friedfertigkeit.

Ein löchriger amerikanischer Schutzschirm

In einer weiteren Eruption sympathischer Weltverrücktheit könnte Präsident Trump schließlich das europäische Projekt retten.

Ein Projekt der Einheit, der Gemeinsamkeit - eine Trutzburg der Geläuterten gegen den weltweiten Wahnsinn, den Europas Völker eifrig mit geschmiedet haben, um sich nach blutiger Verausgabung in alternde, technologisch hoch entwickelte Wohlfahrtsstaaten zurückzuziehen.

Wer aber stellte jene Krieger, die auf der Burgmauer patrouillierten, während wir dem neu entdeckten Post-Heroismus frönten?

Wer griff in Jugoslawien ein (nachdem die Stunde Europas doch nicht geschlagen hatte), um die Kriegsparteien zum Abkommen von Dayton zu führen? Wer hat Saddam Hussein und sein Massenvernichtungswaffen-Programm durch militärischen Druck in Schach gehalten und ihn aus Kuwait gejagt (auch wenn die 2003-Invasion verfehlt war)? Wer hält die Verkehrswege auf den Weltmeeren offen - beziehungsweise die Handelsrouten der europäischen Staaten?

Bisher konnte sich Europa unter dem 600-Milliarden-Dollar-Schutzschirm der Vereinigten Staaten dem Aufbau einer beeindruckenden wirtschaftlichen Union widmen und gelegentlich die amerikanischen Abenteuer in Nahost monieren, ohne selber allzu viele Gedanken und Euros für die Verteidigung des Kontinents aufzuwenden.

Während seiner Kampagne hat der designierte US-Präsident Donald Trump jedoch nahegelegt, dass er das amerikanische Engagement zur Verteidigung Europas, unter anderem durch die NATO, sowie zum Schutze anderer traditioneller Verbündeter reduzieren will. Zumindest aber sollen die Verbündeten der USA mehr zur Verteidigungsgemeinschaft beitragen.

America First

Wer Trumps Kampagne verfolgt hat, weiß, wie erratisch und inkonsistent der zukünftige US-Präsident währenddessen aufgetreten ist und dass er keine klare außenpolitische Linie artikuliert hat. Dennoch ist es nicht abwegig, davon auszugehen, dass das „America First" in der Außenpolitik der Vereinigten Staaten demnächst lauter ausgesprochen werden wird als bisher.

Obwohl niemand in die Zukunft blicken kann - zumal was „the Donald" betrifft - ist es ein interessantes Gedankenspiel, dass unser Sorgen-geplagter Zipfel Eurasiens bald, nun ja, alleine dastehen könnte. Gerade jetzt, da in Russland und der Türkei die imperialen Geister erwacht sind und die Wütenden des islamischen Kulturraums mit Brachialgewalt gegen die westliche Moderne anrennen.

Vom Donbas durch das östliche Anatolien und die Kaukasusländer bis in den Maghreb ist Europa von politischer Instabilität umgeben, welche die Fundamente unserer Nachkriegsordnung, des kurzen Friedens, bedrohen.

Und jetzt wollen sich die Amis zurückziehen? Was für ein Timing!

Während die Schatten an unseren Rändern wachsen, mussten wir auch im Inneren bittere Pillen schlucken:

Der sogenannte Brexit lässt den Ärmelkanal um einiges größer erscheinen. Die Eurokrise hat ein Flutlicht auf die wirtschaftlichen, historischen und kulturellen Demarkationslinien zwischen Nord und Süd geworfen - und die Flüchtlingskrise auf jene zwischen Ost und West. Rechtspopulisten sind gestärkt und das Vertrauen in Brüssel ist geschwächt.

Wie könnte die Umsetzung von Trumps Wahlversprechen vor diesem Hintergrund das europäische Projekt retten?

EU-Kommissionspräsident Juncker hat einen Teil der Antwort bereits in seiner Berliner Europarede gegeben:

Der Aufbau einer europäischen Armee als Ziel einer Verteidigungsunion.

Die wie selbstverständlich hingenommene Aussichtslosigkeit eines solchen Unterfangens war stets eines der deutlichsten Anzeichen dafür, dass es sich bei der EU um einen Staatenbund und keineswegs um einen Bundesstaat handelt (und handeln wird).

Dieser Umstand trat auch während einer kleinen Podiumsdiskussion im Brüsseler EU-Orbit in den Vordergrund, der ich als Zuschauer beiwohnte. Obwohl ich anfangs vor allem MEP Elmar Broks Teilnahme interessant gefunden hatte, prägte sich mir schließlich die Klage einer amerikanischen Diskutantin ein, welche Europas Verteidigungsträgheit bemängelte. Die Idee ist also vieldiskutiert und vielverworfen.

Doch erfahrungsgemäß wächst das Rettende, wo die Gefahr ist. Auch Bismarcks Deutschland wurde bekanntlich nicht allein durch Wohlstandsversprechen oder das Hochhalten gemeinsamer Werte geschmiedet - sondern durch den Ernstfall.

Dem Ernstfall mit einer Verteidigungsunion begegnen

Die Europäer verstehen zunehmend, dass der gegenwärtige Übergang von einer unipolaren in eine multipolare Weltordnung sowie die langsame Machtmigration von West nach Ost zusammen mit den Auswirkungen des Klimawandels im Globalen Süden keine ganz unblutige Angelegenheit sein wird.

Falls interne Probleme noch keine ausreichende Druckkulisse darstellen sollten, mag die äußere Bedrohung einen drastischeren Effekt haben:

Wenn die Wirtschaftsunion durch eine Verteidigungsunion ergänzt wird, weil Trumps Amerika ein Sicherheitsvakuum hinterlässt, kann die pragmatische Zusammenarbeit für unser aller Sicherheit noch weitere Formen der Kooperation befördern. Dadurch haben gemeinsame Werte die Möglichkeit, sich zu verfestigen, nachdem sie an den Wirren unserer Zeit getestet wurden.

Das Horten von Konserven kann allerdings auch nicht schaden.

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