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Männer: Wir sind ein Verein von Genies und Vollpfosten

15/09/2015 16:22 CEST | Aktualisiert 15/09/2016 11:12 CEST
thinkstock

Wenn ich mich zurzeit auf Jobsuche begebe - eine meiner Lieblingsbeschäftigungen - lese ich auf einschlägigen Internetseiten immer häufiger das Wort „Gender". Gender ist mittlerweile ein alter Bekannter, so vertraut wie unnahbar: Gender Equality, Gender Adviser, Gender Project Officer aber auch Girls' Education und Empowerment of Women. Eigentlich schließt Gender auch Männer ein - diese haben oder sind ja auch ein Gender - doch uneigentlich schließt es Frauen ein bisschen mehr ein, zumindest in meiner eigenen subjektiven Wahrnehmung.

Ist das ein Problem? Nach meiner Auffassung nicht. Chancengleichheit ist eines der Geheimrezepte erfolgreicher Gesellschaften und in der Geschichte hatten Frauen stets die schlechteren Karten. Die sich daraus ergebende Förderung von Frauen ist also eine sehr positive Entwicklung.

Damit könnte ich diesen Artikel beenden, doch weil das recht langweilig wäre, setzte ich noch eine Frage hintendran:

Was ist eigentlich mit den Jungs?

Was passiert mit all den Patriarchen und CEOs, den Gerhard Schröders sowie den Dschinghis und Oli Khans - eben all jenen Mannsbildern, die zunehmend von erfolglosen Schulabbrechern und Wannabe-Gangstern ersetzt werden? An den Unis setzt sich dieses Phänomen fort: Laut OECD sind in den Mitgliedsstaaten 56% der eingeschriebenen Studenten weiblich - Tendenz steigend.

Auch danach, an der Schwelle zum Berufsleben, findet man bei den relevanten Praktika, jenen die als Elitenschmiede gelten, des Öfteren einen deutlichen Frauenüberschuss. Auch begehrte Arbeitgeber wie das Auswärtige Amt "ermutigen" gerade Frauen, sich zu bewerben.

Summa summarum sieht es zumindest hierzulande gar nicht so schlecht aus, was die Erfolgschancen von Frauen anbelangt. Dass wir eine Bundeskanzlerin und eine Verteidigungsministerin haben, ist schon gar nicht mehr der Rede wert.

Fairerweise darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich in vielen Chefetagen, vor allem in bestimmten Berufsgruppen, weiterhin Männervereine tummeln, wo man sich gegenseitig die Klinke in die Hand drückt und die Aussicht von der gläsernen Decke aus genießt. Das ist gewiss kein feministisches Kampfgepolter, sondern die Realität. Ich habe mit den Burschen da oben zwar noch nie Zigarren in Chesterfield-Sesseln gepafft, bezweifle aber nicht, dass sie es tun.

Den meisten ist bewusst, dass bei weitem nicht alle Frauen schlechte Jobs haben und nicht alle Männer auf Donald-Trump-Niveau leben. Ganz im Gegenteil: Obwohl Stenograph/in, Sprechstundenhelfer/in, Kindergärtner/in und Bürofachkraft (alles Berufe mit über 70% Frauenanteil) nicht unbedingt als Traumjobs gelten, sind sie allemal weniger schmutzig und gesundheitsschädigend, körperlich weniger anstrengend und schlichtweg weniger gefährlich als viele klassische Männerdomänen.

Auch heute noch sind Arbeitsunfälle in erster Linie Männersache: Im Jahr 2013 wurden im Bereich Landwirtschaft und Jagd 64.565 Arbeitsunfälle von Männern und 17.509 Arbeitsunfälle von Frauen verzeichnet. Bei der Gewinnung von Steinen und Erden und im sonstigen Bergbau ist das Verhältnis 1.810 zu 16. Weitere Beispiele findet man schnell.

Männer zeichnen sich also zum einen dadurch aus, dass sie häufiger in Chefetagen anzutreffen sind und zum anderen, dass sie ebenjene Arbeitsbereiche dominieren, für die besonders selten Frauenquoten gefordert werden. Maurer, Maschinenschlosser, Metallarbeiter sowie Lager- und Transportarbeiter weisen allesamt einen Frauenanteil von unter 20% auf.

