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Unserer Gesellschaft gehen die Antworten aus

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Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass wir zum Mond geflogen sind. Mittlerweile steckt in einem Auto mehr Rechenleistung als damals in einer Apollo-Kapsel. Durch verbesserte Hygiene und Medizin hat sich die menschliche Lebenserwartung in anderthalb Jahrhunderten verdoppelt.

Und jetzt? ... Jetzt müssen "March of Science"-Demos organisiert werden, damit wir das alles nicht vergessen?

Das Führungspersonal der freien Welt jongliert mit alternativen Fakten; von dem Lebensstandard der Abgehängten der westlichen Welt hätten deren Urgroßeltern nur träumen können - und doch sympathisieren Tausende mit modernitätsverweigernden Terroristen.

Warum?

Aufklärung frisst Ausrufezeichen

Der Mensch sehnt sich nach Wahrheiten - nach Ausrufezeichen. Doch sobald er heute versucht, ein Fragezeichen wegzugoogeln, entsteht gleich ein neues! Was bleibt da an Wahrheiten noch übrig?

Die Parteizugehörigkeit ist für den politischen Verbraucher nur eine Lebensabschnittsidentität. Gottes Wort zählt lediglich zwischen den Buchdeckeln der Bibel. Die Sitten-Weitergabe von einer Generation zur nächsten wird durch die Macht der Moden ad absurdum geführt: Wenn nichts mehr heilig ist, muss alles neu sein.

Doch ist neu tatsächlich immer besser? Alles Modische und Neue ist automatisch unerprobt. Es muss immer ein "vielleicht" hinzugedacht werden: Homosexuelle Eltern können Kinder genauso gut erziehen wie heterosexuelle ... vielleicht. Der Nationalstaat mit seinen Grenzen ist veraltet ... vielleicht. Und so weiter.

Eherne Ausrufezeichen sind hingegen ausgestorben, so wie Laternenanzünder und Aufwecker. Das kann man als Fortschritt und Ergebnis der Aufklärung bezeichnen; doch trifft es bei vielen einen wunden Punkt. Irgendwo tief drinnen. Auf jede Weisheit, jeden schlauen Spruch fällt uns (oder unserem Smartphone) ein Gegenargument ein. Churchills und Lincolns Sprüche taugen nur noch für Facebook.

Das macht unsicher und furchtsam.

Wenn uns in einem unvorsichtigen Moment die Zerstreuung ausgeht, kriechen sofort die Schatten aus ihren Löchern: Unsere Jobs sind überflüssig; unsere Wählerstimme zählt kaum; wir haben alles studiert und wissen nichts. Wir sind verloren, keine Ahnung woher und wohin. Dann wollen wir beten. Doch beten kommt uns dumm vor oder kindisch. Also werden wir vegane Humanitarians oder sowas - säkulare Essensvorschriften und Nächstenliebe ohne Gott.

Kein Ausrufezeichen scheint der Komplexität dieser Welt gewachsen zu sein. Und wir sind ihr auch nicht gewachsen. Was nun? Mehr Bildung, denn Wissen ist Macht? Falsch - Wissen macht Angst! Ganz im Ernst: Fühlst du dich wirklich besser, wenn du weißt, dass Kassenzettelbeschichtungen wegen Bisphenol-A giftig sein könnten?

Wir alle sind Maybes

Es ist also vollbracht! Die Heutigen haben die Einfältigkeit der Ahnen bezwungen - und durch Angst ersetzt.

Vielleicht stimmen Wähler deshalb für Trump, Le Pen, Erdogan und all die anderen. Vielleicht weil Komplexitätsreduktion das Zauberwort ist; vielleicht weil die nicht so oft "vielleicht" sagen.

Und das Beste, was den Gemäßigten und Progressiven, den anti-autoritären, glühenden Demokraten dazu einfällt, ist "komplex" durch "bunt" zu ersetzen. Dieselben Leute, bzw. ihre Sprachrohre, produzieren Worthülsen wie "Für komplexe Probleme gibt es keine einfachen Lösungen" - eine Binse, die man Populisten gerne an den Kopf wirft, diesen Weltvereinfachern.

Dabei ist natürlich richtig, dass es für vielschichtige Probleme keine einschichtigen Gegenmittel gibt. Nur interessiert das niemanden. Und damit meine ich nicht jene, die von Geburt an auf die Stunde der Populisten gewartet haben, da sie nie eine Chance hatten oder einfach nur hohl sind. Sogar von denen wissen viele, dass nicht jedes Problem in Gegenwart eines Hammers zum Nagel wird.

Komplexitätsbeweihräucherung

Nein, ich spreche von ganz normalen, netten Menschen: Menschen, die die Finanzkrise, eines der bedeutsamsten Ereignisse ihres Lebens, nur bedingt verstehen (während der Verdacht naheliegt, dass es bei den Hauptverursachern ganz ähnlich war); Menschen, zu deren Allgemeinbildung plötzlich die Unterschiede zwischen Transvestit, transsexuell, Transmann, Transfrau usw. zählen sollen, obwohl sie nicht einmal das andere Geschlecht verstehen;

Menschen, die sich um die Misere von Minderheiten auf anderen Kontinenten kümmern sollen, obwohl sie schon mit sich selbst überfordert sind; Menschen, denen man sagt: Unwissenheit schützt nicht, doch für all die AGB bräuchten sie drei Lebzeiten und für einen gewöhnlichen Rechtstext entweder einen Professorentitel oder Nerven aus Stahl; Menschen, die Weltbürger sein sollen, obwohl der Sachse den Bayern kaum versteht.

Da bekommt man es schon mal mit der Angst zu tun - von den Medien vervielfacht. Und weil wir "wegen unserer Geschichte" ja wissen, wozu das führen kann (Angst vor dem Fremden, vor der Moderne), haben wir auch noch Angst vor der Angst.

Wir haben gesehen, wie für neue Energieformen Hiroshima und Nagasaki verbrannten; wie für schnellere Fortbewegung der Nahe Osten und Afrika verdorren; wie für individuelle Freiheiten die Gesellschaft vergreist. Keine Problemlösung und kein Fortschritt bleiben ungestraft. Wer diese Entwicklung durch die Generationen zurückverfolgt, empfindet bisweilen ein gewisses Verständnis für die Amischen.

Wie ein Schiff auf hoher See

Um es mit der Metapher des Philosophen Otto Neurath auf den Punkt zu bringen: Wir sind wie ein Schiff, das auf offener See ohne Unterlass umgebaut werden muss. Wir passen an und bessern aus, probieren und tüfteln, um auch der nächsten Welle standhalten zu können, während wir mit einem Affenzahn immer weiter und ohne Kompass hinausfahren.

Wenn wir keine Wege finden, uns selbst zu erklären, weshalb diese permanente Hochgeschwindigkeitsveränderungsorgie, das Jagen neuer Ideen und Wecken neuer Ambitionen, die zunehmende Komplexität, weshalb all das in unserem Sinne sein soll - dann werden Komplexitätsschleifer wie Donald Trump weiterhin ihre Chance bekommen.

Kurz: Sind unsere Gewinne aus der Komplexität (wirtschaftliche wie psychische) größer als die Ausgaben für ihren Erhalt? Bunt, vielfältig, offen und harmonisch sind zwar schöne Adjektive ... aber noch keine Antworten.

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