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Iran und der erschöpfte Westen

21/08/2015 14:56 CEST | Aktualisiert 21/08/2016 11:12 CEST
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Wenn man morgens aufwacht und nach einem Blick zum Bettnachbarn erschauernd feststellt, mit wem man die letzte Nacht verbracht hat, ist es durchaus kommod, den Misserfolg auf alkoholinduzierte Fehleinschätzungen zu schieben.

Nur wenige haben dann die Größe, sich einzugestehen, dass es nicht am letzten Bier lag, sondern an einer dämonischen Mixtur aus notgeiler Verzweiflung und Defätismus im Angesicht übermannender Herausforderungen. Jawohl, manchmal muss man es sich einfach schön denken.

Das war bereits eine erfolgreiche Übung britischer Politeliten in den 1930ern. Von Lord Lothian, der befand, im Rheinland seien die Deutschen lediglich in ihren Hinterhof einmarschiert, über Geoffrey Dawsons Erklärung, Hitlers Handeln müsse vor dem Hintergrund einer verständlichen Einkreisungsangst begriffen werden, bis hin zu Neville Chamberlain, der den Nazis die Tschechoslowakei zur Beschwichtigung überließ, hat die (Friedens)Liebe regelrecht blind gemacht.

Als der Wecker klingelte und man verschlafen feststellte, mit wem man ins Bett gestiegen war, hallte die Symphonie des Untergangs bereits durch Polens Wälder.

Der aufmerksame Zeitungsleser ahnt bereits, dass ich mich mit diesen Anspielungen auf britische Eliten vor dem Zweiten Weltkrieg auf den gegenwärtigen Atom Deal zwischen den E3/EU+3 und der Islamischen Republik Iran beziehe.

Natürlich muss man voranstellen, dass es sich dabei lediglich um strukturelle Analogien handelt, da Khamenei kein Hitler ist, die Iraner keine Nazis sind und die Islamische Republik auch keine Nachbarländer überfällt beziehungsweise annektiert.

Dennoch kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, dass dieses Abkommen einer gewissen existenziellen Erschöpfung geschuldet ist, welche sich im Westen aus anhaltenden Finanzkrisen, schwindendem Vertrauen in westliche Institutionen, Überfremdungsängsten angesichts großer Migrationsbewegungen und demographischer Schwäche in weiten Teilen Europas zu speisen scheint.

Dies erklärt auch eine geradezu defätistische Neigung, die 700 Hinrichtungen, die 100 eingesperrten Mitglieder der Baha'i-Minderheit sowie einen inhaftierten Washington Post Reporter in Iran im vergangenen Jahr komplett zu ignorieren.

Leichter als dem EU-Mitglied Griechenland Schulden zu erlassen, fiel es den Europäern, Teherans Großmachtbestrebungen von Sana'a bis Gaza sowie die Unterstützung der Mullahs für Hamas' und Hisbollahs Kampf gegen Israel als separates Thema zu behandeln.

Wenn der Atomstreit und der Export von Terrorwerkzeugen nichts miteinander zu tun haben, dann bleibt einem in der Tat nichts anderes übrig als darauf zu hoffen, dass Iran eine Friedensmacht mit Stabilisierungspotential ist.

Vielleicht ist es für den Westen wirklich an der Zeit, sich vor dem Hintergrund der überwältigenden Kakophonie im Nahen Osten die eigene Unzulänglichkeit einzugestehen und das Feld neuen Regionalmächten mit abweichenden Menschenrechtsvorstellungen zu überlassen ... Sie hatte einfach irgendwas; irgendwie ganz schöne Augen - und sie ist auch echt nett.


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