Und der wohl wichtigste Punkt: Für viele der klassischen Männerdomänen, vor allem die gefährlichen und physisch fordernden, sind hohe Bildungsabschlüsse sicherlich kein wichtiges Kriterium - für leitende Funktionen beziehungsweise all jene Jobs, die hohes Ansehen genießen allerdings schon. Wie bereits erwähnt, schneiden Frauen gerade dort zunehmend gut ab.

Während Jungs sich langsam aber sicher zu den Bildungsverlierern in unserer Wissensgesellschaft entwickeln, wird es immer weniger Berufe geben, die man als ungelernter Mann noch ausführen kann, um sich eine halbwegs sichere Existenzgrundlage zu schaffen.

Von Frauen an den Schulen verdrängt, in vielen Medien und der Politik mit dem Bild des Mannes als Unterdrücker und der Frau als Opfer konfrontiert, steht eine steigende Anzahl junger Männer ohne Perspektive und gefestigte Identität da, ohne männliche Vorbilder, dafür aber mit Unterlegenheitskomplexen.

Falls sich die Staaten angesichts der europäischen Flüchtlings- und Finanzkrisen vermehrt mit Rechtsterrorismus konfrontiert sehen werden, wissen wir weshalb: Es werden wieder diese kraftstrotzenden aber abgehängten jungen Männer sein, "needy and hardy", die Unruhe stiften. Denn es sind meistens junge Männer, für die Versagen bedeutet, sich kampflos unterbuttern zu lassen, weil sie auf Erfolg geeicht sind - weil der Islamische Staat und brennende Gebäude für viele immer noch besser sind als Schall und Rauch zu sein.

Früher konnte man potentielle Unruhestifter ganz mühelos in Kriege, gigantische Fabriken und Kolonien schicken. Mittlerweile kommen die jungen Verzweifelten aus den früheren Kolonien zu uns. Und wenn ihre Zukunft nicht gelingt und sie sich auch hier relativ depriviert fühlen, dann gesellen sie sich mit ihrem unruhigen Kern zu unseren eigenen Verlierern - und dann wird's lustig.

Ja, Männer sind extrem, das waren sie schon immer - im Guten wie im Schlechten. Hitler und Stalin waren Männer, die meisten Schwerverbrecher und Gewalttäter ebenfalls. Die Menschen, die auf dem Mond gelandet sind und Computer erfunden haben aber auch.

Wir sind ein Verein von Genies und Vollpfosten

Doch in einer alternden Gesellschaft, die ihren Status Quo mit Audi und Vorgarten schützen sowie Risiken vermeiden oder zumindest ordentlich „verwalten" will, wo jeder kreative Ausraster und jedes Sterne-kotzen nur eine Gefährdung der empfohlenen roten Linie im Lebenslauf ist, dort ist das Riskant-Extreme, das Obsessiv-Aufbrausende nicht sehr beliebt.

Kontrollierte Männlichkeit ist natürlich eine sehr zivilisierte Errungenschaft, so wie alkoholfreies Bier und komplett durchgeplanter Adventure-Urlaub auch. Das weiblich-kommunikative Element kann sich sehr zivilisierend auf ein Land auswirken. Doch bedeutet das auch, dass man Generationen von jungen Männern beibringen kann, den ganzen Tag still vor dem Lehrerpult zu sitzen, dabei ihre Gefühle zu artikulieren und gewaltfrei zu spielen? Kann man Jungs so leicht, nun ja, kultivieren? Kann man Frauenförderung auf Männer anwenden oder wird es Zeit für ein wenig Männerförderung?

Darf man es zulassen, dass Jungs abstürzen, Asylunterkünfte anzünden oder im Nahen Osten kämpfen? Kann man die Schulen, Unis, das Lesen und das Sich-engagieren gänzlich Frauen überlassen, ohne einen Rückprall zu erwarten? Eine Gesellschaft, in der irgendwelche Asis die authentischsten Männlichkeitsdarsteller sind, braucht ganz dringend ein vernünftiges Männerbild, eines das mehr beinhaltet als Fußballstars und Flo Rida.

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