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Es reicht nicht, das „Wir haben keine Angst"-Credo zu wiederholen

25/11/2015 12:37 CET | Aktualisiert 25/11/2016 11:12 CET
oksix via Getty Images

„Niemand verdient seiner Güte wegen gelobt zu werden, wenn er nicht auch die Kraft hat, böse zu sein. Jede andere Güte ist meist nur Trägheit und Willensschwäche", meinte zumindest François VI. de La Rochefoucauld, ein französischer Militär und Literat im Siebzehnten Jahrhundert.

Im Grunde sollten einige Tausend chancenlose Jugendliche, Fanatiker und Größenwahnsinnige unter der Führung ehemaliger Baath-Kader nicht als unbezwingbarer Dämon durchgehen.

Fühlen Europäer sich wegen vergangener Nahost-Abenteuer noch gebrandmarkt? Sind wir zu nett, um den IS effektiv zu bekämpfen?

Bleibt uns nach den Terroranschlägen in Paris (und den vorangegangenen Anschlägen) wirklich nichts anderes übrig als die Sicherheitsvorkehrungen innerhalb der EU hochzufahren, dadurch unsere Freiheiten einzuschränken ... mit jedem Anschlag ein wenig mehr ... bis die Freiheit, unsere Lebensart, nicht mehr das Transparent wert ist, auf dem sie während Trauermärschen und Demos in die Welt getragen wird?

Auf der einen Seite bekunden wir trotzig, wir hätten keine Angst, nur um beim nächsten Knall irgendwo in Paris panisch davon zu stürzen.

Diese Reaktion ist genauso menschlich und nachvollziehbar wie bezeichnend - ein Zeichen, das sich die Jungs von IS, Al-Qaida und Co. sehr genau ansehen. Und die wissen, was sie davon zu halten haben.

Bin Ladens Ansichten

Schon vor einer gefühlten Ewigkeit, während eines Interviews mit ABCNEWS Korrespondent John Miller im Jahr 1998, beurteilte Osama Bin Laden dieses Verhalten folgendermaßen:

Der Top-Terrorist war ein intelligenter Mann, der aufmerksam verfolgt hatte, wie die USA nach Angriffen auf ihre Soldaten Hals über Kopf aus Beirut und später aus Somalia flohen.

Kaum war mit dem Aufbau einer neuen Weltordnung begonnen worden, hatte sie auch schon ein Gschmäckle. Bin Laden kam, sah und verstand, wie wir ticken, dass man westliche Lebensfreude auch schlicht als Furcht und mangelnde Opferbereitschaft begreifen kann - je nachdem, welchen Standpunkt man einnimmt.

Versteckspiele

Eine Zeit lang können wir so weitermachen wie bisher. Wir können uns an mittlerweile altbekannte Worthülsen klammern wie "Der Terror gewinnt nur, wenn wir uns vor ihm fürchten", "Das Problem muss an der Wurzel angepackt werden", "Lass dich von den Medien nicht verrückt machen" und "Gewalt provoziert nur mehr Gewalt".

Wir können so tun, als müsse man einfach das "Wir haben keine Angst"-Credo wiederholen und ruhig bleiben, damit die Gegenseite nicht gewinnt. Wir halten uns vom K-Wort fern und demonstrieren Geschlossenheit.

Doch was, wenn sich die Samstage mehren, an denen man lieber drinnen bleibt und wenn die Fahrt im vollgepackten Stadtbus aus ganz anderen Gründen bedrückend wird?

Was ist, wenn immer offensichtlicher wird, dass die zur Schau gestellte Resilienz einer Gesellschaft, deren Lebensweise über Jahrzehnte hinweg unangefochten blieb, nur als Mittel dient, dem Kampf für die eigenen (ungern definierten) Werte aus dem Weg zu gehen?

Niemand sollte glauben, dass die Gegner des Westens unsere reflektierte Zurückhaltung und medienwirksamen Furchtlosigkeitsbekundungen als eine spezielle westliche Stärke begreifen würden.

An der Seite Frankreichs?

Wenn Europäer nach den fürchterlichen Anschlägen in Paris nicht an der Seite Frankreichs stehen, wenn sie sich spalten und gegen Flüchtlinge aufwiegeln lassen, falls sie lieber ihre eigene Freiheit beschneiden wollen als in den Kampf zu ziehen - dann behalten die Bin Ladens dieser Generation Recht.

Dann kann der globale Dschihad das erreichen, was er anstrebt: Die Weltherrschaft.

Noch sind sie davon allerdings weit entfernt. Vor den Anschlägen von Paris musste der IS sogar gehörig einstecken. Einrichtungen zur Ölförderung wurden zerstört, wichtige Grenzregionen und Städte wurden ihm entrissen.

Kann man Syrien demzufolge in den Frieden zurück bomben? Ganz gewiss nicht. Ist der IS auf seinem Territorium militärisch zu schlagen? Ganz gewiss.

Wir sollten uns bewusst machen, was die Anführer der Freien Welt bereits in der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts begriffen: Zuweilen wächst in der Welt eine außerordentliche Bedrohung heran, welche (wie das Licht die Motten) Frustration, Aggression und unsere nackte Grausamkeit anzieht, um sie schließlich in organisierte Gewalt zu verwandeln.

Diese organisierte Gewalt muss konzertiert, ganzheitlich und auch mit organisierter Gegengewalt bekämpft werden.

Lehren aus der Geschichte und die falschen Fragen

Vor 80 Jahren wurde der Faschismus als lebensbedrohlich erkannt und seine organisierten Ausprägungen, seine Staatwerdung in Form des Deutschen Reichs und Japans wurden bekämpft.

Sind Nationalismus und Faschismus überall und auf ewig bezwungen worden? Nein. War es dennoch notwendig zu kämpfen? Ja.

Wir stellen uns zahlreiche Fragen, zum Beispiel, ob man Terrorismus überhaupt in einem Krieg bezwingen kann. Auch der Vorwurf, es handele sich um einen Krieg gegen den Islam, steht schon lange im Raum.

Dabei sind diese nicht mehr die entscheidenden Fragen. Selbstverständlich ist der Islam nicht der Gegner. Der militante Islamismus ist die Gefahr, die wir bekämpfen müssen. Im IS hat sich diese Jahrzehnte alte Gefahr organisiert und ist Staat geworden.

Dass es sich bei der Kampfstrategie des Gegners um Terrorismus handelt, sollte auch nicht die Frage aufwerfen, ob dieser überhaupt zu besiegen ist. Es ist schlichtweg der beste Grund, sich diesem Kampf mit aller Kraft zu widmen.

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